Die Kunst des Fremdseins

Alexander Goldstein: Aspekte einer geistigen Ehe; Cover: Matthes & Seitz Berlin

Matthes & Seitz engagieren sich für russische Literatur und bringen einen Essayroman von hypnotischer Langsamkeit heraus, der zu Widersprüchen reizt. Alexander Goldsteins Aspekte einer geistigen Ehe bietet sich an als Antidot gegen den rasenden Aufmerksamkeitsdruck unserer Zeit – und als Alteritätserfahrung.

von FELIX JUETERBOCK

An der Peripherie des sowjetischen Imperiums, in Tallinn, wurde Alexander Goldstein geboren, und am anderen Ende des Imperiums, in Baku, wuchs er auf. In den 1990ern emigrierte er als jüdischer Literaturwissenschaftler nach Israel, wo er 2006 verstarb. Aspekte einer geistigen Ehe ist in diesem Jahr neben Viktor Jerofejews Enzyklopädie der russischen Seele die zweite Neuerscheinung aus der russischsprachigen Literatur der Jahrtausendwende bei Matthes & Seitz Berlin. Als gemeinsames Zentrum eint beide das Wertevakuum und die Fragilität der postsowjetischen Existenz. Goldsteins Buch führt uns dabei sowohl durch die Gassen des alten Tel Aviv als auch durch eine Fülle literarischer Reminiszenzen.

Zeitlose Opposition

2001 veröffentlicht, ist Aspekte einer geistigen Ehe ein Anachronismus – nicht aufgrund seines Alters, sondern weil es schon in der Selbstwahrnehmung ein Fremdkörper ist. So wie die vielen russischen Figuren des Romans, welche als Wegbegleiter des Erzählers Teil einer globalen Diaspora sind und die zehn Jahre nach Auflösung ihres Geburtslandes mit einer narbigen Identität und heiklen beruflichen Perspektiven zu kämpfen haben. Der Erzähler zählt zu ihnen, und sein Werk ist auch ein Monument ihrer Melancholie.

Weit entfernt davon allerdings, das Leid der Ausgegrenzten zu besingen, begegnen wir in ihm einem Mann mit Feindbildern, in dessen Welt der Andere häufig genug auf den Objektstatus reduziert wird. Die voyeuristisch zur Schau gestellte Blindheit entspringt einer Gleichgültigkeit gegenüber dem Individuellen, das die Wahrheit des Allgemein-Menschlichen offenbar immer nur unterschreiten könne – gepaart mit jener narzisstischen Selbstbespiegelung, die zum postmodernen Spiel gehört. Man muss vor dem Buch auch fassungslos sein, sich provozieren lassen können.

Barocker Realismus

Von dem selbstbewussten Standpunkt des Erzählers ausgehend entsteht eine intellektuelle Collage, die Figuren wie Robert Musil, Yukio Mishima oder den jüngst verstorbenen Roberto Calasso heranzieht, um Position zu nehmen und die eigene Wahrnehmung abzugleichen. Die Sprache ist dabei eine Mischung aus barockem Pomp und akribischem Realismus, ihr Tempo kriechend, ihr Volumen rücksichtslos sperrig – zugleich einer bacchantischen Zerfleischung und einem Schicht um Schicht den Fels aushöhlenden Bach gleichend. „[…] träge rotieren die ledernen stachellosen Kaktusblätter des Ventilators […], die Hand hält die Morphiumampulle, Asche fällt auf die Kleidung, fleischliche Lust lindert nicht, sogar Gewalt ist getilgt, der Kommentator vermerkt große mythologische Sättigung, sicher ist er noch nie besoffen durch die Stadt geirrt, oder das war so oft, dass es für ihn Konturen der Ewigkeit angenommen hat.“ Hier muss man die Übersetzung von Regine Kühn loben, die nicht nur mit dieser Steinbeißersprache zurechtkommt, sondern auch den ausschweifenden Gestus des grantigen Intellektuellen nachzubilden weiß.

Dass die Wahrnehmung die Dinge verhülle, weil das, was geschieht, so intensiv sei, heißt es einmal. Das Buch belohnt das genaue, langsame Lesen und sperrt sich gegen jede Art von unterreflektiertem Konsum. Insofern bietet es sich für eine Übung in Gleichmut angesichts der Aufmerksamkeitsökonomisierung zeitgenössischer Belletristik an.

Erfreulicherweise wird das Buch klarer, je weiter man liest. Anschaulich sind besonders die teils erstaunlichen, teils entlegenen Metaphern aus dem Vokabular des Körperlichen. Sie haben großen Anteil daran, dass sich das Buch nicht als Essaysammlung erschöpft und immer wieder kräftige Farben und kontrastreiche Bilder evoziert.

Postmodern, trotz allem

Die postmoderne Kunst ist in dem Buch ein Objekt kontinuierlicher Belustigung. Und doch tut es viel, um dem Geächteten gerecht zu werden: Wir lesen von einem Erzähler, der dem Autor Goldstein zum Verwechseln ähnlich ist, wir lesen Urteile, die für poetologische Selbstaussagen gehalten werden können, und schließlich variiert die quälende Arbeit des Lesens nur einmal mehr das Thema von der Qual der Kunst in Zeiten ihrer kapitalistischen Verwertung, das der Text umkreist – um dabei immer wieder die leidensmindernde Kraft der Literatur hochzuhalten.

Goldsteins Erzähler ist ein Idealist, ein Verteidiger des Pathos, der uns gerade nicht zur Nachfolge aufruft. Daher auch kurz vor Schluss der Bericht über eine Performance auf dem Kreuzweg in Jerusalem, der statt mit dem Kreuz mit einer hölzernen Null beschritten wird. Der Text, dessen einsames Dasein als Fremdkörper er sich bewahrt, kann zu der Erkenntnis führen, dass der Fehler des Autors, den Anderen aus dem Gesichtskreis zu verbannen, nicht im Lesen wiederholt werden darf, sondern als Chance und Alteritätserfahrung begriffen werden sollte. Insofern lohnt das Engagement für russische Literatur schon mal.

Alexander Goldstein: Aspekte einer geistigen Ehe. Aus dem Russischen von Regine Kühn

Matthes & Seitz Berlin, 331 Seiten

Preis: 28,00 Euro

ISBN: 978-3-95757-937-9

Ein Gedanke zu „Die Kunst des Fremdseins

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