Joseph Roths Hiob – Ein Roman zwischen Krise und Wunder

Flickr.de; Quelle kellerabteil

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Zusammen mit seinem Radetzkymarsch bildet der 1930 erschienene Roman Hiob. Roman eines einfachen Mannes das Hauptwerk Joseph Roths. Moses Joseph Roth (1894-1939) stammt aus einer ostgalizischen Kleinstadt, doch verkehrt schon früh in den Metropolen Europas. Bereits in seinen Erfolgsjahren zeichnet sich sein späterer sozialer Abstieg ab. Roths Werk ist gleichermaßen geprägt vom aktuellen Krisenbewusstsein und der Hoffnung auf ein Wunder.

von LARA THEOBALT

Mit seinen politisch engagierten Romanen macht Roth sich insbesondere in sozialistischen Kreisen einen Namen. Als Korrespondent der liberalen Frankfurter Zeitung berichtet er unter anderem über die Situation der Juden in der damaligen Sowjetunion. Sein Essay Juden auf Wanderschaft bildet die Grundlage für den Roman Hiob. Der Roman illustriert nicht nur allgemein die Auflösung der traditionellen ostjüdischen Lebenswelt, sondern lässt sich auch auf dem Hintergrund einer ganz persönlichen Krise des Autors lesen. Neben der „politische[n] Desillusionierung und [dem] Verlust von Orientierung im gesellschaftlichen Bezugsfeld“ (Hüppauf 1985, S. 311) nach Auflösung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie bringen eine schwere psychische Erkrankung Roths Frau und die mit der Behandlung einhergehende finanzielle Belastung den Autor in Bedrängnis. Roth nimmt zunehmend eine gesellschaftliche Außenseiterposition ein und endet als alkoholkranker Exilant in Paris.

Erfolg und Verbot

Hiob ist bereits im Erscheinungsjahr 1930 ein Erfolg. Neben der Buchausgabe gibt es einen Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung; die Gesamtauflage der ersten Ausgabe wächst schnell auf 30.000 Exemplare. Von den Kritikern wird der Roman größtenteils positiv aufgenommen. So schreibt Stefan Zweig für die Wiener Neue Freie Presse:

„Was an dem neuen Roman Joseph Roths vor allem so überrascht und ergreift, ist seine große, gebändigte Einfachheit. […] Mir und dir und jedermann kann diese wahre und klare Jedermannsgeschichte heute oder morgen oder übermorgen geschehen.“ ( zitiert nach Sternburg 2009, S. 377)

Aus den Kritiken geht hervor, dass Roths moderne Hiob-Interpretation nicht ausschließlich die jüdische Gegenwartserfahrung widerspiegelt, sondern allgemein das Krisengefühl im Europa der Dreißigerjahre. Der Stilbruch zu seinen früheren Werken ist deutlich. Anstelle der der Neuen Sachlichkeit zugehörigen, sozialistisch gefärbten Erzählungen tritt nun ein zutiefst persönlicher Roman, der in seiner einfachen, emotionalen Sprache und der geschlossenen Handlung an jüdische Mythen erinnert. Die Gründe für Roths stilistischen Wandel werden in der Forschung vielfach diskutiert. Offensichtlich ist dagegen, warum Roth 1933 auf den Index verfemter Autoren gesetzt wird. Neben seiner jüdischen Herkunft und der inhaltlichen Nähe zum Judentum, insbesondere im Hiob, widerspricht vor allem sein journalistisches Schaffen der nationalsozialistischen Anschauung. Roth gilt längst längst als „Kulturbolschewist“ (Hüppauf 1985, S. 309). Zur Zeit des Publikationsverbotes liegen jedoch bereits Übersetzungen des Hiob ins Englische, Französische und Italienische vor. Noch im selben Jahr erscheint der Roman im niederländischen Exilverlag Allert de Lange. In den USA erreicht Job. The Story of a Simple Man Bestsellerstatus (Roth 2010, S. 207). Trotz des ungebrochenen Erfolges stellt das Schreibverbot für Roth einen weiteren Schritt in die persönliche Krise dar.

Inhalt

Hiob gilt als Roths „jüdischster“ Roman (Shaked 1986, S. 281), da die Familiengeschichte rund um den Religionslehrer Mendel Singer exemplarisch für das Schicksal der ostjüdischen Migranten steht. Mendel führt mit seiner Frau Deborah und ihren vier Kindern ein einfaches, aber glückliches Leben im russischen Shtetl Zuchnow. Die Idylle wird gebrochen, als bei ihrem vierten Kind Menuchim, eine schwere Epilepsie diagnostiziert wird. Die Familie stürzt ins Unglück: Sohn Jonas bricht mit der jüdischen Herkunft und wird russischer Soldat, Bruder Schemarjah entgeht dem Militärdienst durch die Migration in die USA, wo er sich fortan Sam nennt und nach westlichen Vorstellungen lebt. Und schließlich muss Mendel mit ansehen, wie Tochter Mirjam mit den verhassten und infolge früherer Pogrome gefürchteten Kosaken ausgeht. Zum ersten Mal in seinem Leben hält sich Mendel nicht an die Devise, der Mensch solle sein Schicksal tragen, da er gegen den Willen Gottes machtlos sei (Roth 2010, S. 39), und beschließt, mit Deborah und Mirjam zu Sohn Sam auszuwandern. Dabei muss der kranke Menuchim auf Anweisung des örtlichen Wunderrabbis zurückgelassen werden. Das neue Leben in New York ist geprägt von dem Konflikt zwischen Assimilation und Tradition. Mendel beginnt, seine Stellung in der Welt zu verlieren. Nach dem Tod Sams und Deborahs sowie der geistigen Erkrankung Mirjams sieht sich Mendel endgültig in der Rolle des Hiobs und bricht mit Gott. Erst zum Ende des Romans, als der verloren geglaubte Sohn Menuchim geheilt als erfolgreicher Dirigent nach Amerika reist, um den Vater zu suchen, findet Mendel seinen Glauben und seine Hoffnung wieder.

