Das Bild ist der Text ist das Bild ist der Text

Collage aus der Serie STRANGELAND #2_BILD: Mihau PollakFernab vom künstlerischen, meist im institutionellen Rahmen stattfindenden Trubel in Hildesheim macht Mihau Pollak seine Kunst: Aus alten Büchern und Fotobänden fertigt er in Handarbeit Collagen an, die den Betrachter staunen lassen, ihn manchmal aber auch beunruhigen. Auch seine Malerei besteht, dem Objet trouvé oder den Readymades ähnelnd, aus zufällig gefundenen Fotografien, die er mit Farbe verfremdet. literaturundfeuilleton sprach mit ihm über seine Arbeiten, über deren Entstehung und wie gleichzeitig das Bild den Text und der Text das Bild fundiert.

von ESRA CANPALAT

Esra Canpalat: Mihau, du lebst und studierst in Hildesheim, einer Stadt, die durch Studiengänge wie Kreatives Schreiben und Kulturwissenschaften und nicht zuletzt auch durch das Prosanova-Festival den Ruf einer Literaten- oder Künstlerstadt hat. Hat dich dieser kreative ‚Flow‘ der Stadt in deiner Arbeit als Künstler beeinflusst?

Collage aus der Serie STRANGELAND_BILD: Mihau Pollak

Collage aus der Serie STRANGELAND

Mihau Pollak: Ich glaube nur insofern, als dass ich stets bestrebt war, das Gegenteil davon zu machen, was hier in erster Linie vor allem in Bezug auf das Schreiben gelehrt wird: und zwar den kreativen Prozess zugleich als eine Form der Selbstinszenierung zu begreifen und sich in dieser Hinsicht weitestgehend marktorientiert zu präsentieren, was ja in Bezug darauf, dass das Künstler- oder Schriftstellerdasein tatsächlich als berufliche Perspektive zu begreifen durchaus Sinn macht. Nur hatte und habe ich noch immer die Befürchtung, dass dadurch das eigentlich Individuelle und Authentische zu weit in den Hintergrund gedrängt wird. Ich glaube, der kreative ,Flow‛, vor allem wenn er im institutionellen Kontext stattfindet, fließt mehr oder weniger an mir vorbei. Beeinflusst haben mich viel mehr einzelne Menschen, meine WG, gute Freunde und Freundinnen, die mir stets Rückhalt gegeben und mir bewusst gemacht haben, dass mein Schaffen auch über den eigenen, in erster Linie therapeutischen Selbstzweck hinaus Sinn macht.

Collage aus der Serie POSTCARDS FROM A COLD ISLAND

Collage aus der Serie POSTCARDS FROM A COLD ISLAND

E: Da würde ich gerne weiter nachhaken. In deinem Blog godfatherrabbit, in dem du deine künstlerischen Arbeiten präsentierst, schreibst du, dass du während einer sehr stressigen Phase zur Kunst gefunden hast. Hat Kunst für dich weiterhin diesen therapeutischen Effekt oder hat die Arbeit am Kreativen sich mittlerweile so verselbstständigt, dass du sie unabhängig von deiner Stimmung machst?

M: Am produktivsten bin ich, wenn es mir nicht gut geht. Ich glaube, der Grad meiner Stimmung steht auch immer mehr oder weniger in Bezug zu meinen Arbeiten. Wenn es mir wirklich gut geht, arbeite ich in Regel gar nicht, sondern versuche, die Zeit mit sinnvolleren Dingen zu füllen. Die Arbeit an einer Serie von Collagen und Malereien ist sehr zeitintensiv, daher versuche ich in der Zwischenzeit Menschen zu treffen die mir wichtig sind, meinen studentischen Pflichten nachzukommen und meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Collage aus der Serie YOUTH #2_BILD: Mihau Pollak

Collage aus der Serie YOUTH #2

E: Wie lange bist du schon künstlerisch aktiv? Hast du vor deinen Collagen bereits andere kreative Arbeiten geschaffen?

M: Davor habe ich immer für Freunde gemalt und Bilder collagiert, meist zu besonderen Anlässen wie Geburtstagen. Ich glaube viele meiner ehemaligen Kommilitonen und Kommilitoninnen haben irgendwo noch Bilder von mir in den tiefsten Tiefen irgendeiner Schublade. Wirklich intensiv habe ich mit dem Erstellen von Collagen letzten Sommer begonnen, eine in jeder Hinsicht fiese Zeit. Davon ausgehend sind im Laufe eines Dreivierteljahres an die vierhundert Arbeiten erstanden.

