Was passiert im Bilderbuch?

Kerstin M. Schuld/Sandra Grimm – Ravensburger mini steps: Was passiert im Kindergarten? Cover: Ravensburger

Die unschuldigen Verpackungen sind die perfidesten. Kerstin M. Schuld und Sandra Grimm haben ein liebliches Buch über Jungen und Mädchen vorgelegt, das auf die Faust beißen lässt.

von CHRISTIAN A. BACHMANN

Kinder- und Jugendliteratur ist das ungeliebte Stiefkind der Literaturwissenschaft. Schaut man sich gängige Kanones an (und ignoriert dabei für einen kurzen Moment ihre intrinsischen Probleme), wird man darin kaum auf Jugend- und noch weniger auf Kinderliteratur stoßen, etwa Bilderbücher. Als Vater eines 14-monatigen Jungen* spielen gerade solche Bücher in meinem Leben aber eine zunehmende Rolle – und diese Rolle ist bei Weitem nicht immer glanzvoll. Nehmen wir ein Beispiel. 2016 bei Ravensburger erschienen, will Was passiert im Kindergarten? von Kerstin M. Schuld (Illustration) und Sandra Grimm (Text) erzählerisch über Kindertagesstätten informieren. Der Klappentext klingt harmlos genug: „Im Kindergarten ist immer etwas los. Da wird gebastelt, gemalt, gespielt und gemeinsam gefrühstückt. Mit kurzen Reimen und emotionalen Bildern werden die Kleinen behutsam in die Welt des Kindergartens eingeführt. Hinter den Schiebern gibt es viel zu entdecken.“

Der König krönt sich selbst

Auf drei Doppel- und zwei Einzelseiten erzählt das Autorinnenduo eine Geschichte, die sich knapp zusammenfassen lässt: Der Ich-Erzähler ist ein namenloser Junge, der eines Tages zu spät in den Kindergarten kommt: „Hallo Mia, ich bin da! / Warte, ich spiel mit – na klar! / Jacke aus und Hausschuh an – / schau, wie gut ich das schon kann!“ So beginnt die Geschichte und so setzt sie sich auch fort. Der Junge ist die unangefochtene Hauptfigur, alles dreht sich um ihn. Wie aber schon der erste Satz deutlich macht, gibt es auch noch andere Figuren, einige Statistinnen und Statisten sowie das Mädchen Mia. Mia trägt ihre blonden Haare lang und ihre Kleidung pink. Unglücklicherweise hat sie ausgerechnet an dem Tag, von dem die Geschichte erzählt, ihr Frühstücksbrot vergessen. Zum Glück kann der Ich-Erzähler sie retten, indem er sein Frühstück mit ihr teilt. Nur hat das alles mit Glück nichts zu tun, denn wie bei allen Narrationen handelt es sich hier natürlich um eine Inszenierung. Es sollte überflüssig sein, dies zu erwähnen, doch es ist gerade bei sich unschuldig gerierenden Kinderbüchern wichtig, das nicht aus dem Hinterkopf zu verlieren. Schauen wir uns die Szene an: „Wir sind hungrig, jetzt gibt’s Essen. / Mia hat ihr Brot vergessen. / Macht doch nichts, dann teile ich. / Hier Mia, das ist für dich.“ Das ist doch nett, oder? Der Junge teilt mit Mia, beide bekommen etwas in den Magen. Das Bild zeigt die beiden am Frühstückstisch umgeben von drei anderen Kindern und der Erzieherin; Mia und der Junge öffnen ihre Frühstücksdosen, doch Mias ist offenkundig leer. Zieht man nun an einem der im Klappentext beworbenen Schieber, zeigt das Bild in der nächsten Phase die glückliche Mia, die ihrem Retter einen Kuss auf die Wange gibt. Obschon erst wenige Jahre alt, ist sie eine klassische damsel in distress. Welches Kindergartenkind vergisst schon das eigene Frühstück? Liegt das nicht eher in der Verantwortung der Eltern? Dem Jungen gibt das die Gelegenheit, sich ritterlich zu zeigen – und dem Mädchen jegliches Agens abzusprechen. Dass er sich auf dem Höhepunkt der Geschichte eine Papierkrone bastelt und sich damit bekrönt, könnte es kaum besser auf den Punkt bringen.

Ein Versprechen als Fluch

Das Buch verspricht auf der Rückseite, es „[e]rweiter[e] den Wortschatz“, diene dem „gemeinsamen Anschauen und Vorlesen“ und „[t]rainier[e] Motorik und Wahrnehmungsfähigkeit“. Darüber hinaus schult das Buch fraglos auch im Erkennen – und letztlich Kopieren – von Rollenbildern. Schuld und Grimm verpacken diese Rollenbilder, die asymmetrische Verteilung von Agentialität, die Semiotik der Geschlechterrollen (von denen die fast durchweg ge-genderte Kleidung nur der offensichtlichste Teil ist), in „kurzen Reimen“, „emotionalen Bildern“ und „[h]inter den Schiebern“.

Als Vater (mit eigenen patriarchalen Leichen im Keller), habe ich nicht nur das Recht, sondern vor allem die Pflicht, das Kind zu ‚erziehen‘, ihm zumindest Stupse in die ‚richtige‘ Richtung zu geben. Das ist schwierig genug – es wird nicht leichter, wenn Bücher unter dem Mantel der Lieblichkeit diese Anstrengungen unterminieren und damit – ob wissentlich oder aus Ignoranz – das Patriarchat stützen und aktualisieren. Ich könnte leider weitere Beispiele nennen.

Kerstin M. Schuld (Illu.)/Sandra Grimm (Text): Ravensburger mini steps: Was passiert im Kindergarten? 

Ravensburger, 10 Seiten

Preis: 9,99 Euro

ISBN: 978-3-473-31708-0

 

*Ob und welches Geschlecht das Kind hat, darüber lassen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt freilich nur an Äußerlichkeiten Vermutungen anstellen. Hier soll nicht einer strikten Geschlechterdichotomie das Wort geredet werden.

 

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Ein Gedanke zu „Was passiert im Bilderbuch?

  1. Ein Hoch auf den Autor dieser Besprechung! Danke sehr für die Positionierung von Kinderliteratur an dieser Stelle – bei Gelegenheit vielleicht auch mal was Lesenswertes vorstellen, liebe Redaktion – und danke für die gendersensible Auslegung des Ravensburger Rührstücks!

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