Parsifal – eine Antioper?

"Parsifal" am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

„Parsifal“ am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

Nach seiner beliebten Frankenstein-Inszenierung kehrt Gustav Rueb mit Parsifal, inspiriert durch Wagner und Tankred Dorst, zurück ans Schauspiel Essen. Den monumentalen Stoff um die Suche nach dem Heiligen Gral lässt er mit parodistischem Pathos auf den Zuschauer einprasseln. Was dem Abend jedoch – frei von konservativer Werktreue – fehlt, ist etwas Richtungweisendes, eine Portion Logik. Am Ende jubeln „Eingeweihte“, während ein Viertel des Publikums das Theater bereits in der Pause verlassen hat.

von HELGE KREISKÖTHER

Der ursprüngliche Parsifal (auch Parzival) ist neben Lanzelot, Tristan & Co. einer der schillernden Heldenfiguren aus dem Dunstkreis der Artussage. Geschaffen (genauer gesagt nachhaltig geprägt) hat sie im frühen 13. Jahrhundert Wolfram von Eschenbach mit seinem gleichnamigen mittelhochdeutschen Versroman, den Richard Wagner 1882 auch als Textgrundlage für das „Bühnenweihfestspiel“ Parsifal, seine letzte Oper, heranzog. Allein von der Aufführungsdauer ist dieses Werk ein echter „Brocken“, der aufgrund seiner unmissverständlichen Verklärung des Christentums nicht nur für das Zerwürfnis zwischen Wagner und Nietzsche gesorgt, sondern auch die deutsche Literaturgeschichte über Thomas Mann bis hin zu Tankred Dorst geprägt hat. Dessen Stück Parzival. Ein Szenarium wurde 1987 aus der Taufe gehoben und erweitert den Stoff um völlig neue (ethische) Fragen.

Parsifal wird, abgeschieden von der Menschheit und ohne Vater, durch seine Mutter Herzeloide großgezogen. Nach ihrem Tod zieht er sogleich in die Welt hinaus, um sich wagemutig in Abenteuer zu stürzen. Dabei ist er stets auf der Suche nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ – nach einem Gott –, und wird somit zu einem der ersten von zahllosen literarischen Getriebenen, Sinnsuchern und -stiftern. Am Artushof vermag sich König Amfortas indes nur noch mittels der Kraft des Heiligen Grals am Leben zu erhalten, denn Kundry, ein Urtypus der femme fatale, hat ihm eine tödliche Wunde beigebracht. Parsifal, der sich fortan etlichen Gefahren stellen muss, erscheint also genau zum richtigen Zeitpunkt auf der Bildfläche. Leitet ihn aber wirklich Heldenmut oder bloße Naivität? Selbstlosigkeit oder Vermessenheit? Wie weit würde er auf seiner Suche nach Gott gehen? Spätestens seit Tankred Dorst, der Wagners Libretto um ausufernde Zeit-Raum-Eskapaden, Isolations- und Extremismusstränge erweitert hat, muss man sich diese Fragen stellen.

Irrfahrten eines reinen Toren

Das erste Bild dieses an Bühnenbildern (Florian Barth) so reichen Abends ist ein Kreissaal, in dem Herzeloide (Laura Kiehne) im Sterben liegt und ihrem grünschnäbeligen Sohn (Philipp Noack) verzweifelt klarzumachen versucht, dass alles im Leben – auch Liebe, Freundschaft, Ehre – nur eine „Drohung des Todes“ bedeutet. Über ihnen erstrahlt ein ebenso großer wie steriler Mond (Licht: Darius Engineer), während jene vier Darsteller, die später die abgewrackte Gralsgemeinde repräsentieren (Thomas Anzenhofer, Sven Seeburg, Rezo Tschchikwischwili und Oliver Urbanski), in Quarantäne-Anzügen (Kostüme: Dorothee Joisten) die Bühne passieren. Hier lässt sich schon erahnen, dass Rueb die Grenzen zwischen Mittelalter und Futurismus, zwischen heroischem Wagner-Stoff und modernem Anti-Heldentum sprengen möchte. So werden fortan verschiedenste Settings präsentiert oder zumindest angedeutet: Von Christus am Ölberg, Ben Hur und Lohengrin bis hin zu postapokalyptischen Szenarien oder Rauminstallationen à la Matrix wird ein immenses Assoziationsspektrum provoziert, das den Parsifal-Komplex zweifellos vielschichtiger und durchaus zeitloser werden lässt (Dramaturgie: Florian Heller), spätestens nach einer Stunde aber auch den dringlichen Wunsch nach einem roten Faden hervorruft. Mal konzentrierte Hamlet-Stimmung, dann wieder gewitzte Vogelstimmenimitationen; mal pathetisches Ritter-und-Zauberer-Theater, dann wieder ein nonsense-hafter Dialog zwischen Mr. Sunshine und Ms. Moon, die Parsifal das Universum schmackhaft machen. Genial erscheint indes der Einfall, den Heiligen Gral als Bluttransfusionsmaschine darzustellen, die, einmal enthüllt, über etliche Schläuche ihren lebensspendenden Saft verteilt.

