Gedankenspiel mit Stereotypen

A Quiet Place startet mit großen, letztlich jedoch leeren Versprechungen. Was als aufregend neue Art des Horrors zu beginnen scheint, verkommt innerhalb weniger Minuten zum klassischen Horrorfilm – inklusive Jumpscares, unlogischer Handlung und allzu leicht durchschaubaren Charakteren. Eine gute Filmidee, die keine 90 Minuten füllt.

FILMPLAKAT_A Quiet Place

von THOMAS STÖCK

 

Filmstart, endlich. Keine x-te Fortsetzung vom Krieg der Sterne, keine Möchtegern-Superhelden, keine mit pseudo-coolen Sprüchen versehenen Actionszenen, aus denen die Protagonisten unversehrt und gut gestylt dem Zuschauer entgegenspringen. Ein erstes Durchatmen nach den genannten Trailern, der härteste Teil des heutigen Abends ist überstanden. Stattdessen eine beschauliche Szenerie, die glatt einer Folge Unsere kleine Farm entnommen sein könnte: eine Familie in einem Laden bei einer Einkaufstour – barfuß. Allgemein ist es wenig überraschend, dass A Quiet Place sein dem Titel entstammendes Versprechen einlöst. Zu Beginn des Films sieht man Vater, Mutter, die beiden Söhne sowie ihre ältere, hörgeschädigte Schwester sich in Gebärdensprache unterhalten. Auf Zehenspitzen tappend inspizieren sie die Waren, nehmen einiges an sich und machen sich auf den Weg, ohne zu bezahlen. Denn einen Kassierer oder Besitzer des Ladens gibt es offensichtlich nicht, geschweige denn andere Menschen. Nur die Bedrohung existiert, die wartet, bis man zu laut ist.

Klischees und Zeitgeist à la Hollywood

Zurück lässt die Familie eine Spielzeugrakete inklusive zweier Batterien, die der Familienjüngste zunächst mitnehmen will. Zu laut, vermittelt ihm der Vater, es tue ihm leid, ein zu großes Risiko dieser Tage. Dieser Tage bedeutet im Film ein Endzeitszenario à la USA: Aliens, die zwar blind sind, aber verdammt gut hören können und alles meucheln, was nicht leise – und clever – genug ist, ihnen aus dem Weg zu gehen. Dann kommt es, wie es in jedem Horrorfilm kommen muss: Ein Mitglied entfernt sich von der Gruppe, tut etwas Dummes und stirbt. Klischee Nummer eins des Genres ist erfüllt. Immerhin trifft es ausnahmsweise mal keinen kreischenden Teenie oder einen schwarzen Darsteller, sondern einen kleinen Jungen, dessen Naivität glaubhaft vermittelt wird.

Blöd nur, dass die Klischees im Verlauf der Handlung nahezu überborden. Immerhin kann dem Film zugestanden werden, dass er mit dem Zeitgeist geht und das klassische Rollenbild mit dem Familienversorger in Person des Vaters und der mit Wäschewaschen und Kochen beschäftigten Mutter nach und nach aufgebrochen wird – zu Gunsten einer im Handlungsverlauf hochschwangeren Mutter und der bereits genannten Tochter, die trotz (oder gerade wegen?) ihrer Einschränkungen den Aliens Paroli bieten, wohingegen die männlichen Charaktere die Fähigkeit erlangen, sich ihre Angst einzugestehen. Nur über ihre Gefühle zu reden, ist schwierig für die (teils heranwachsenden) Männer – ist da doch nicht nur die Bürde, sich zu öffnen und mitzuteilen, sondern gleichzeitig das Risiko, in Sekundenbruchteilen von den Aliens zerfleischt zu werden. Gerade im Horrorfilm werden Risiken jedoch überaus gern eingegangen. Genauso ‚klassisch‘ wie der Mut zum Risiko sind die teils eklatanten erzählerischen Lücken, die sich im 90-minütigen Tohuwabohu dieser Kleinfamilie ergeben.