Collage SELFPORTRAIT II aus der Serie SELFPORTRAITS_BILD: Mihau Pollak

Collage SELFPORTRAIT II aus der Serie SELFPORTRAITS

E: Wie bist du auf die Idee gekommen, Collagen anzufertigen?

M: Ich glaube eine Collage ist in ihrer Art etwas, das dem Schreiben sehr nahe steht. Du nimmst einzelne Elemente aus diversen Quellen und fügst sie zu so etwas wie einer narrativen Einheit. In erster Linie war es weniger eine Idee als vielmehr eine Form bloßer Beschäftigung. Ich musste mich auf irgendetwas konzentrieren, das außerhalb meines Verstandes stattfand. Das Schreiben an sich war mit dem Denken zu sehr verbunden, und dann stolperte ich eines Tages über zwei Bücher, einen Bildband über die IRA und einen Biologieband über wirbellose Tiere. Daraus entstand dann im Laufe einer Woche die Serie SPINELESS.

E: Wenn du eine Collage anfertigst, ist da die Idee für das Bild, das du herstellen willst, schon in deinem Kopf, oder entsteht sie im Werkprozess während du am Schnibbeln und Kleben bist?

Kreis I / Circle I_BILD: Mihau Pollak

Kreis I / Circle I

M: Eine konkrete Idee zu einzelnen Bildern habe ich in der Regel nicht, da ich ausschließlich in Serien arbeite und dem eigentlichen Prozess des Collagen-Erstellens erst einmal ein relativ langer Prozess des Bilder-Sammelns vorangeht. Ich verwende fast ausschließlich Bilder, die ich in öffentlichen Bücherschränken finde. Sobald ich genug Material beisammen habe, lege ich mich auf ein bestimmtes Thema fest, das mich im jeweiligen Moment beschäftigt, sei es Liebe, Verzweiflung oder Fernweh, und schaue dann anschließend, was die im Vorfeld angesammelten Bilder hergeben.

E: Einige deiner Collagen, besonders die aus der Serie POSTCARDS FROM A COLD ISLAND, erinnern, auch aufgrund deiner Auswahl von sehr drastischen schwarz-weiß Fotografien, an die kritischen Collagen der Dadaisten. Sind deine Arbeiten auch als Kritik an politischen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten zu verstehen?

Collage aus der Serie POSTCARDS FROM A COLD ISLAND_BILD: Mihau Pollak

Collage aus der Serie POSTCARDS FROM A COLD ISLAND

M: Wirkliche Kritik an politischen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten beinhalten lediglich jene aus der SURVIVAL Serie. Die übrigen sind vielmehr durch persönliche Gedanken, Vorstellungen, Sehnsüchte und Erfahrungen geprägt. POSTCARDS FROM A COLD ISLAND sind der Versuch einer Illustration von „some very heavy psychic shit“, wie David Foster Wallace sagen würde. Inspiriert ist die Serie von einem Roman, der leider mittlerweile beinah vergessen ist, den ich aber dennoch oder gerade deswegen jedem ans Herz legen möchte (daher auch die Widmung auf dem Blog), und zwar A Fan’s Notes von Frederick Exley.

Collage ARK aus der Serie SURVIVAL #3_BILD: Mihau Pollak

Collage ARK aus der Serie SURVIVAL #3

E: Andere deiner Arbeiten, wie z.B. THE PINES, wirken durch das Aufeinandertreffen grundverschiedener Motive und Gegensätze fast schon träumerisch oder gar absurd, so als seien sie vom Surrealismus beeinflusst. Die Collagen aus der Serie WILDERNESS hingegen erwecken durch die geometrischen Formen (zumindest bei mir) den Eindruck des Kubistischen oder Futuristischen. Haben dich bestimmte Stilepochen bei der Arbeit beeinflusst oder ist dieser Effekt dem Zufall bzw. dem Prozess des Collagierens geschuldet?

M: Definitiv dem Prozess des Collagierens und dem Zufall der im Moment vorhandenen Bilder. Erst vor ein oder zwei Monaten habe ich begonnen, mich ernsthaft mit Kunst und Kunstgeschichte im eigentlichen Sinne zu beschäftigen.

