In der lesBar mit Dmitrij Schostakowitsch und allem, was hilft

Ein Stadtorchester, ein entlassener Chefdirigent, ein anglophiler Hamburger, ein melancholischer Bergsteiger, ein klingender Antifaschist, ein verstopftes Schmunzeln, ein berühmtes WarnApp-Risiko, ein unsägliches Leid und eine selten kurze Kolumne. Willkommen zur Therapiesitzung in der lesBar!

von NICK PULINA

Servus in die Runde,

vor etwas mehr als zwei Wochen saß ich in einem Konzert der Münchner Philharmoniker. Geleitet von Tugan Sochijev spielte das Stadtorchester neben Felix Mendelssohn Bartholdys Hebriden-Ouvertüre auch Richard Strauss’ Vier letzte Lieder und Dmitrij Schostakowitschs zehnte Sinfonie. 

Der Umstand, dass ich aufgrund eines Buchungsfehlers meinerseits einen zentralen Sitzplatz in der ersten Reihe bekommen hatte und während der Strauss-Lieder von keiner geringeren als Camilla Nylund frontal angejodelt wurde, hätte mich aufgrund der aktuellen Covid-Situation sicherlich zum Schmunzeln gebracht. Wer könnte schon behaupten, sich bei einer der erfolgreichsten Opernsängerinnen unserer Zeit mit der gegenwärtigen Pestilenz angesteckt zu haben?

Doch selbst nach diesem kleinen Schmunzeln war mir nicht zumute. Das Konzert fand einen Tag vor dem Rauswurf Waleri Gergsjews, nunmehr Ex-Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, in der Isarphilharmonie statt. Zwei Tage zuvor hatte der russische Angriff auf die Ukraine begonnen. Das Konzertprogramm hätte passender nicht sein können. 

Dass es sich dabei nur um Zufall (oder eine dieser schwurbeligen Vorahnungen) gehandelt haben konnte, da die erste Vorstellung bereits einen Tag nach Kriegsbeginn gespielt wurde, ist sekundär. Zu einem Zeitpunkt, an dem russische Panzer gewaltbereit Landesgrenzen überqueren, Luftschläge auf ukrainische Ziele verübt werden und selbst in Russland Menschen gegen den Irrsinn ihres Präsidenten protestieren, Schostakowitsch 10 zu hören, beschwört den sprichwörtlichen Kloß im Hals. In ihr setzt sich der Komponist mit seinen Erlebnissen des russischen Totalitarismus unter Stalin auseinander – die Transferleistung ist leicht zu erbringen, so sehr sie auch schmerzt.

Nun gut, die nicht gerade lebensbejahenden Lieder von Strauss, die sich programmatisch um wenig mehr als das endgültige Dahinscheiden drehen, haben das Framing für die anschließende Sinfonie nicht gerade positiv gestaltet, doch auch so steht das Werk für sich.

Ich fasse mich ungewohnt kurz und verfalle nicht ins unnötige Schwadronieren. Hören Sie Schostakowitschs zehnte Sinfonie, achten Sie dabei besonders auf den zweiten Satz, das sogenannte „Stalin-Porträt“ und machen Sie sich dabei Ihre eigenen Gedanken und Bilder – das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.

Einen expliziten Wein werde ich Ihnen dazu nicht empfehlen, das hat kein Weingut verdient. Mein Tipp: Trinken Sie Champagner. Wer gut drauf ist, kann einen Moment auch mit einem Glas Sekt oder Cava unterstreichen. Je weiter entfernt wir vom Zustand der Glückseligkeit sind, desto mehr Champagner müssen wir uns gönnen.

Wenn Sie Angst haben, in Zeiten des gegenwärtigen Leids mit einem Glas Champagner in der Hand falsche Bilder zu produzieren (posten Sie es halt nicht!), greifen Sie nach jeder Form von (legalen) Berauschungsmitteln, die Ihnen in die Hände fallen, harte Zeiten erfordern… Sie wissen schon.

Cheers

Ihr

Nick Pulina

PS: Im nächsten Monat ist alles schon wieder besser… hoffe ich.

PPS: Ukraine-Flaggen im Profilfoto retten keine Leben. Werden Sie aktiv!

PPPS: „Betrunken sein heißt, nicht an Fragen zu verzweifeln, auf die es keine Antwort gibt.“ – Heinz Strunk

Foto: Unsplash

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