In den Fängen der Hyperkommunikation

Byung-Chul Han - Die Austreibung des Anderen Cover: S. Fischer Verlag

Byung-Chul Han – Die Austreibung des Anderen Cover: S. Fischer Verlag

Überraschend ist Die Austreibung des Anderen, der neueste Essay des Philosophen Byung-Chul Han, nicht gerade, findet man darin doch Phänomene wieder, die der deutsch-koreanische Kulturkritiker schon in vergangenen Werken besprochen hat. Doch auch wieder aufgewärmte Gerichte können schmecken – wenn man denn hungrig ist.

von JONAS PODLECKI

An US-amerikanischen und britischen Universitäten gibt es sogenannte Safe Spaces: Orte, an denen sich Minderheiten oder gesellschaftlich marginalisierte Bevölkerungsgruppen begegnen, um diskriminierende Erfahrungen auszutauschen. Gleichgesinnte können dort Veranstaltungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen organisieren (Vorträge, Workshops, Demonstrationen etc.), dabei muss niemand befürchten, wegen seiner sexuellen Orientierung, Religionszugehörigkeit oder Abstammung angegriffen zu werden. Dass diese „Wohlfühlzonen“ selbst die Meinungsfreiheit gefährden, indem sie Ansichten, die den eigenen widersprechen, nicht tolerieren, übersehen manche gerne, egal ob es dabei um Chips, Wein oder eine politische Debatte geht. Gerade solches impliziert Byung-Chul Han, wenn er in seinem neuesten Buch Die Austreibung des Anderen schreibt, dass die Kommunikation heute „nur gleiche Andere oder andere Gleiche“ zulässt.

Die Digitalisierung führt dazu, dass die Kommunikation mutiert. Das Fremde/Negative wird allmählich ausgemerzt zugunsten des konsumierbaren Positiven/Gleichen und das Andere als Hindernis, Schmerz und Wunde weicht dem Angenehmen, Behaglichen, Gesunden. Algorithmen gebrauchen die Daten von Internetnutzern, um ihnen Produkte anzubieten, die sie möglicherweise kaufen, und Soziale Medien wie Facebook, Instagram oder Twitter sind Plattformen, auf denen man sich präsentieren und Likes sammeln kann. Mittlerweile ist das Internet derart auf einen zugeschnitten, dass jede Abweichung von den eigenen Vorlieben einem Angriff auf die Persönlichkeit gleichkommt. Wir sind narzisstische Zombies, die sich selbst ausbeuten, um die kapitalistischen Kreisläufe zu beschleunigen, wir erinnern an sich selbstbespiegelnde Primadonnen, die einem pervertierten Neoliberalismus in die Hände gehen – so ungefähr der Tenor dieses Buches, den man auch aus Hans früheren Werken kennt.

Wiederkäuen verdauter Gedanken

Und genau hier liegt das Problem, denn im Grunde genommen ist dieser Essay nichts anderes als die Wiederverarbeitung bereits mehrfach durchdeklinierter Thesen: Gedanken-Recycling, als würde Han seine Theorie dieses Mal durch den Fleischwolf der digitalen Kommunikation drehen. Big Data hinterfragt nicht die Daten, die es anhäuft, sondern stellt Korrelationen her, um die Zukunft vorherzusagen, der Porno ersetzt die Erotik durch Überbelichtung und Übernähe, was die „auratische Ferne“ zerstört und das Spiel der Verführung verunmöglicht, und die Kunst glättet ihre Unergründlichkeit zu einem oberflächlichen Konsumgut. Freiheit ist eine Illusion, führt doch der Selbstverwirklichungszwang unserer Gesellschaft zu noch mehr Selbstausbeutung, die Depression, Borderline-Syndrom oder Selbstverstümmelung durch „Ritzen“ zur Folge hat. Scheinbar überall erkennt Han krankhafte Symptome eines Zeitalters, das die Fremdheit nahezu vollkommen ausgestoßen hat. Vieles von dem, was man in diesem knapp hundertseitigen Büchlein liest, findet man auch in seinen vorherigen Werken, zuweilen in gleichklingendem Wortlaut.