Dass eine Schauspielfassung des Parsifal nicht eindimensional „runtererzählt“ wird, ist eher Segen als Fluch. Während Rueb jedoch bei Frankenstein erfolgreich auf lineares, cineastisches Theater gesetzt hat, verzettelt er sich in seiner neuen Inszenierung zwischen aneinandergereihten Episoden, die mitunter eindringlich sind, den Zuschauer aber mit der Frage, welche Haltung er zu diesem seinen Parsifal einnehmen soll, ratlos zurücklassen. Ungeachtet dieser dramaturgischen Desorientiertheit, die andere als Beckett’sche Absurdität bejubeln mögen, haben einige Ensemblemitglieder besondere darstellerische Qualität: Laura Kiehne, die sich wandlungsfähig in sämtlichen Frauenrollen des Abends zeigt (als wäre Kundry allein nicht schon eine Herausforderung), Axel Holst, der brillant die „Sympathieträger“ Amfortas und Klingsor verkörpert, und Jens Winterstein als gravitätischer Gurnemanz. Philipp Noack bekommt in der Hauptrolle leider kaum Gelegenheit zu glänzen, da er hauptsächlich dazu verdammt ist, einen naiven Gesichtsausdruck aufzusetzen (der „reine Tor“) sowie mitunter wütend zu brüllen (vor allem weil Gott sich ihm nicht zeigt).

"Parsifal" am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

„Parsifal“ am Schauspiel Essen Foto: Diana Küster

Segen und Fluch von Wagners Musik

Die für die Inszenierung produzierte Musik von Eric Schaefer (dargeboten durch Oliver Urbanski am Akkordeon, John-Dennis Renken an der Trompete, das singende Ensemble und etwaige Einspieler) orientiert sich an den Hauptmotiven aus Wagners Oper, beginnt diese aber oftmals auseinanderzufetzen oder, was hohen künstlerischen Wert hat, mit elektronischen Beats zu unterlegen und zu variieren. Auch der Kinderchor des Aalto-Musiktheaters (Einstudierung: Patrick Jaskolka) ist involviert und streut Wagner-Zitate ein. Sowohl handlungsmäßig als auch musikalisch orientiert sich Ruebs Adaption also an dem Komponisten, dessen Ballast er stetig abzustreifen versucht. An sich ein reizvolles Paradoxon – zumal Wagners ideologisch aufgeblasenem Werk eine gewisse Frechheit guttäte –, das aber endgültig jeden Reiz verliert, wenn Parsifal seine Standhaftigkeit gegenüber Kundry beweist, indem die entsprechende Opernszene minutenlang als Playback neben- bzw. hinterherläuft. Den Wagner-Ballast abstreifen, indem man ihn bis zur Lächerlichkeit hinter sich her schleift? Oder gerade durch diese neue Auseinandersetzung die Allgemeingültigkeit der Oper demonstrieren? Diese Entscheidung sei anderen Interpretatoren überlassen. Eine politischere Lesart des Parsifal, die etwa Parallelen zu islamischen (Pseudo-)Erlösern aufmacht, wäre vielleicht reizvoller gewesen. Besonders schade ist, dass viele Sätze des Abends, insbesondere die versischen, akustisch verlorengehen. So kann man sich nach drei Stunden fühlen wie der Gralsenthüller im letzten Bild: geläutert, aber erschöpft und einsam.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Samstag, der 29. Oktober
Freitag, der 18. November
Mittwoch, der 07. Dezember

 

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