Das Scheitern der digitalisierten Menschwerdung

COVER_Schönthaler_Vor Anbruch der Morgenröte_Matthes&SeitzIn seinem Erzählband Vor Anbruch der Morgenröte erschafft Philipp Schönthaler eine Gesellschaft, in der die Menschen durch mangelnde Empfindsamkeit füreinander und durch das gleichzeitige Bedürfnis nach der Aufmerksamkeit anderer vereinsamen. Die Parallelität von nahender und bereits stattfindender Dystopie führt vor Augen, wie weit es mit unserer eigenen Gesellschaft bereits gekommen ist. Und während des Lesens ertappt man sich bei der Frage: Bin das ich?

von THOMAS STÖCK

Ein verurteilter Mörder wird hingerichtet, sein Körper der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Ein Vorstandsvorsitzender verhandelt mit einer arabischen Handelsdelegation, während sich unter ihnen auf den Straßen Demonstranten und Polizisten gegenüberstehen. Eine Mutter bloggt über den Geburtstag ihrer Tochter. Jemand schreibt eine endlos lange Mail an einen Kundenservice. Der Versuch einer digitalen Rekonstruktion eines Holocaustzeugen. Die Erzählung einer Teilnehmerin an einer Survivalshow. Während Schönthaler seinen Erzähler sich jedweden Kommentars enthalten lässt, schaffen seine Figuren eine bedrohliche Atmosphäre: Jernigan zum Beispiel, 1993 in Texas hingerichtet, wird der erste Untote des digitalen Zeitalters. Die von einem Wissenschaftlerteam digitalisierten Körperdaten werden wortwörtlich scheibchenweise erfasst – die digitale Anatomie macht ihre ersten Gehversuche. Was Jernigan empfindet, ist nicht von Relevanz für das medizinische Projekt. Nicht mehr als ein solches Projekt wird aus den sterblichen Überresten des verurteilten Straftäters.

Stilistische und erzählperspektivische Varianz

Die unpersönliche Atmosphäre wird verstärkt durch einen stetigen Perspektiv- und Erzählstilwechsel. Zunächst erfolgt eine nüchterne Dokumentation über Jernigans Leben. Diese wird in einer weiteren Erzählung konterkariert durch den übertrieben affektierten Gestus einer Mutter, die eines ihrer Alltagserlebnisse für ihren Blog schildert. Sie verlinkt jeden von ihr erwähnten Markenartikel, visuell dargestellt wird dies durch Unterstreichungen der betreffenden Wörter. Auch ihre Empfindungen muss sie besonders hervorheben, in diesem Fall illustrieren Majuskeln ihre Gefühlswelt. Ein weiteres Extrem bildet Henning, der Verfasser einer E-Mail an einen Kundenservice: Bereits im Titel der Erzählung, Ihre Mikrowelle, wird die Nichtigkeit des Anliegens offensichtlich. Trotz seiner ausdrücklichen Beteuerungen gegensätzlicher Natur lässt sich Henning über 24 Seiten in seinen mitunter komischen Gedankengängen über Alles und Nichts aus, was durch hypotaktischen Satzbau und teils mehrfach öffnende Klammern prägnant Darstellung findet. Falls übrigens der geneigte Leser eine automatisierte Antwortmail von wenigen Zeilen erwartet, wird er leider enttäuscht. Hennings Wunsch nach Aufmerksamkeit bleibt in doppelter Hinsicht unbeantwortet. Die überbordende Informationsflut in der „BMW Welt“ hingegen findet Repräsentation in häufigen Absätzen. Einzig der letzte Absatz dieser Erzählung schließt mit einem Punkt; jede vorige Äußerung wird abrupt unterbrochen.

„Kann es tatsächlich sein, dass dort draußen niemand ist, der mich sieht?“

Schönthalers Schreibstil ermöglicht eine durchgehend kritische Distanz zu den Figuren, die nur geringes Identifikationspotenzial bieten. Einige widmen sich gedanklich auffallend banalen Dingen; die junge Frau auf einer ‚einsamen‘ Insel, auf der sich jedoch zahllose Kameras und zu Beginn auch einige Personen einer Filmcrew finden, stellt sich in Anbetracht ihres Versuchs, auf der Insel weitgehend ohne fremde Hilfe zu überleben, die Frage: „Kann es tatsächlich sein, dass dort draußen niemand ist, der mich sieht?“ Die Frage nach der eigenen Funktionalität, der Wunsch nach besserer Quote, das Streben nach Fortschritt – hinter diesem Trikolon des digitalen Zeitalters verschwindet die Humanität.

Eine Ausnahme dieser Regel stellt bezeichnenderweise die digitale Rekonstruktion eines Holocaustzeugen dar. Das Bestreben eines psychologischen Instituts zur Erforschung von Kriegsfolgen versucht, durch Digitalisierung Zeitzeugen des Holocaust als virtuelle Konfrontationstherapie für die nächsten Generationen zu erhalten. Titus, ein polnischstämmiger Überlebender, der angesichts des Aussterbens der ersten Zeugengeneration in ein solches Unterfangen einwilligte, wird zu Vorführungszwecken einer Gruppe präsentiert – und verweigert sich der Bitte, etwas aus seinem eigenen Leben zu erzählen. Während eine solche Verweigerung eines menschlichen Subjekts normalerweise empathisch antizipiert würde, reagiert der Interviewende mit Unverständnis auf die Verweigerung Titus’. Eine allzu menschliche Geste wird stattdessen mit einem Systemabsturz assoziiert – die Menschlichkeit wird zur mangelnden Funktionalität, das Trauma selbst als Vehikel des Fortschritts verklärt. Prägnant formuliert wird dies in der Beschreibung der Konfrontationstherapie: „Aber generell gilt: Ohne Traumata kein Wandel – keine Evolution.“

Wortloser Aufruf zum Nachdenken

Schönthaler gelingt die Kontextualisierung unterschiedlichster Themen, um unsere heutige Gesellschaft zu hinterfragen. Dabei unterlässt er es jedoch, mit erhobenem Finger auf den Leser zu zeigen und an ihn die Frage nach dem Warum zu richten, vielmehr gelingt ihm dieser moralische Aufruf durch das Unterlassen jeglichen Kommentars. Auch die „Datenbank“, Informationsquelle für die gut recherchierten Teilbereiche, mit denen sich der Autor auseinandersetzt, regt am Ende des Buchs zur weiteren Auseinandersetzung an, ohne sich aufzudrängen. Diese bietet weiterführende Literatur und weitere mediale Referenzen. Einziger Makel dieses Werks sind die Rechtschreibfehler, die beispielsweise aus „Jana“ eine „Jaan“ machen und Jernigan als „sein eigenen Avatar“ (bereits auf dem Buchrücken!) den Cyberspace betreten lassen, und stören so das Gesamtbild dieses Werks. In Erinnerung bleiben jedoch nicht diese Imperfektionen, sondern die eingängigen Bemerkungen, die Aphorismen gleichkommen. Diese sind es auch, die nach dem Lesen ein Echo in uns auslösen: „Ist es nicht ein beängstigender Gedanke, dass das All in seinem unermüdlichen Drang, sich immer weiter auszudehnen, nichts als neue Räume vollkommener Leere erschließt?“

Philipp Schönthaler: Vor Anbruch der Morgenröte. Erzählungen
Matthes & Seitz, 213 Seiten
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-95757-404-6

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