Selfie mit Hitlerbärtchen

COVER_Funk_Winternähe_SFischerEin Selfie erlaubt es, einen Blick auf sich selbst zu werfen. In Mirna Funks Debütroman Winternähe wird ein Selfie der Protagonistin Lola zum Ausgangspunkt für einen Blick auf ihre Identität, auf Berlin, Tel Aviv und auf Fragen nach der deutsch-jüdischen Vergangenheit und dem Nahost-Konflikt. Überschattet wird das alles durch ein fieses kleines rechteckiges Bärtchen.

von GREGOR J. REHMER

Eigentlich ist Lola gar keine Jüdin. Sagt zumindest die Halacha. Und der Richter.
Aber Lola fühlt sich als Jüdin. Deswegen findet sie es auch alles andere als witzig, als ein übergroß gedrucktes Selfie von ihr mit einem Hitlerbärtchen verunstaltet und ein Foto dieser Malaktion auf Facebook gepostet wird, und zeigt Schmierfink und Fotografin bei der Polizei an. Bei der späteren Gerichtsverhandlung macht es sich der deutsche Richter recht einfach: Da Lola mit jüdischem Vater und christlicher Mutter der halachischen Regel nach keine Jüdin sei, kann es sich bei der Hitlerbartverunzierung auch nicht um eine antisemitisch motivierte Tat handeln. Freispruch.

Frei und von der Leber weg sprechen ebenfalls andere Deutsche, denen Lola begegnet. Etwa ihre Arbeitskollegen aus der Bildagentur, die sich abfällig über einen Immobilienmakler äußern – ein ‚gieriger Jude‘ sei der. Oder Toni, der bei seiner Israelkritik einen Auschwitzvergleich bemüht. Oder der Ex-Schlagersänger, der Lola bei einem Kneipengespräch in die Gaskammer wünscht sowie die Nazi-Enkelin, die sich sicher ist, dass Lola eine klasse Stehlampe abgäbe. Lola jedenfalls reicht es. Sie bucht ein Flugticket nach Tel Aviv und flüchtet aus Deutschland.

„Boom“

Lolas Hoffnung in Tel Aviv zur Ruhe zu kommen, erfüllt sich nicht. Kurz nach ihrer Ankunft beginnt der Gaza-Krieg von 2014. Eingeleitet durch die Entführung und Ermordung von drei israelischen Schülern durch die Hamas sowie die Ermordung eines palästinensischen Jugendlichen von rechtsradikalen Israelis explodieren die Raketen bald täglich am Himmel Tel Avivs. Vor, nach und während der Raketenangriffe hat Lola aber genügend Zeit, sich mit Shlomo zu treffen, den sie kurz zuvor in Berlin kennengelernt hat. Überschattet wird die Beziehung jedoch von seinem düsteren Geheimnis, das zugleich auch Grund für Shlomos harsche Kritik an Israels Gaza-Politik ist und Ursache dafür, dass er sich mit den Palästinensern solidarisch zeigt, etwa auf der Beerdigung des aus Rache getöteten Jugendlichen oder auf Friedensdemos.

Als der Krieg Lola immer mehr aufs Gemüt schlägt und auch noch ihr Großvater stirbt, der nach dem Tod seiner Frau von Deutschland nach Tel Aviv zog, lässt Lola Shlomo hinter sich und flüchtet erneut. Diesmal auf eine kleine thailändische Insel. Hier hofft sie, sich endlich selbst (wieder) zu finden und sich auf ihre Rückkehr nach Berlin vorbereiten zu können.

„Mischung aus KZ-Häftling und KZ-Aufseher“

Schon zu Beginn des Romans wird klar, dass Lola kein einfacher Charakter ist. 34 Jahre alt, Berlinerin und nach einem geschmissenen Studium und einem wegen der antisemitischen Äußerungen ihrer Arbeitskollegen gekündigten Job, schlägt sie sich als freie Fotografin durch und kommt durch den Verkauf von einigen Bildern überraschend zu einem gut gefüllten Konto. Auf Instagram und Facebook fühlt sie sich zu Hause. Bis hierhin noch alles normal.

