Hohlkörper auf dem Schachbrett der Gesellschaftskritik

Thomas Klugkist - Hanna und Sebastian   Cover: C.H. BeckEs will nicht ganz gelingen, dieses Spiel mit der schönen und bekannten Form des Brief-Romans. Hanna und Sebastian, zwei auf skurril anmutende und besonders ehrliche Art Liebende, sind dazu verdammt, als Leerhüllen einer trotzigen, vielmals philosophisch-phrasenhaften Gesellschafts-, Menschen- und Weltkritik Form und Raum zu geben.

von SYLVIA KOKOT

Hanna und Sebastian beginnen im Sommer 2000, nach einem gemeinsamen Rom-Aufenthalt, einander zu schreiben, erst Briefe, später E-Mails, teilweise mit langen Phasen des Stillschweigens. Ein Treffen kommt für sie (vorerst) nicht in Frage, denn sie haben beschlossen, sich nach Rom erst im Sommer 2010 in Athen wiederzusehen; eine fixe Idee, die vor Zeiten aus einem verkorksten Aufeinandertreffen und dabei aus Schüchternheit und Missverständnissen geboren wurde. Dieses Nicht-Zusammen-Kommen dieser sich liebenden Menschen fungiert natürlich als handlungstragendes Element und ist, wie es diesem Sujet entspricht (siehe u. a. Glattauers Gut gegen Nordwind, 2006), immer wieder durchbrochen von einer sich scheinbar anbahnenden räumlichen Begegnung, die dann aber doch von äußeren, deus ex machina gleichen Umständen zu verhindern gewusst wird. Klugkist ist bei der Themenwahl dieser Umstände nicht zimperlich: Selbstmord, Krebs, Missbrauch. Und gerade deswegen erscheint es umso unverständlicher, dass beide Figuren dieser Idee der Abstinenz treu bleiben und sogar in der Lage sind, diese als Ideologie und Utopie einer uneingeschränkt ehrlichen Freundschaft „[i]n reiner, gelingender Kommunikation“ zu stilisieren.

Aber ebenso wie sie mehr an der Idee, dem Prinzip „Brief statt Begegnung“, als an dem Gegenüber hängen, so erliegt auch der Brief- und E-Mail-Roman seiner Prinzipien- und Systemtreue, obwohl sich beide Protagonisten, jeweils auf ihre Art, als versierte Kämpfer gegen die Bedingungen und Zwanghaftigkeit von Systemen aufstellen.

Gattungskomplexe

Die gewählte Gattung, der Brief- bzw. E-Mail-Roman, will nicht ganz passen, will nicht ganz funktionieren. Alles ist ein bisschen schief. Der Brief an sich kann, zumindest theoretisch, eine räumliche Distanz überwinden, eine imaginäre Kommunikationssituation schaffen, der Schreiber kann sich den Abwesenden erschreiben und natürlich fungiert das Briefeschreiben auch als eine Art Selbstversicherung, die erst im zweiten Schritt zu einer Versicherung und Vergegenwärtigung des Anderen wird. Dennoch erscheint das jeweilige Gegenüber in diesem Fall eher als Stichwortgeber für den Wortschwall des Anderen, der sich dann über den Leser ergießt. Der Brief funktioniert hier zwar – auch bewusst thematisiert – als Reflexionsmedium, und die Figuren werden somit nicht vornehmlich als Handlungsträger inszeniert, dennoch fehlt der Versuch, mit der Briefschrift mehr zu machen, als durch Kursivierungen auf die Betonung einzelner Wörter hinzuweisen und dem Text so doch eine gewisse Lebendigkeit beizugeben. Dies genügt jedoch nicht, um den Figuren näher zu kommen. Vielfach scheinen die Briefe nicht den Zweck eines Dialogs zu erfüllen, sie gehen nicht aufeinander ein, eher aneinander vorbei – auch das kann die Poetologie dieses Brief- bzw. E-Mail-Romans sein, aber die abgeschmackten Weisheiten, die hier als Innerlichkeit präsentiert werden, die Narration, die sich an Pseudoplots entlang hangelt, lässt den Leser doch eigentümlich kalt und unberührt zurück.

Figurhülsen

Das von Hanna und Sebastian Geschriebene scheint beinahe austauschbar, wäre da nicht die sehr plakative gegenseitige Zuschreibung der Figurencharakteristik: Hanna als Pragmatikerin und Sebastian als Vergeistigter, aber beide natürlich als Weltverbesserer und als am jeweiligen System, in dem sie leben, Krankende und deswegen dagegen Kämpfende. Dennoch erscheinen sie weniger als Figuren, denen eine individuelle literarische Ausgestaltung zugekommen wäre, als vielmehr solche, die gewisse Aspekte und Rollen der Gesellschaft und Gesellschaftskritik abzudecken haben, um dann als Formhüllen für diverse philosophische, systemkritische Sentenzen zu fungieren, die in ihrer Ausgestaltung weder neu noch mit besonderem Feinschliff versehen sind. So wird die kapitalistische Struktur des Gesundheitssystems von Hanna als Ärztin kritisiert, ebenso das mangelnde Interesse an einer speziell weiblichen Medizin. Sebastian beschreibt die aus Korruptheit bestehende und auf Floskeln beruhende Medienlandschaft, mal wieder besetzt mit einem Typenmix aus verklemmtem, aber großkotzigem Gorillamännchen – hier mit dem Namen Hermann –, und schließlich mutiert Sebastian sogar zu einer Art männlicher Kassandra-Figur, die auf der nach einer Selbstfindungsphase generierten Internetplattform für freien ideologielosen Gedankenaustausch u. a. das Platzen der Immobilienblase vorausahnt.

Ein weiterer Grad dieser funktionalisierenden Figurenpoetik zeichnet sich in den Nebenfiguren ab: An Sebastians Seite stehen die engelsgleiche, immer gute Sibylle und der im zartesten Kindergartenalter schon weise und ätherische Sohn Leon, Hannah wird u. a. begleitet vom diabolisch-manischen, dem Masochismus zugetanen Künstler Johannes.

Systemkritik

Und am Ende steht die banale Frage: „Werden sie sich wiedersehen?“, als hätte es sich die ganze Zeit um eine schnöde Liebesschmonzette gehandelt. Form und Inhalt wollen so sehr und können doch nicht, zumindest nicht jene Innerlichkeit beim Leser erreichen, die in der Kommunikation von Hanna und Sebastian suggeriert wird. Vielleicht wäre es eine Option gewesen, das Gegenüber (in diesem Fall Hanna) wegzulassen, denn ähnelt das Unterfangen, zwei gleichberechtigte Figuren, beide mit einem hohen intellektuellen Anspruch ausgestattet, in einen liebevollen aber doch auch von entgegengesetzten Ansichten geprägten brieflichen Diskurs miteinander zu bringen, nicht einem Schachspiel mit sich selbst? Einfacher sind Briefe, deren Antworten nicht gezeigt werden. So hat es Dietmar Dath 2005 mit Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit geschafft. Und zumindest die Figur des sehenden Sebastian könnte als Versuch Klugkists interpretiert werden, etwas Ähnliches auch mit diesem Roman zu schaffen. Nur leider ist dies am System des lediglich suggeriert Dialogischen gescheitert.

Thomas Klugkist: Hanna und Sebastian
C.H. Beck, 432 Seiten
Preis: 19,95€
ISBN: 978-3-406-65960-7
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