Sex, Lügen und Revolution oder love, peace and understanding?

Laurie Penny: Unsagbare Dinge // Quelle: Nautilus

Patriarchat ist Schnee von gestern? Oder das Problem der Anderen? Feminismus bei uns bloß noch eine Frage von Quoten und Elternzeiten? Laurie Penny räumt in Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution mit verbreiteten Irrtümern auf und erinnert daran, dass Feminismus und solide Kapitalismuskritik einander brauchen.

von ALEXANDER THINIUS

Die Welt dreht sich rasant und eines Tages wachst du auf und alle wollen Krieg, wie es scheint. Sie wollen, dass diese Flüchtlinge keinen Sex mit „unseren“ Mädchen haben, sie wollen diese „Welle“ oder „Invasion“ von armen und traumatisierten jungen Männern* aufhalten und den Nachzug von deren Familien verhindern. Sie verbinden Kriege mit Frauen* als Belohnung oder Begründung. Und sie wollen mit Waffen irgendwelche Werte verteidigen, und dies gerade in Paris, der Stadt der Liebe. Ob als Distinktion zwischen „dem Westen“ und „dem Islam“, zwischen den früheren Ostblockstaaten und „dem Westen“, oder innenpolitisch zum Schutz „unserer Kinder“ vor „den Homosexuellen“: Sexualpolitik spielt bald hundert Jahre nach der faschistisch-völkischen Katastrophe und bald sechzig Jahre nach der „sexuellen Revolution“ der „freien Liebe“ noch eine zentrale Rolle. In dieser Situation spaltet Feminismus noch immer die Gemüter, er ist verehrt, vereinnahmt und angespien.

Ein Buch für alle, auch für Feminist*innen

Mit Feminismus ist es ein bisschen wie mit dem Musikunterricht in der Schule: Während manche ihm völlig die Existenzberechtigung absprechen, diskutieren andere längst oder immer noch darüber, wann ein Ton jetzt eher eine verminderte Quinte als eine übermäßige Quarte ist. Wer kann da schon allen gerecht werden? Umso beeindruckender, dass Laurie Penny es schafft, für ein breites Spektrum an Personen zu schreiben: down-to earth genug für alle, die bloß mit minimalem Interesse ausgestattet sind, und doch tief genug, um ein frisches Licht auf altbekannte Debatten zu ermöglichen. Mit straffem und dabei immer sehr einfachem, anschaulichem und persönlichem Zug bringt Penny eineN durch die rauen Landschaften jenseits von Quotenstreit und Ampelmännchen. Von Essstörungen über die alltägliche Machtdimension leiblichen Raumgreifens zu Themen wie sexualisierter Gewalt, Arbeit(smarkt), Internet und (romantischer) Liebe – eigentlich ein Parforceritt durch die ganz harte Kacke, die aber bis auf das letzte Viertel des Buches fast wie von selbst flutscht. Das hat natürlich auch Nachteile, und so ist es leicht, den Verführungskünsten ihrer Rhetorik dabei zu erliegen, im ganz großen Bogen wirklich jedeN einzusammeln und dabei doch ein richtungsweisendes Statement zu verfassen. Dies verstärkt aber nicht nur die Hörbarkeit ihrer Stimme im oft anti-feministischen öffentlichen Diskurs, sondern überspielt leider auch manche Probleme ihres Textes sowie die vielen anderen Stimmen innerhalb des feministischen Feldes, auf denen Penny aufbaut oder gegen die sie sich positioniert – und schon wird Penny zur „wichtigste[n] Stimme des jungen Feminismus“ gemacht.

Sexuelle Befreiung: Immer noch? Schon wieder? Noch mehr davon?

