Vorsicht, der Löwe ist los!

In dem Roman Blumenberg, der sich im Rennen um den diesjährigen Deutschen Buchpreis befand, befasst sich die Autorin Sibylle Lewitscharoff mit dem Leben des Philosophen Hans Blumenberg und schreckt nicht vor einem gewagten literarischen Kunstgriff zurück.

von NADINE HEMGESBERG

Wir befinden uns im Studierzimmer des Professors Blumenberg in Altenberge bei Münster, es ist Nacht und zweifelsfrei ist der Philosoph nicht allein. „Blumenberg hatte gerade eine neue Kassette zur Hand genommen, um sie in das Aufnahmegerät zu stecken, da blickte er von seinem Schreibtisch auf und sah ihn. Groß, gelb, atmend; unzweifelhaft ein Löwe.“ Lewitscharoff stellt Blumenberg und uns, den Lesern, den König der Tiere zur Seite und im Gegensatz zu dem Löwen, der behaglich auf dem Teppich Platz nimmt und den Blick fast stoisch auf Blumenberg richtet, tanzen unwirsch unzählige Fragen zwischen den Buchstaben hervor. Halluziniert der Professor, dessen philosophischer Schwerpunkt die mythologische und metaphorische Strukturierung von Wirklichkeit beinhaltete, nun dieses prachtvolle Tier? Ist es gar ein Wunder, dessen der allzu gut theologisch bewanderte Blumenberg gewahr wird?

Widererwartend wird die Situation mit dem Löwen nicht zum Ausgangspunkt unfreiwilliger Komik. Lewitscharoff gelingt es poetisch dieser Zusammenkunft jegliche Albernheit zu nehmen und legt indes lieber einen ebenso großen Fokus auf Blumenbergs exzentrische Persönlichkeit, die dieser schon vor Erscheinen des Löwen an den Tag legte. Entgegen seinem Widersacher Jürgen Habermas, ist Blumenberg ein einzelgängerischer Inszenator seiner Vorlesungen. Lewitscharoff skizziert ein lebendiges Bild des Münsteraner Philosophen, wenn er den Hörsaal betritt; Hut, Mantel und Tasche landen an ihrem angestammten Platz, die Karteikarten werden kunstvoll aufgefächert. Alles passt im Drehbuch des Exzentrikers, bis auf die sechs herrenlosen Cola-Flaschen, die seinen Auftritt vor den Münsteraner Studierenden zu Nichte macht.

Apropos Studierende – Blumenberg versagt sich den ausufernden Kontakt zur Studierendenschaft, Lewitscharoff nimmt diese jedoch im Hinblick auf ihre Bezugspunkte zu Blumenberg genauer unter die Lupe. Wir lernen Gerhard und Isa kennen, die eine äußerst ungesunde Beziehung führen, was der ausufernden Obsession Isas für den Professor anzulasten ist. Richard, der ein guter Freund von Gerhard ist und Isa auf den Tod nicht ausstehen kann, träumt von einer Reise nach Süd-Amerika. Und dann wäre da noch der sonderbare Hansi, der poesiefanatisch seine Umwelt mit Versen bombardiert und ebenso schön wie gesellschaftsphobisch ist. Auch wenn  Sibylle Lewitscharoff die Leben dieser vier Menschen nur anreißt, entsteht doch schnell, aufgrund ihrer opulenten Sprache, ein überzeugendes Bild ihrer Lebenssituation.

Ein Philosoph, ein Löwe, vier Menschen, die nicht nur an der Philosophie, sondern auch an ihrem Leben scheitern. Wohin soll uns das nun alles führen? Vieles bleibt bei Sibylle Lewitscharoffs Roman Blumenberg im Verborgenen und Diffusen, ähnlich dem Löwen, der keine klaren Konturen besitzt. Es handelt sich aber gerade deshalb um eine zu empfehlende Lektüre.

Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg
Suhrkamp, 220 Seiten
Preis: 21,90 Euro
ISBN: 978-3518422441
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2 Gedanken zu „Vorsicht, der Löwe ist los!

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