Collage aus der Serie THE PINES_BILD: Mihau Pollak

Collage aus der Serie THE PINES

E: Auch deine Malerei besteht ja, ähnlich wie deine Collagen, aus etwas bereits Vorhandenem, nämlich Fotografien, die du mit dicken Schichten von weißer und schwarzer Farbe verfremdest. Was genau fasziniert dich an dieser Dekonstruktion?

M: Der Prozess aus etwas ‚Alltäglichem‘ wie einer Fotografie in einer Illustrierten etwas ‚Nicht- Alltägliches‘ zu machen. Nehmen wir die im Grunde meist nichtssagende Fotografie eines Models in einer Zeitschrift, welche durch das Auftragen und wieder Abnehmen von Farbe in gewisser und in mancher Hinsicht auch morbider Weise zu einem Bild gewandelt wird, das plötzlich nicht mehr schlicht überblättert, sondern als tatsächliches Portrait Aufmerksamkeit gewinnt und so als für sich selbst stehendes und autarkes Kunstwerk gewürdigt wird. Letztendlich ist dies ja nicht vielmehr als eine Übertragung der Idee von Duchamps Fountain (mit dem kleinen, jedoch wichtigen Unterschied, dass es sich bei den Bildern nicht um Readymades handelt).

Angst II / Fear II_BILD: Mihau Pollak

Angst II / Fear II

E: Für die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift BELLA triste hast du auch eigens Bilder gemacht. Spielen Literatur und Sprache auch eine gewisse Rolle in deinen Arbeiten? In deinen Postkarten beispielsweise verwendest du ja auch Textelemente. Manche der Collagen-Serien werden mit Literaturzitaten wie z.B. von Sarah Kane und David Foster Wallace eingeleitet. Und du hast ja vorhin auch den Roman von Exley erwähnt, dem du eine Collagen-Serie gewidmet hast.

M: Ich sehe da keinen allzu großen Unterschied zwischen einem Text und einem Bild, dem eine gewisse, narrative Ebene innewohnt. Ich glaube sowohl ein Text als auch ein Bild kann für zwei verschiedene Menschen eine gänzlich unterschiedliche Bedeutung haben. Was dort hineinspielt sind doch auch immer die eigenen Erfahrungen, Erlebnisse, Erinnerungen und Gedanken. Ich glaube, ein Bild lässt lediglich mehr Spielraum für Interpretation, Assoziationen. Und auch dabei kommt es ja letztlich darauf an mit welcher Form von Text man ein Bild vergleicht, wie sehr ein Text oder Bild sich selbst zur Voll- oder Unvollkommenheit auserzählt. Für mich war Lesen immer eine Form Bilder im eigenen Kopf entstehen zu lassen. Und vielleicht ließe sich dann ein Bild auch als eine Möglichkeit begreifen, sich selbst Geschichten zu erzählen. Vielleicht beginnt ja die Erzählung im eigenen Kopf bereits sobald wir ein Bild betrachten, verwoben mit allem von uns bereits Gedachtem und Erlebtem.

Mann IV / Man IV_BILD: Mihau Pollak

Mann IV / Man IV

E: Kommenden Samstag hast du in der Werkhütte in Hildesheim eine Ausstellung. Wie fühlt es sich für dich an, dass deine Kunst nun in einem Ausstellungskontext zu sehen ist?

M: Sehr gut. Ich hatte und habe noch immer das Glück mit einem wunderbaren Galleristen namens Jan Faltz zusammen zu arbeiten, der dieses grandiose Atelier am Rande der Hildesheimer Oststadt mit viel Zeit und Mühe aufgebaut hat und der von meiner ersten Anfrage an voll hinter dem Projekt einer Ausstellung meiner Bilder stand. Ich glaube wir haben eine wirklich schöne Ausstellung auf die Beine gestellt. Und vielleicht auch noch viel mehr als das.

E: Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg mit der Ausstellung und bei deinen weiteren Projekten. Vielen Dank für das interessante Interview.

Collage aus der Serie MEN_Bild: Mihau Pollak

Collage aus der Serie MEN

Mihau Pollaks Bilder sind vom 18.04. bis zum 09.05.2015 in der Werkhütte in Hildesheim zu sehen. Am 25.04.2015 findet um 19 Uhr am selben Ort eine Lesung statt mit dem Künstler selbst, Anne-Sophie Nagels, Lena Vöcklinghaus und Philipp Winkler. Mehr Infos gibt es auf der facebook-Präsenz der Werkhütte.

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