Zentrales Thema des Buches ist das Versprechen der Befreiung von der sexuellen Ungleichberechtigung. Aber war das nicht ein längst erfolgreich abgeschlossenes Programm von gestern? Die 68er, die Hippies, die Beat-Generation und die Frauenbewegung hatten doch den Muff von tausend Jahren unter den Talaren weggepustet und dadurch unser aller Genitalien freigelegt, damit wir jetzt alle ganz selbstverwirklicht Orgasmen über Orgasmen produzieren können und unsere Lust und den Weltfrieden gleichermaßen mit enttabuisiertem ‚schmutzigem‘ und deshalb ‚natürlich‘ gutem Sex vergrößern können: Wirf alles von dir, was dich hemmt, entfessle deine Lust mit Fesselspielen und befreie dich mit der aus der verklemmten Geheim-Schublade ins Internet befreiten Mainstream-Pornografie, denn wer will schon spießig, traditionell und unbefreit sein? Wenn wir jetzt noch die gläserne Decke durchstoßen, nutzen wir zugleich die menschlichen Ressourcen noch optimaler, vergrößern den Profit für alle und machen die Welt gerechter.

Irgendwo seien wir falsch abgebogen in eine, wie Penny sagt, neoliberale Version von sexueller Befreiung à la Sex and the City, nach der gelte: „as long as you have a job, you’re a free bitch, baby!“ Penny hält diese Idee für eine Lüge, denn Arbeit zu haben mache eineN nicht unbedingt zu einem befreiten Menschen, und selbst dort, wo ein Job die individuelle Freiheit vergrößere, tue er es auf dem Rücken eines Heeres von unterbezahlten Careworkern, die die Pflege des Hauses und seiner jungen, alten, schwachen oder fitten Bewohner*innen übernehmen. Und überhaupt scheint so einiges mit der Befreiung schiefgelaufen zu sein. Auch die ‚guten‘ Jobs sind zunehmend prekär und ähneln einer Situation, die im Patriarchat weiblich gegendert ist, so Penny: Erwartet wird unbedingte Hingabe und Service für den mächtigen Haushaltsvorstand, sprich für den Chef – Selbstausbeutung aus Liebe zum un(ter)bezahlten Service. Im Neoliberalismus, so lässt sich Penny verstehen, wird der Job nach den Regeln patriarchalen Sexes gespielt. Auf der anderen Seite werden Sex und überhaupt das private Leben samt Persönlichkeit, Liebe und Intimität zu einem ersten Job, für den der Mensch – und in noch einmal ganz besonderem Maße ein weiblicher Mensch – immer noch etwas zu tun habe: Arbeit am eigenen Körper und an der eigenen Persönlichkeit. Und selbst in unserer gegenwärtigen Ökonomie der Liebe machen wir uns jeweils zum begehrenswerten Objekt, suchen ein Liebesobjekt für unseren je eigenen Lebenslauf und werden zu „fucked-up girls“, „lost-boys“ und „manic pixie dreamgirls“, so Penny.

Linke Wiedergänger und die Alternativlosigkeit des Traditionellen

Allerdings bietet Penny, wie so oft, auch gegenüber dem Befreiungsethos letztlich keine Alternative an: Sie fordert sehr konventionell bloß wahrhaftige, echte Freiheit. Auch wenn sie es meistens schafft, eineN für die alten Ideale von Freiheit, einem guten Leben und einer besseren Welt hier und jetzt vom Sessel zu reißen, kippt die Revolutionsrhetorik doch in ein paar schwärmerischen Passagen über die „halbwüchsigen Ausreißerinnen, radikalen Feministinnen, Anarchistinnen, Hipster[], Sexarbeiterinnen, verrückten Künstlerinnen, verurteilten Verbrecherinnen, transsexuellen Aktivistinnen und traurigen jungen Kleinstadtbewohnerinnen, die sich nach Abenteuern sehnten“ in eine leicht unreflektiert wirkende Sülze, die hin und wieder einmal die Augen für ihre eigenen Ausschlüsse verschließt. Unsagbare Dinge erbt damit letztlich einige der traditionellen Probleme (linker) Politik und Theorie, wie zum Beispiel die Frage nach der Möglichkeit einer gerechten Solidarisierung unterschiedlicher Personen, nach den zu realisierenden Träumen, nach der Frage, ob es überhaupt irgendwann irgendwo mal gut ist, und nach der Gewichtung individueller, alltäglicher Handlung im Angesicht systemischer Probleme. Rasierte Achseln, Make-up und Dresscodes überhaupt werden so auf diskussionswürdige Weise zum Schauplatz der immer wieder neu aufzulegenden Adorno-Frage nach dem richtigen Leben im falschen.

Echt jetzt: Patriarchat? Aber was ist mit den Männern*?

