Schädelhirntrauma

Hamlet am Theater Oberhausen  Foto: Thomas AurinEtwas ist faul im Staate Dänemark: Regisseur Pedro Martins Beja inszeniert am Theater Oberhausen in der vernebelten Halbwelt zwischen lebendigem Diesseits und Totenreich einen düsteren wie gleichsam hysterischen Hamlet. Die Tollheit regiert: Am Ende sind sie alle vermessen und fertig für die Holzkiste und Gevatter Tod – der ist vielleicht gar ein Lichtblick in all dem Chaos.

von NADINE HEMGESBERG

Den Totengräber (Jürgen Sarkiss), man sieht ihn gemächlich herumschlendern, den Totenschädel ins Gesicht geschminkt, auf und ab geht er hinter der schwarzen Gaze – der fast durchsichtige Stoff umhüllt, ohne zu verhüllen. Dann tritt er vor den Vorhang an den Rand der Bühne und hebt an: „Als Rom im Stand der höchsten Blüte war …“. Der Umsturz naht, das Chaos dräut am Horizont. Diabolisch keck mimt Sarkiss den Totengräber mit ungelenk abgespreizten Fingern in den Jacketttaschen. Nicht etwa Eike Weinreich mit seinem sich durch das Stück nuschelnden und wirsch-tuckigen Hamlet, sondern Sarkiss und seine Spielkunst und vor allem Spiellust tragen durch den dreistündigen Abend.

„The time is out of joint, O cursed spite, that ever I was born to set it right“, steht es am Bühnenrand in gotischer Schrift geschrieben. Die Welt ist aus den Fugen, auf dem Grab des alten Königs Hamlet blühen nicht mal die ersten Blumen, schon ist die Witwe Gertrud (Elisabeth Kopp) mit Claudius (Torsten Bauer), dem Bruder Hamlets, verheiratet. Blutschande im Schlafgemach des Königs, den Sohn Hamlet kann, ja muss das kirre machen.

Regisseur Martins Beja, der Shakespeares Hamlet in der Heiner Müller-Übersetzung gibt, lässt es in der ersten Hälfte langsam angehen, ein Standtheater ohne große Dynamik, einzig die Bühne gerät in leichte Rotation, mit ihr der riesige Globus als rundes Stahlgerüst. Schleppend gewinnt das Stück an Fahrt, des alten Hamlets Geist erscheint und offenbart den Königsmord, auf Rache pochend – das Publikum geblendet von 24 gleißend hellen Leuchtstrahlern. Die Bühnenkonstruktion von Volker Hintermeier weiß vor allem im zweiten Teil zu beeindrucken, der Globus entpuppt sich auf der Rückseite als riesiger Schädel, so oder so ist Hintermeiers Arbeit ein Hingucker, der nur viel zu selten auch spielend genutzt wird. Die Kostüme von Elke von Sivers sind eine gelungene Mischung aus untragbarer Haute Couture, als hätte sie ein Gothic-Darth Vader für die dunklen Lords und Ladys der Shakespearezeit geschneidert.

Hamlet am Theater Oberhausen  Foto: Thomas AurinPornogroteske im Führerbunker

Die Mausefalle, das Stück im Stück, bringt Martins Beja als Pornogroteske im Führerbunker auf die Bühne. Der Führer trinkt Benzin, Goebbels ist die gebärende Mutter der Nation und die Germania kommt mit Winzflügeln und Fatsuit daher. Das ist absurd und grotesk und verschwimmt mit leichten Aktualisierungstendenzen. Ein Mensch mit Maske und einem Protestschild mit der Aufschrift „Wir sind das Volk“ betritt die Bühne, zwei „Damen“ in Burka zeigen nacktes Bein und der Globus wird mit einem Fadenkreuz versehen. Die gesellschaftliche und politische Relevanz bleibt im Unklaren. Kommentiert die Pornogroteske die Pegida Aufmärsche? „Islamismus“ und „Nur ein toter Terrorist ist ein guter Terrorist“ werden in Akklamationen aneinandergereiht, wer hier Sinn sucht, sucht mitunter nach dem Falschen. Auch verwandelt sich nach diesem Einschub das vormals undynamische in ein umherirrendes und rennendes Schreitheater. Erst Polonius (Henry Meyer), dann Ophelia (Laura Angelina Palacios), einer nach dem anderen werden dahin gerafft, das Licht geht aus, ein Donner, ein Blitz, und die verschiedenen Stimmen hauchen: „Man hat mich ermordet.“ Und auch Hamlet stirbt im Fechtkampf gegen Laertes (Peter Waros), ein Blutregen ergießt sich über ihm. Ein gesichtsloser Chor tritt gemeinsam mit Ophelia auf: „Bereit sein ist alles“. So endet die Inszenierung, – bereit wofür?

Kürzen bitte!

Nicht immer muss ein solch traditionsreicher Stoff wie der des Hamlet in überbordend moderner Verpackung daherkommen, um seinen Aktualitätsanspruch zu wahren, wie dies zum Beispiel am Dortmunder Schauspiel geschieht – mit äußerster Rafinesse und technischer Verspieltheit in einer Inszenierung von Kay Voges. Die Oberhausener Inszenierung ist dafür ein gutes – lasse man die zögerliche Aktualisierung der Mausefalle mal bei Seite – Beispiel: Dramaturgisch vielleicht ein wenig zu ungewagt – eine Kürzung hätte dem Stück eindeutig mehr Chuzpe verliehen und wäre mit Sicherheit nicht zum Schaden des Spannungsaufbaus gewesen –, überzeugt sie dennoch in ihrer künstlerischen Gesamterscheinung.

Informationen zum Stück
Weitere Vorstellungen:
Freitag, 06. März 2015
Samstag, der 14. März 2015
Sonntag, der 15. März 2015
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Ein Gedanke zu „Schädelhirntrauma

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