Was du nicht siehst, was man dir tut, das fügst du auch den andern zu

Luke Pearson - Was du nicht siehst   Cover: ReproduktLuke Pearsons Was du nicht siehst gibt Hilfestellung in Sachen Traurigkeit, falls das eigene Leben eben nicht trist genug ist. Wer immer noch glaubt, Comics seien komisch, sollte hier einmal genauer hinsehen.

von CHRISTIAN A. BACHMANN

„Luke Pearson is a British cartoonist who is best known for the ‚Hilda‘ series of comics for Nobrow Press.“ Mehr weiß der Wikipedia-Artikel nicht zu berichten über den Autor eines kürzlich bei Reprodukt auf Deutsch erschienenen Büchleins mit dem Titel Was du nicht siehst. Nur vier Verfasser und ein Bot waren bislang an dem Artikel beteiligt. Das Thema seines Buches bewahrheitet sich anscheinend an ihm selbst: Er wurde übersehen.

Bonjour tristesse, bonsoir tristesse

Aber von Anfang an: Alles (bis auf diese Rezension) fängt damit an, dass ein Nadelbaum tanzt – auch Pearsons Buch. Etwas später wird ein Baum (möglicherweise derselbe) in den Wald scheißen und ein Mann sich von einer Klippe stürzen. Damit ist das komische Potential des Comics weitgehend erschöpft. Dazwischen wird geweint, geliebt und vor allem übersehen – all dies in einer klaustrophobisch-tieftraurigen Atmosphäre, die Pearson in ein melancholisches Orange kleidet.

Auf wenig mehr als 30 Seiten erzählt Pearson von Will. Der ist etwa 30, hat schütteres Haar, einen Dreitagebart und eine Beziehung, die in die Brüche geht. Alle Versuche, sie zu retten, scheitern, weil Mails im Spam-Ordner verschwinden oder Wecker nicht klingeln. So bewegen sich Will und die anderen Figuren, die nur schlaglichtartig, oft nur in einem oder zwei Bildern auftauchen, schwankend auf einem Grat durchs Leben, der unter dem eigenen Unvermögen und von mythischen Wesen geschleuderten Asteroiden zerbröckelt. Wenn es eine Universalie des Menschseins gibt, so lesen wir in Was du nicht siehst, dann das Scheitern in allen Lebenslagen.

Warum soll ich das lesen?

Weinen soll ja bekanntlich kathartisch sein. Abgesehen davon hat Pearsons verknappte Art zu erzählen und zu zeichnen eine eindrucksvolle, geradezu poetische Qualität. In winzigen Augenblicken scheinen durch das Kaleidoskop des Versagens Hoffnungsschimmer auf, die eine Verschnaufpause vor dem nächsten Scheitern erlauben. Andernfalls wäre die Dosis vielleicht doch zu groß.

Tatsächlich wurde Luke Pearson nicht übersehen, so gerne ich ihn entdecken würde. Nicht zuletzt das deutsche Feuilleton hat ihm bereits diverse durchaus verdiente Lorbeerkränze aufgesteckt. Auch der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag ist übrigens viel umfangreicher. Man darf also hoffen, dass Was du nicht siehst düsterer ist als die Wirklichkeit und wir am Ende mit einer Träne im Auge wieder aufatmen dürfen. Stilistisch und thematisch erinnert Pearsons Comic an die nordamerikanischen Independentcomics von Daniel Clowes, Seth oder Paul Hornschemeier, ohne dabei epigonal zu wirken. Wem Hornschemeiers Komm zurück, Mutter gefallen hat, wird auch Pearsons Büchlein etwas abgewinnen können. Wir sollten unsere Augen jedenfalls offen halten, denn von ihm ist noch einiges zu erwarten.

Bleibt die verlegerische Sorgfalt zu erwähnen, die das Buch erfahren hat. Manche Comics funktionieren unabhängig von ihrem Trägermedium, andere profitieren von einem bestimmten Medium. Was du nicht siehst wurde für mattes, leicht raues Papier geschrieben und noch das Vorsatzpapier des schmalen Hardcoverbands trägt die Stimmung des Comics. Schön! Die Leseprobe auf der Website von Reprodukt wird der Intensität des Drucks nicht ansatzweise gerecht. Schade nur, dass sich der ambige Originaltitel (Everything We Miss) wie so oft nicht gut ins Deutsche übersetzen lässt.

Luke Pearson: Was du nicht siehst
Reprodukt, 34 Seiten
Preis: 14,00€
ISBN: 9783956400087

 

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