Überraschend überzeugend betritt bei Penny der Patriarchatsbegriff die Bühne, in dessen Ablehnung sich Teile aktueller feministischer Debatten mit der Mehrheitsgesellschaft treffen, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen: Das Patriarchat hat es entweder niemals gegeben – wegen Intersektionalität und Kontextvarianz – oder aber ist doch nur ein Problem vormoderner traditioneller Gesellschaften, der Unterschicht, des Islam, Vladimir Putins oder irgendwelcher sonstiger böser Anderer™, die hoffentlich niemals zu uns ins Land der Freiheit kommen. Penny zeigt dagegen, wie dieses alte Eisen in einer hitzigen Debatte zu einem guten Werkzeug mit scharfem Sinn für unsere höchst eigene, alltägliche und politische Gegenwart werden kann. Sie führt vor, was es jetzt, hier und heute heißt, im Patriarchat zu leben. Dabei widmet sie ein ganzes Kapitel den Männern*, in dem sie klarmacht, dass auch viele Männer* unter dem Patriarchat leiden. Feminismus sollte uns alle von dem Patriarchat befreien, das nur manchen Leuten als Vorständen die Herrschaft über Haushalt, Ressourcen und Dienstleister*innen einräumt, so Penny. Wichtige Botschaften in Zeiten von starkem Antifeminismus, in dem so mancher in der Wirtschaftskrise die Erosion seiner Zukunftspläne, Selbstentwürfe und Privilegien einem vermeintlichen „Lobbyismus für Frauen“ in die Schuhe schieben will. Allerdings betont Penny auch, dass Frauen* im Patriarchat, und gerade in Nerd-Communities, doppelt diskriminiert sind: einmal mit allen anderen in der hierarchischen Struktur des Patriarchats, und dann noch einmal besonders als Frauen*.

Ein unmögliches Buch?

Mit dem Titel Unsagbare Dinge fügt sich das Buch zunächst in die Reihe populärer erotischer Tabubruchstrategien ein, in der etwas vermeintlich Verbotenes oder Unerhörtes rebellisch entblößt wird. Allerdings erscheint der Titel rückblickend nach der Lektüre eher wie eine Entschuldigung: Die Masse von angeschnittenen Themen und das Gleitmittel ihrer revolutionär aktivierenden Rhetorik sind es, die dieses Buch zwar überhaupt erst möglich machen, allerdings den Feinheiten und Problemen so mancher von Penny vertretenen Ansichten schweres Unrecht antun. Während dies in den ersten Kapiteln relativ gut funktioniert, in denen sie – wenn auch zu oft nicht explizit genug – auf den Schultern einer breiten akademischen Debatte steht, verliert dagegen ihr inhaltliches Argument gegen Ende deutlich an Überzeugungskraft.

Gerade die spannenden Kapitel über Cybersexismus, die anti-kapitalistische Revolution der Liebe und unserer besonderen Nähebeziehungen hinterlassen einen im Vergleich zum Rest des Buches verhältnismäßig flachen Eindruck, was sich leider auch darin bemerkbar macht, dass sich das Buch gegen Ende ein wenig zieht. Dass dies nicht so sein muss, beweist zum Beispiel ein anderes, ähnlich gut lesbares, aber argumentativ an dieser Stelle überzeugenderes Buch aus dem Jahr 2014: Love and War (Tom Digby).

Trotzdem hat Unsagbare Dinge selbst an seinen schwächsten Stellen genug Spannung, Einsicht und Witz, eineN ans Nachdenken oder zur Auseinandersetzung zu bringen. Konkret, unglaublich persönlich, wahnsinnig politisch, informiert – eine Mischung aus gut lesbarer Provokation, Lebensbeschreibung und theoretischer Bestandsaufnahme, die zwar weder völlig originell ist, noch immer inhaltlich überzeugen muss, aber jedeN zur ehrlichen Auseinandersetzung zwingt. Ein Buch, das weder Bibel noch Anleitung ist, aber trotzdem oder gerade deswegen „worth every penny“.

Laurie Penny: Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Aus dem Englischen von Anne Emmert
Edition Nautilus Flugschrift, 288 Seiten
Preis: 16,90 Euro
ISBN: 978-3-89401-817-7

 

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