Groteske Eleganz

Yukiko Motoya: Die einsame Bodybuilderin; Cover: Blumenbar Verlag

Yukiko Motoya spielt in ihrer Kurzgeschichtensammlung Die einsame Bodybuilderin mit dem uns allen bekannten Alltag und verzerrt ihn ins Surreale. Wer Außergewöhnliches sucht und in eine neue Welt eintauchen will, sich aber gleichzeitig vom Altbekannten nicht lösen kann, der wird in der uns vertraut scheinenden, aber gleichzeitig so absurd wirkenden Welt Motoyas fündig.

von CELINA FARKEN

In den insgesamt elf Kurzgeschichten in Yukiko Motoyas Die einsame Bodybuilderin geht es um verschiedene Personen in ihrem Alltag, der durch ein seltsames Ereignis durchbrochen wird. Eine Ehefrau fängt mit dem Bodybuilding an, um die Aufmerksamkeit ihres Mannes zu erlangen, doch dem fällt es gar nicht auf. Eine Frau wird in einer Hütte zum Hund, da sie eine Menschenhasserin ist. Von fliegenden Menschen im Gewitter über einen Ehemann aus Stroh zu Freundinnen, die sich mit ihren Partnern auf einem trockenen Flussbett prügeln, ist alles dabei. Trotz der skurrilen Inhalte lassen sich dennoch Thematiken der realen Welt finden, wenn man bereit ist, sie zu suchen.

Beim Lesen hat man das Gefühl, man stünde inmitten einer Ausstellung surrealistischer Kunstwerke. Genau mit diesen lassen sich Motoyas Kurzgeschichten vergleichen: Sie spielen in einem realen Setting, aber die Figuren und Inhalte sind grotesk, wirken verzerrt und nicht real, dennoch lassen sich ihre Probleme teilweise nachvollziehen. Um die Handlung zu verstehen oder ihr einen Sinn zuzuschreiben, muss man sich trotz des schlichten Schreibstils etwas Zeit nehmen – genau wie beim Betrachten eines Gemäldes. Dabei wird das Lesen zum Museumsgang.

Gesellschaftliche Themen verpackt in skurrilen Metaphern

Nimmt man sich die Zeit und versucht, hinter den grotesken Bildern der einzelnen Erzählungen Motive zu entdecken, wird die ein oder andere Gesellschaftskritik sichtbar. Die einsame Bodybuilderin zum Beispiel sehnt sich danach, von ihrem Ehemann wahrgenommen zu werden und trainiert deshalb täglich. Der Alltag, der Trott in der Ehe und die Reue der Ehefrau, in ihrer Jugend nicht mutiger gewesen zu sein, werden zum Auslöser für die derart extreme Veränderung der Frau. In der Kurzgeschichte Ehe mit einer fremden Spezies gleichen sich San und ihr Ehemann immer mehr an. Dahinter verbirgt sich die Kritik, dass Eheleute sich nach der Heirat an die Lebensgewohnheiten der Partner:innen anpassen und keine eigenständigen Persönlichkeiten mehr sind. Und trotzdem wird man sich fremd: „Dennoch hatte ich nie die leiseste Ahnung gehabt, dass es meinen Mann drängte, eine Pfingstrose zu werden.“ Bis man den anderen schließlich loslässt und man wieder das ist, was man war oder immer schon sein wollte. Zur Pfingstrose wird man wie Sans Mann im Normalfall zwar nicht, dennoch lässt sich das Motiv auf die Realität übertragen.

Wie die Frau in der Kurzgeschichte Ich rief deinen Namen, die sich wegen eines aufgebauschten Vorhangs verrückt macht, macht man sich als Leser:in während des Lesens verrückt, ob etwas hinter den Geschichten steckt oder man sich vollkommen umsonst den Kopf zerbricht. Anders als die Frau, die sich nicht traut nachzusehen, sollte man den Vorhang einfach beiseiteschieben. Bei einigen der Kurzgeschichten lassen sich schneller Thematiken herausfiltern, bei anderen fällt es schwerer – wie beispielsweise bei Was raschelt im Stroh? in der aus einem Ehemann aus Stroh Musikinstrumente herausfallen, weil er sauer auf seine Ehefrau ist. Auch wenn man nicht direkt jeder der Geschichten einen bestimmten Sinn zuschreiben kann, sind sie dennoch unterhaltsam.

Eine seltsame Welt

„Im Nachhinein betrachtet hatte die Gestalt meiner Kundin etwas Zerlaufenes und Groteskes, aber je nachdem, wie man es sah, auch eine gewisse Eleganz“, heißt es in der Kurzgeschichte Die Umkleidekabine oder warum ich beim Anblick einer Picknickdecke immer lächeln muss und beschreibt nicht nur die seltsame Kundin, sondern die Kurzgeschichtensammlung an sich ziemlich gut. Es ist skurril, es ist grotesk, aber irgendwie auch elegant gelöst. Nicht immer ist einem klar, warum etwas gerade passiert, aber das Buch lädt auch dazu ein, einfach mal abzuschalten und sich auf die seltsame Welt, die Motoya geschaffen hat, einzulassen. So ist für jeden – ob sinnsuchend oder sinnverabscheuend – etwas dabei.

Yukiko Motoya: Die einsame Bodybuilderin. Übersetzt von Ursula Gräfe
Blumenbar, 240 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3351050757

Ein Gedanke zu „Groteske Eleganz

  1. Als großer Fan japanischer Kulturmedien denke ich bereits, nicht zuletzt aufgrund der tollen Rezension, über eine Kaufentscheidung nach. Mich beschleicht die Vermutung, dass dieses Werk Ähnlichkeiten mit den Animes des (inzwischen leider verstorbenen) Regissuers Satoshi Kon besitzt, beispielsweise „Perfect Blue“ oder „Paprika“.

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