Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos

"Der Ring an einem Abend" am Aalto-Theater Essen Foto: Matthias Jung

„Der Ring an einem Abend“ am Aalto-Theater Essen Foto: Matthias Jung

Während die Deutsche Oper am Rhein aktuell über mehrere Spielzeiten hinweg mehr oder weniger erfolgreich den gesamten Wagner’schen Ring-Zyklus inszeniert, macht es sich das Essener Aalto-Theater einfacher und nimmt Loriots Der Ring an einem Abend in sein Programm. Statt 15-stündigem Bombast erleben die Besucher in Essen eine urkomische, dreistündige Reduktion, die Wagners Meisterwerk trotz all ihrer Albernheiten nie bloßstellt, sondern sich vor ihm verbeugt. 

von STEFAN KLEIN

Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, war über viele Jahre nicht aus dem deutschen Fernsehen wegzudenken. Seine Sendungen mit Evelyn Hamann finden auch heute, vornehmlich zu Silvester, ihren Weg in die Wohnzimmer Deutschlands und es gibt wohl nur wenige, die nicht wenigstens einen der ikonischen Sketche von Loriot kennen.

Das Essener Aalto-Theater zeigt nun eine (etwas) andere Facette des Komikers und präsentiert seinen Ring an einem Abend. Ursprünglich als Einführungsveranstaltung für den Mannheimer Ring-Zyklus 1992 geplant, dampft Loriot in seiner sehr eigenen Art und Weise die komplizierte Geschichte von Wagners Ring-Universum so ein, dass die vier Opern in einem einzigen, sehr unterhaltsamen Abend Platz finden. Dies geschieht mit herrlichen Erklärtexten aus Loriots Feder und einer Art „Best of“ der wichtigsten Musikstücke des Rings.

Atomkraftwerk, Wanne und Sofa: Alles da, was man braucht

Nun hat zwar niemand auf der Bühne eine Nudel im Gesicht oder macht sein Jodeldiplom, doch Loriot-Fans kommen in den gut drei Stunden Ring an einem Abend im Essener Aalto-Theater trotzdem voll auf ihre Kosten. In Sascha Krohns Inszenierung treffen sich Wagners Helden zur jährlichen „Ring-Konferenz“ und erleben ihre eigene Geschichte erneut. Zur Ouvertüre halten sie sich wie zum Tischgebet die Hände, doch wenn sie gerade nicht Teil der Handlung sind, stricken sie lieber oder lesen ein Buch. Aufgefordert vom Leiter der Konferenz, einem nicht zufällig an Loriot erinnernden Jens Winterstein aus dem Essener Schauspielensemble, treten sie auf und präsentieren ihren Teil der Geschichte. Dies geschieht in der Regel in einem Setting aus dem Loriot-Universum. Man findet das Spielzeug-Atomkraftwerk der Hoppenstedts ebenso wie die Badewanne der Herren Müller-Lüdenscheidt und Klöbner, den Vorwerk Staubsauger, das berühmte grüne Sofa und natürlich Möpse. Erst einen Mops, später bevölkert eine schwer zu bändigende Mopsschar die Bühne.

Mit all diesen deutlichen Anspielungen und Zitaten hat es sich Krohn zwar relativ leicht gemacht, doch das Premierenpublikum dankt es ihm. Immer wieder kann man regelrecht die Groschen fallen hören, wenn die spießbürgerlich daherkommende Sieglinde (Jessica Muirhead) wie „Renate“ ihr Haar löste oder das gesamte Ensemble während des großen Liebesduetts zwischen Siegfried (Jeffrey Dowd) und Brünnhilde (fantastisch: Daniela Köhler) das Bett hinter ihnen in Bettenkauf-Sketch-Manier gründlich testet.

"Der Ring an einem Abend" am Aalto-Theater Essen Foto: Matthias Jung

„Der Ring an einem Abend“ am Aalto-Theater Essen Foto: Matthias Jung

Solisten zwischen Klamauk und Wagner

Robert Jindra hätte sich als neuer erster Kapellmeister der Essener Philharmoniker sicher keine bessere erste Premiere aussuchen können. Er ist mit seinem Orchester durchgehend auf der Bühne präsent und kann sich damit gut dem Essener Publikum vorstellen. Der charmante 41-Jährige hat die große Wagner-Besetzung gut im Griff und schafft es vor allem ab der zweiten Hälfte des ersten Aktes, sich auf die dynamischen Herausforderungen eines so großen Orchesters auf und nicht etwa unter der Bühne einzustellen, und bewältigt den Spagat zwischen Wagner-Meisterung und Nichtübertönung der Solisten. Dies geht anfangs zwar vor allem zu Lasten der Rheintöchter (Tamara Banješević, Marie-Helen Joël und Liliana de Sousa), diese machen das Manko mit ihrer Spielfreude jedoch schnell wett.

Allen Solisten bereitet es sichtlich Freude, ihre hybriden Figuren zwischen Wagner-Kosmos und Loriot-Persiflage zu präsentieren. Besonders viel Tiefgang kann seiner Partie unter dieser Prämisse natürlich niemand geben, doch darum sollte es bei diesem Ring auch gar nicht gehen. Trotz der albernen Umgebung empfehlen sich die meisten Ensemblemitglieder in ihren Rollen auch für eine Besetzung in einem „richtigen“ Ring. Allen voran die einnehmende Daniela Köhler als Brünnhilde: Ihr Sopran verliert nicht einmal an Kraft, als sie fast über den Corps de Mops stolpert oder sie sichtlich mit der Fassung kämpft, als das Publikum über den komischen „Bettenkauf“ lacht, der hinter ihr stattfindet.

Für eingefleischte Wagnerianer mag die Essener Inszenierung vom Ring an einem Abend mit Sicherheit nichts sein. Sie finden womöglich Gefallen an den großartigen Essener Philharmonikern oder den motivierten Solisten. Doch die oft albernen Szenen, die kaum lauter „Loriot“ rufen könnten, könnten sie als blasphemisch abtun. Wagnerianer gehen bekanntermaßen, ohne mit der Wimper zu zucken, in fast jeden annähernd fünfstündigen Opernabend, der sich ihnen darbietet. Der Essener Ring an einem Abend ist eher etwas für Wagner-Neulinge, für diejenigen, die sich einfach mal herantasten wollen an ein überlebensgroßes Werk, das einem den einfachen Zugang normalerweise verweigert. Und wenn man dann zumindest schon einen Silvesterabend mit Loriot verbracht hat, bietet sich einem ein sehr unterhaltsamer und dennoch musikalisch höchst niveauvoller Opernabend. Und wer weiß: Vielleicht werden hier ja auch neue Wagner- und Loriotfreunde gewonnen.

 

Informationen zur Inszenierung
 
 
Nächste Vorstellungen:
 
Samstag, der 2. März
Sonntag, der 14. April
Sonntag, der 26. Mai

 

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