Zwischen Massenmord und Alltagsproblemen

Martin Amis - Interessengebiet Cover: PiperThomsen, der obstruktive Mitläufer, Paul Doll, der Kommandant des Kat Zets, und Szmul, der Sonderkommandoführer – in einem namenlosen Konzentrationslager versuchen alle drei ihre Interessen zu wahren: Sand ins Getriebe werfen, Sex mit der eigenen Frau und ein reibungsloser Ablauf der Selektion, oder einfach nur blankes Überleben. In seinem neuen Roman Interessengebiet berichtet Martin Amis aus den sehr unterschiedlichen Ich-Perspektiven dieser drei Männer.

von GREGOR J. REHMER

Angelus „Golo“ Thomsen scheint auf den ersten Blick ein überzeugter Nazi zu sein. Er ist Verbindungsoffizier und in dieser Funktion an der Errichtung der Buna-Werke in einem Konzentrationslager beteiligt. Durch seinen Onkel Martin Bormann, Sekretär von Hitler, hat er Verbindungen in die oberen Etagen der Macht des Dritten Reiches, die er auch gelegentlich für kleinere persönliche Anfragen nutzt. Doch bald wird klar, dass er, der sich selbst als „obstruktiven Mitläufer“ bezeichnet, zwar Teil des Systems ist, aber nur um es zu behindern – wie bei seinem Versuch, den Bau der Buna-Werke zu sabotieren.

Paul Doll ist der Kommandant des Konzentrationslagers und wird hinter vorgehaltener Hand nur „alter Säufer“ genannt. Ob er nun zur Flasche greift, weil die Selektionen an der Rampe ihn vielleicht doch mitnehmen oder weil seine Frau nicht mit ihm schläft und ihm auch mal ein blaues Auge schlägt, bleibt offen, wobei seine Gedanken eher um die sexuelle Ablehnung kreisen als um den Massenmord an den Juden.

Als Führer des Sonderkommandos ist Szmul täglich vom Tod umgeben. Er führt die neu angekommenen jüdischen Gefangenen aus den Sonderzügen in die Gaskammer und bricht den Leichen, bevor er sie im Krematorium den Flammen übergibt, die Goldzähne aus. Er kann sich nicht sicher sein, wann auch er in der Gaskammer ermordet werden wird.

Drei Männer, drei Perspektiven, eine Liebesgeschichte, viele Themen

In Amisʼ neuem Roman erzählt jeder der drei Männer aus der Ich-Perspektive vom Leben im Konzentrationslager. Zusammengeführt werden diese drei sich konstant abwechselnden Sichtweisen dabei durch eine übergeordnete Geschichte: Thomsen verliebt sich in Hannah, die Frau des Kommandanten. Zwar ist Hannah, die ihren Mann längst nicht mehr liebt, eigentlich nie geliebt hat, Thomsen nicht ganz abgeneigt, möchte von ihm jedoch lieber Informationen über ihren früheren Geliebten erhalten, den die Gestapo verhaftet hat. Thomsen versucht ihr diese Informationen durch seine Verbindungen in die Führungsetage des Dritten Reiches zu verschaffen. Doll wiederum erfährt von den Treffen seiner Ehefrau mit Thomsen und heckt einen Racheplan aus. Hierfür erpresst er sich die Hilfe Szmuls, der ihm bei der Umsetzung helfen soll.

Verhandelt werden innerhalb dieses Geschehens verschiedene Themen. Es geht um Sex – häufig will irgendwer mit irgendwem ins Bett hüpfen; Doll kann bei seiner Frau nicht mehr landen, bespannt sie gelegentlich und hat Sex mit einer Gefangenen. Es geht um Mitläufertum und Widerstand – Thomsen hilft zwar beim Aufbau der Buna-Werke, versucht aber gleichzeitig, deren Fertigstellung zu sabotieren; Hannah hofft auf eine baldige Niederlage der deutschen Armee. Es geht um ethisches Verhalten – Doll muss sich immer wieder bestätigen, dass er ‚normal‘ ist, auch wenn er Frauen und Kinder töten lässt. Es geht um die inneren Konflikte der Mitglieder des Sonderkommandos – durch ihre Arbeit helfen sie bei der Ermordung der Juden, können wiederum einige von ihnen retten und schließlich auch durch besseren Zugang zu Lebensmitteln sich selbst am Leben halten. Und es geht natürlich um den Horror im KZ – in dem ein Menschenleben nicht viel Wert ist, die Häftlinge ausgebeutet werden und die Leichen lediglich als „Stücke“ bezeichnet werden.

Im Interessengebiet

Zwar wird das KZ, in dem sich die Handlung abspielt, nicht namentlich spezifiziert, lässt sich über verschiedene Hinweise – Interessengebiet, KZA, Buna-Werke, Kalifornien (statt Kanada) – aber schnell als Auschwitz identifizieren. Auch die Hinweise zur Biografie von Paul Doll weisen offensichtliche Parallelen zu Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß auf.

Die Titelwahl Interessengebiet (im englischen Original: The Zone of Interest) hat Amis sicherlich nicht nur wegen des Verweises auf Auschwitz gewählt. Er deutet hiermit auch an, dass im KZ nicht nur die verschiedenen Interessen von Thomsen, Doll und Szmul ausgehandelt werden, sondern auch des Dritten Reichs: die Vernichtung des europäischen Judentums bei gleichzeitiger Gewährleistung von genügend Arbeitssklaven für die deutsche Industrie. Zudem verknüpft Amis mit dem Titel noch eine philosophisch-moralische Botschaft. Das Interessengebiet wird als Spiegel bezeichnet, in dem im Nationalsozialismus jeder Täter, Mitläufer, Zeuge, Widerständler und jedes Opfer sich selbst erkennt. Auschwitz wird somit zum symbolischen Ort, an dem sich die Bandbreite menschlichen Verhaltens ablesen lässt.