Wunder und Wirklichkeitsbezug

Insbesondere der wundersame Romanschluss liest sich wie eine moderne biblische Geschichte, doch Roth geht in seinem Roman weit über eine Neuinterpretation der Hiob-Legende hinaus. Neben dem Hiob-Stoff tritt mit dem Auftauchen Menuchims zum Sederabend eine zweite Bibellegende in Erscheinung: die Joseph-Legende des verstoßenen Sohnes, der zurückkehrt und seine Familie rettet. Anstelle des erwarteten Propheten Elias tritt Menuchim zur Festgemeinschaft rund um Mendel und erfüllt damit die Messiashoffnung. Erst Menuchims Erscheinung leitet das Wunder der Versöhnung Mendels mit Gott ein. Während sowohl die Auflösung traditionell-jüdischer Lebensweise in der Assimilation in Russland als auch später in Amerika als Ursache für Mendels Leid gewertet wird, scheint mit Menuchim in seiner Rolle als Musiker eine glückliche Assimilation in die Kunst möglich (Shaked 1986, S. 260). Es bleibt offen, ob Roth die Romanhandlung in einem Wunder auflöst, weil er angesichts der persönlichen, wie auch politischen Situation, ohne Wunder keine Hoffnung in der Zukunft sieht, oder, ob seine Position der von Mendels Freund Menkes gleicht:

„Obwohl Gott alles kann, […] so ist doch anzunehmen, daß er die ganz großen Wunder nicht mehr tut, weil die Welt ihrer nicht mehr wert ist. […] selbst wenn du auswanderst werden die Zeitungen berichten, was mit dir geschehen ist. Also muß Gott heutzutage nur mäßige Wunder vollbringen. Aber sie sind groß genug […]“ (Roth 2010, S. 143)

Nicht nur die Bezüge zum jüdischen Kanon und der Religion mögen manchem heutigen Leser fremd erscheinen. Insbesondere die Idealisierung des Shtetl-Lebens in Kontrast zu dem im Roman entworfenen und stückweise verzerrten Amerikabild sowie dem symbolhaft gebrauchten Kosakentum ergeben eine genuin jüdische Soziosemiotik. (Shaked 1986, S. 283ff.) Es ist die Aufgabe des Lesers, diese zu „übersetzen“. Dennoch wirkt die Frage nach Assimilation und Identität heute in Anbetracht zunehmender Migration und sich ständig wandelnder Lebensbedingungen aktuell wie nie. Vielleicht fällt es auch heute noch so leicht, sich in dieser „Jedermannsgeschichte“ wiederzufinden, weil sie auf eine Konstante hinausläuft: unsere Vorstellung vom menschlichen Schicksal.

Der Roman und die Sekundärliteratur liegen heute in zahlreichen Ausgaben vor.

Roth, Joseph (2010): Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Hg. v. Han Wagener. Stuttgart: Reclam (Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 18532).

Bibliographie

Bernd Hüppauf (1985): Joseph Roth: Hiob. Der Mythos des Skeptikers. In: Gunter E. Grimm (Hg.): Im Zeichen Hiobs. Jüd. Schriftsteller u. dt. Literatur im 20. Jh. Königstein/Ts: Athenäum, S. 309–325.

Gershon Shaked (1986): Wie jüdisch ist ein jüdisch-deutscher Roman? Über Joseph Roths „Hiob, Roman eines einfachen Mannes“. In: Stéphane Mosès (Hg.): Juden in der deutschen Literatur. Ein deutsch-israelisches Symposion. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch, 2063), S. 281–292.

Hans Otto Horch (1989): Zeitroman, Legende, Palimpsest. Zu Joseph Roths „Hiob“-Roman im Kontext deutsch-jüdischer Literaturgeschichte. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift (70), S. 210–226.

Sternburg, Wilhelm von (2009): Joseph Roth. Eine Biographie. 1. Aufl. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

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4 Gedanken zu „Joseph Roths Hiob – Ein Roman zwischen Krise und Wunder

  1. Pingback: Nicht überflüssig | literaturundfeuilleton

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag. Insgesamt hat er mir geholfen. Eine kleine Anmerkung hätte ich allerdings noch: Die Emigration der Familie Singer nach Amerika entspricht nicht dem Wunsch des Wunderrabbis. Gerade deswegen ist Deborah nur schwer zu bewegen, am Ende doch aufzubrechen.

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