Von Problemen, die sich erst stellen, wenn sie da sind

Die weitgehende Absenz anderer Menschen inklusive jeglicher Form von staatlicher Gewalt und daraus resultierender Ordnung geht einher mit einer Absenz von Erklärungen, wie es zu diesem Endzeitszenario gekommen ist. Natürlich kann sich der geneigte Drehbuchautor hier aus der Affäre ziehen und darauf verweisen, dass das interessante Gedankenspiel im Mittelpunkt steht und eine Fiktion einer solchen Erklärung nicht bedarf. Blöd nur, dass der Spannungsbogen darunter leidet, denn mit dem Tod des jüngsten Sohnes verliert die Alltagsschilderung an Attraktivität. Statt sich steigernden Nervenkitzel zu provozieren, wird die Familiendoku angereichert mit Jumpscares, die vielleicht schreckhafte Menschen kurzzeitig in Aufregung versetzen, Kenner des Genres jedoch nicht aus der Reserve locken können. Die minutiös aufgebaute Atmosphäre bleibt ungenutzt und statt mit angehaltenem Atem und hohem Puls das weitere Geschehen zu verfolgen, verkommen die ruhigen Szenen zur Einschlafhilfe.

Mit anderen Worten: Derselbe Inhalt hätte einen herausragenden Kurzfilm abgegeben, bei dem das Familiendrama „Wer von uns ist jetzt eigentlich am Tod unseres Sohnes/Bruders schuld?“ hätte ausgespart werden können. Dann hätten Fehler vermieden werden können, bei denen die schier übermächtigen Aliens das Metall eines Futtersilos leichter durchdringen als eine Autodecke oder den Spannungsbogen begünstigend darauf warten, dass die Handelnden sich aus der Affäre ziehen können, bevor sie gefressen werden, statt wie eingangs in Sekundenbruchteilen zur Tat zu schreiten. Und überhaupt: Eine Heldin zur Abwechslung ist zwar wohltuend – letztendlich ist es aber vollkommen egal, wer mit seiner oder ihrer Schrotflinte den Aliens als einzige Person entgegentritt oder wer die Schwäche der scheinbar unbesiegbaren Aliens findet. Statt als Spatz auf Kanonen zu schießen, hätte die Situation nach 89 Tagen (Filmbeginn) oder zumindest spätestens nach 472 Tagen (später einsetzender Handlungsverlauf) durch die Armee behoben oder zumindest irgendwie stabilisiert werden können – sollte man meinen. Regisseur John Krasinski meint anderes und so bleibt ein durchschnittlicher Horrorfilm in Erinnerung, an dessen Anfang eine interessante Idee steht. Womit sich der Film Hollywoods Wiederholeritis zumindest ein wenig entgegenstellt.

A Quiet Place (2018). Regie: John Krasinski. Darsteller: Emily Blunt, John Krasinski, Noah Jupe, Millicent Simmonds. Laufzeit: 90 Minuten. Seit dem 12. April 2018 im Kino.

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2 Gedanken zu „Gedankenspiel mit Stereotypen

  1. „Statt als Spatz auf Kanonen zu schießen, hätte die Situation nach 89 Tagen (Filmbeginn) oder zumindest spätestens nach 472 Tagen (später einsetzender Handlungsverlauf) durch die Armee behoben oder zumindest irgendwie stabilisiert werden können – sollte man meinen.“
    „Können“ – vielleicht. Aber das als Lösung fände ich zu einfach und unnötig, liegt der Fokus doch auf den Figuren. Eine plötzliche Rettung von außen wäre da dezent deplatziert und dem Spannungsbogen unförderlich, finde ich.

    Ansonsten hätte ich mir von der Rezension mehr inhaltliche Tiefe statt geschwurbelter Sprache gewünscht.

    • Der Fokus liegt natürlich auf den Figuren, dies wertet die Handlung leider keineswegs auf, da die Charaktere alle so flach und vorhersehbar gestaltet sind, dass von einer wirklichen Entwicklung kaum die Rede sein kann. Zur Handlung hätte ich auch gerne mehr gesagt, leider hat der Film da nicht mehr hergegeben. Eine Handlung sollte meines Erachtens nicht in die Absurdität vordringen, nur damit der Spannungsbogen nicht darunter leidet. Dies ist natürlich nur mein persönlicher Anspruch und gerade deshalb hadere ich mit dem derzeitigen Kinoprogramm.

      Schade, dass Ihnen die Rezension sprachlich nicht gefällt. Vielleicht gelingt mir die nächste besser.

      Thomas Stöck

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