In Großbritannien gefeiert – aber auch für deutsches Publikum überzeugend?

Nach Pfeil der Zeit wendet sich Martin Amis mit Interessengebiet zum zweiten Mal dem Thema Holocaust zu. In Großbritannien, der Heimat von Amis, wurde der Roman von der Presse positiv aufgenommen. Dass in Deutschland der Hanser-Verlag, der die letzten Romane von Amis herausgab, das neue Werk nicht veröffentlicht hat, mag darauf hindeuten, dass Hanser Interessengebiet eher kritisch sieht. Und ja: Der Roman hat Schwächen. Aber nicht nur. Der Versuch, in einem Roman die Perspektiven von Widerstand leistendem Mitläufer, Täter und Opfer zu vereinen, ist ungewohnt, ist neu. Auch wenn die Nazi-Täter mit menschlichen Seiten ausgestattet sind, verleitet der Roman nicht dazu, sich mit ihnen zu identifizieren oder ihre Gräueltaten zu verstehen oder gar zu entschuldigen. Der Stil von Amis trägt auch dazu bei, dass der Text sich flüssig lesen lässt. Aber reicht dies schon, um die Schwächen des Romans auszugleichen?

Bei der Lektüre fallen ein paar Aspekte gleich auf. Wenn zum Beispiel vom Gang in das Kat Zet berichtet wird, fragen sich die deutschsprachigen LeserInnen bestimmt, weswegen hier nicht einfach das Kürzel KZ verwendet wurde – aber gut, dies ist keine Schwäche des Romans, sondern eine Entscheidung des Übersetzers, die englische Lautsprache beizubehalten. Doch die Sprache, die Amis Doll in die Feder legt, führt wirklich zu Kopfschütteln. ‚Kochende Fotzen‘, ‚grandiose Titten‘, ‚expansible Penisse‘ und ‚kraftvolle Libido‘ mögen zwar vermitteln wollen, wie frustriert Doll ist, wirken aber beim Lesen nur peinlich und unangebracht.

Quo vadis Interessengebiet?

Ist man am Ende des Buches angelangt, zeigt sich eine weitere Schwäche. Die LeserInnen stehen vor dem Problem: Was will Interessengebiet vermitteln?

Durch den zentralen Raum, den die Thomsen-Hannah-Geschichte einnimmt, mag fast der Eindruck aufkommen, es handele sich um einen Liebesroman, der aufzuzeigen versucht, wie schwer es zwei Menschen im Angesicht des Massenmordes an den Juden haben, zueinanderzufinden. Dies würde allerdings bedeuten, dass der Holocaust mal wieder nur als geschichtlicher und austauschbarer Hintergrund dient.

Soll stattdessen ein Einblick in das Innenleben der Täter und Mitläufer gewährt werden? Falls ja, wäre dieser Versuch gescheitert. Denn über Thomsens Antrieb, das Dritte Reich vordergründig zu unterstützen und es heimlich zu sabotieren, erfahren die LeserInnen nicht genug. Dolls Perspektive vermag auch nicht zu überzeugen. Führertreue, sexuelle Frustration, die Selbstvergewisserung, normal zu sein, und hin und wieder mal ein paar Bedenken, ob der abertausendfache Mord an Kindern und Frauen nicht doch etwas übertrieben sei, sind zu oberflächlich, um ein ausgeklügeltes Täterprofil zu liefern – hier hat Jonathan Littell mit Die Wohlgesinnten überzeugendere Arbeit geleistet.

Vielleicht sollte aber auch der Horror der Konzentrationslager beschrieben werden? Passagen, in denen über die Selektion berichtet wird, über die Willkür, die über Leben und Tod der Opfer entscheidet, über die Leichenberge – ja, das Gräuel wird hier in Ansätzen offengelegt, wirkt aber vor dem Hintergrund von Berichten von Überlebenden, zum Beispiel Primo Levi oder Elie Wiesel, platt und eindimensional.

Die etwas andere Banalität des Bösen

Im besten Fall will Interessengebiet darauf verweisen, dass selbst im Angesicht des täglichen Mordens die persönlichen – belanglosen – Probleme der Täter, Mitläufer und Beistehenden nicht einfach aufhören. Auch wenn täglich Tausende Juden vernichtet werden, geht das Leben für die Deutschen weiter. Sie wollen weiterhin schnellen Sex, weiterhin Feste feiern, weiterhin ihren persönlichen Spielchen um Macht und Anerkennung nachgehen. Nicht ihre kleinen Probleme werden für die Täter zur Banalität, sondern der Holocaust. Und diese Erkenntnis zeichnet ein sehr verstörendes und erschreckendes Bild über die Menschen, die Deutschen, die für den Holocaust verantwortlich waren, ihn möglich gemacht haben. In dieser Erkenntnis liegt auch, bei aller Kritik an Amisʼ Roman, die große Stärke von Interessengebiet.

Wer sich noch nicht intensiv mit Holocaust-Literatur auseinandergesetzt hat, findet mit Interessengebiet sicherlich einen nicht zu anspruchsvollen Einstieg in die Thematik, könnte seine Zeit aber auch lieber den bekannteren Holocaust-Texten widmen. Wer Interesse an der Täter-Perspektive zeigt und Hilsenrath, Littell und Pasternak schon durch hat, der sollte aber sicherlich zu Interessengebiet greifen.

 

Martin Amis: Interessengebiet. Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Kein & Aber, 416 Seiten
Preis: 25 Euro
ISBN: 978-3-0369-5724-1

 

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