Schwieriger wird es mit Blick auf Lolas Eltern. Dabei leidet Lola weniger daran, dass sie ihre Mutter nur selten sieht und diese sie schon früh bei den Großeltern ließ, um mit neuem Mann in Hamburg ihr Glück zu suchen. Mehr zu schaffen macht ihr die Beziehung zu ihrem Vater. Schon seit ihrer Kindheit hat Lola wenig Zeit mit ihm verbringen können: erst wegen der Trennung der Eltern, dann wegen seiner Flucht aus der DDR, schließlich, weil ihr Vater nach Australien ausgewandert ist. Die wenigen Unterhaltungen, die sie seitdem geführt haben, enden meistens im Streit. Dennoch sehnt sie sich nach ihm.

Besonders zu schaffen macht Lola aber ihre Identität. Mit deutscher Mutter, in Deutschland geboren und aufgewachsen, fühlt sich Lola als Deutsche. Mit jüdischen Großeltern und jüdischem Vater, begreift sie sich aber auch als Jüdin, wird jedoch von vielen nicht als solche anerkannt. Lola fühlt sich wie ein „Oxymoron“ – sieht sich als KZ-Häftling und KZ-Aufseher, als Täter und Opfer in einem, ist Jüdin und Nichtjüdin.

„Vorboten für das Sequel zum Holocaust“

Die Überlegungen zu einer deutsch-jüdischen Identität sowie einer deutsch-jüdischen Beziehung gehören zu den Stärken von Winternähe. Deutlich wird, dass der Holocaust auch nach 70 Jahren noch immer eine prägende Kraft ausübt, die ein unbeschwertes Leben in Deutschland für Juden unmöglich machen kann. Während Lola als Kind ihre Großmutter noch auslachte, weil diese überall Anzeichen für einen zweiten Holocaust sah, erkennt sie bald, dass Antisemitismus allgegenwärtig und in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen, fast möchte man sagen: wieder salonfähig geworden ist. Nicht nur am Arbeitsplatz und in der Kneipe, vor allem auch in den digitalen Medien stößt Lola immer wieder auf antisemitische Äußerungen.

Lesenswert wird Winternähe ebenfalls durch seinen Umgang mit der Nahost-Krise. Statt Israel diesbezüglich nur zu verteidigen oder nur zu kritisieren, kommen in dem Roman verschiedene Sichtweisen zur Sprache. Lolas Opa, der, vom Holocaust geprägt, der Meinung ist, dass Israel sich verteidigen müsse. Shlomo, der Israels Umgang mit den Palästinensern überhaupt nicht gutheißen kann. Die Meinung der Deutschen auf Facebook, die hinter ihrer Israelkritik nur zu gerne ihren Antisemitismus verstecken.

Diese wuchtigen Themen verpackt Mirna Funk gekonnt mit ihrem erfrischend leichten und frechen Stil. Hier wird keine schwere Keule geschwungen. Stattdessen werden süße Bonbons gereicht, die aber gefüllt sind mit dem Stoff zum Nachdenken: über den Holocaust, über die Nahost-Krise, über Antisemitismus und Juden in Deutschland. Das einzige, was den Text schwerfällig zu machen droht, sind die „Daddy Issues“ von Lola, welche zwar mit den angesprochenen Themen in Zusammenhang stehen, aber manchmal mehr Raum einzunehmen versuchen, als selbst Freud ihnen einräumen würde.

Die Lektüre von Winternähe lohnt auf alle Fälle. Hier werden schwierige Themen in lesbarem Gewandt verpackt, die nicht nur LeserInnen begeistern können, die sich für eben diese Themen interessieren, sondern ebenfalls alle, die sich von einem Buch lediglich unterhalten lassen wollen – und sich dabei aber nicht vor Denkanstößen scheuen.

 

Mirna Funk: Winternähe
S.
Fischer, 352 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-10-002419-0

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