Han kritisiert den digitalen Echoraum des Internets, worin Gleiches auf Gleiches trifft, zugleich lullt er den Leser durch Wiederholung bestimmter Phrasen ein. Ständig wohnt etwas irgendetwas inne, etwas liegt irgendetwas zugrunde oder etwas wird irgendetwas entgegengestellt. Dies erzeugt einen sonoren Klang, der dem, was er beanstandet, zum Verwechseln ähnlich tönt. Man fragt sich, ob Han sich mit dieser Melodie bereits selbst hypnotisiert hat oder ob er dem Konsens des (narzisstischen) Ich, ohne es zu bemerken, selbst erlegen ist. Permanent bemüht sich Han um eine Dialektik, die zwei konträre Seiten gegeneinanderhält, ohne den Graubereich dazwischen zu beleuchten, als wäre eine Sache/Idee entweder vollkommen gut oder vollkommen schlecht. Hier einige exemplarische Gegensätze (links = schlecht; rechts = gut): Information vs. Wissen, Korrelation vs. Relation, Rechnen vs. Denken, Authentizität vs. Eigentlichkeit, Diversität vs. Alterität. Anstatt sich im dialektischen Wechselspiel zwei gegensätzlichen Gegenständen anzunähern, indem man Unterschiede kontrastiert, ohne die Ähnlichkeiten im grauen Zwischenbereich zu verleugnen, reiht Han eine neoliberalismuskritische Diagnose an die andere, dabei entgehen ihm bestimmte Offensichtlichkeiten: Informationen können aufklären, Wissen ist Macht, wie der Volksmund sagt, und Macht kann missbraucht werden. Interessant wäre nämlich zu erfahren, wo beides aufeinandertrifft, um das Negative UND das Positive, um das Fremde UND das Eigene einer Sache offenzulegen, OHNE eine (endgültige) Synthese vorzuschlagen. Immerhin beginne das Fremde im eigenen Haus, wie der emeritierte Bochumer Philosoph Bernhard Waldenfels schreibt, was auch bedeutet: Dem Positiven wohnt ein Negatives inne.

Die Leere mit dem Anderen befüllen

Ebenso birgt das Negative etwas Positives in sich, denn Hans philosophischer Fleischwolf fördert durchaus erstaunliche Erkenntnisse zutage: „Es ist nicht das Religiöse an sich, das die Menschen zum Terrorismus treibt. Er ist vielmehr der Widerstand des Singulären gegen die Gewalt des Globalen. […] Es ist der Terror des Globalen selbst, der den Terrorismus hervorbringt.“ Wenn der Wahlspruch von al-Qaida lautet: „Ihr liebet das Leben, wir lieben den Tod“, dann wendet Han diesen Tod (als „das Singuläre schlechthin“) gegen den westlichen Gesundheitswahn, der alles Sterbliche, Vergehende oder Hässliche zu verhindern sucht. Oder wenn Han die Selfiesucht des narzisstischen Ich beschreibt, hört sich das so an: „Um der quälenden Leere zu entkommen, greift man heute entweder zur Rasierklinge oder zum Smartphone.“ Konsequenz: „Wunden sind Rückseiten von Selfies.“ Im tschechischen Olomouc gibt es eine vom Streetart-Künstler MrDheo gestaltete Gebäudewand, die dieses Theorem bildlich illustriert: König Edward VII. hält statt des zeremoniellen Zepters einen Selfiestick in seiner Hand. Er ist, wie Banksys „Selfie Couple“ oder „Selfie Shooter“, der „Selfie-King“ und unterstreicht als zeitgenössischer Kommentar Hans These.

Frappant wird es auch, wenn Han digitale Hyperkommunikation mit Poesie kurzschließt. Während die lärmend-positive Selbstbeschallung des Internets Menschen lediglich verbindet, indem es den Abstand zwischen ihnen (bspw. durch Likes) verringert, ohne ein eigenständiges „Du“ zuzulassen, bedarf die Dichtung gerade eines solchen Gegenübers, um überhaupt zu bestehen. Das Schweigen und Zuhören bei der Lektüre setzen den Leser in Beziehung zum Gelesenen, und dieses In-Beziehung-Setzen öffnet den Leser für das Andere, das heißt, die Erfahrung des Fremden im Dichterischen. Han zitiert Paul Celan: „[Die Dichtung] zeugt von der in ihr gehüteten Gegenwart des Fremden.“ Die Literatur ist eben mehr als bloße Selbstbestätigung: Die Leere in einem füllt sie mit dem Anderen der Dichtung.

Byung-Chul Han gehört zu den profiliertesten Intellektuellen Deutschlands. Seinen Ton, ob man ihn nun mag oder nicht, erkennt man auf den ersten Leseblick. Seine Essays zu lesen, bedeutet nicht, sich mit dem, was er darlegt, zufrieden zu geben; man muss weiterdenken und seine Schlussfolgerungen an der Wirklichkeit und den eigenen Erfahrungen erproben. Nur so wird man seinen Büchern gerecht.

 

Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute
Fischer Verlag, 112 Seiten
Preis: 20€
ISBN: 978-3-10-397212-2

 

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