Philosophieren für Schwindelfreie

Lew Schestow: Apostheose // Quelle: Matthes&Seitz

Der heute hierzulande fast vergessene russische Philosoph Lew Schestow (1866–1938) war ein Vordenker des Existenzialismus. Im Verlag Matthes & Seitz erscheint nun mit der Apotheose der Grundlosigkeit nach hundert Jahren einer seiner wichtigsten Texte erstmalig in deutscher Über­setzung.

von BERNHARD STRICKER

LeserInnen philosophischer Texte sind der Abgrund und das Schwindelgefühl vor allem von Heidegger und Sartre her bekannt, aus ihren phänomenologischen Analysen der Angst und der Freiheit. Mit der Apotheose der Grundlosigkeit des jüdisch-russischen Philosophen Lew Schestow wird nun ein Text auf Deutsch zugänglich, der zu den Inspirationsquellen dieser Autoren gerechnet werden darf. Das Motto „Nur für Schwindelfreie“, mit dem Schestow den zweiten Teil seiner Aphorismen-Sammlung versieht, wird von der Aufschrift eines Schildes, dem er auf einer Bergwanderung begegnet war, zur Signatur eines Denkens, das sich nur an diejenigen richtet, die der radikalen Negativität einer alle vermeintlichen Grundsätze als bodenlos entlarvenden skeptischen Denkbewegung zu folgen vermögen.

Grundlosigkeit als Grundüberzeugung

Schestows Apotheose der Grundlosigkeit, 1905 auf Russisch erschienen, stellt nicht nur einen seiner meistdiskutierten Texte dar, sondern markiert in seinem Werk auch den Übergang von geschlossenen Abhandlungen über literarische und philosophische Themen zur aphoristischen Form des Mikroessays. Der Grundgedanke, der in dieser Textgestalt formalen Ausdruck findet, lautet: Solange es nicht dem Verlangen nach metaphysischem Trost nachgibt, gelangt das Denken nirgendwo zur Ruhe, weil es nirgendwo festen Halt findet. Das Leben in seiner Bewegtheit und Widersprüchlichkeit ist mit den Mitteln der Vernunft nicht zu begreifen. Alle Versuche des Systemdenkens sind darum zum Scheitern verurteilt. Die Philosophiegeschichte stellt sich nicht als Fortschritt in der Annäherung an die Wahrheit, sondern als Pluralismus von nur vom künstlerischen Standpunkt zu begreifenden Denkgebäuden dar. Die Aufgabe der Philosophie besteht deshalb nicht in der Rechtfertigung einer Weltanschauung, sondern darin, die mangelnde Fundiertheit aller möglichen Weltanschauungen offenzulegen. Der wesentlich unbegreiflichen Natur des Lebens kann angemessen überhaupt nur in der offenen Form einer immer wieder neu ansetzenden, bis zum Äußersten zweifelnden Denkbewegung begegnet werden: „Zweifel sollte man nicht deshalb hegen, um danach zu festen Überzeugungen zurückzukehren […]. Der Zweifel muss zu einer anhaltenden schöpferischen Kraft werden und muss als solche die Grundsubstanz unseres Lebens durchwirken.“

Der Gesichtspunkt des Lebens

Seine Skepsis gegenüber Vernunft, Wissenschaft und Fortschritt formuliert Schestow vom Standpunkt der Unbegreiflichkeit des Lebens aus: „Darf man sich denn überhaupt Gesetzen beugen? Gesetze sind tot, der Mensch jedoch ist vor und nach allem ein lebendiges Wesen.“ Mit seiner Polemik gegen jede Form von Gesetzmäßigkeit kämpft Schestow dabei stets gleichzeitig an mehreren Fronten: Seine Kritik richtet sich gleichermaßen gegen Metaphysik und Positivismus, gegen Logik und Psychologie, gegen Wissenschaft und Moral. Als Zielscheiben seiner Verbalattacken firmieren Philosophen wie Platon, Descartes, Kant oder Hegel. Sokrates wird wegen seiner vielbewunderten Reden vor seinem Tod, wie sie in Platons Phaidon dargestellt sind, von Schestow als ‚Labertasche‘ abgeurteilt, die der durch den Tod eröffneten Möglichkeit existenzieller Verzweiflung mit bloßem Gerede ausweicht. Dagegen beruft Schestow sich positiv vor allem auf zwei Vorbilder: Nietzsche und Dostojewski. Bei manch einem seiner Sätze fällt es nicht schwer, seinen Ursprung bei Nietzsche zu ermitteln. (Etwa: „Moralische Menschen sind besonders rachsüchtig, und sie verwenden ihren Moralismus als die beste und subtilste Rachewaffe.“) Von Dostojewskis Anti-Helden hat es Schestow dagegen vor allem der Verfasser der Aufzeichnungen aus dem Kellerloch angetan.

Philosophisches Zeitdokument

Mit den beiden von Schestow bewunderten Autoren ist aber auch das Problem benannt, das einem heutigen Leser bei der Lektüre der Apotheose der Grundlosigkeit begegnen kann: Ein Kenner von Nietzsche und Dostojewski wird vielleicht auf zu viel Bekanntes stoßen, um Schestows Originalität vollauf würdigen zu können. Dass manches auffällig Zeittypische seinen Texten anhaftet, lässt sich ohnehin nicht leugnen: Die Sprachskepsis etwa, also der Zweifel daran, ob das Wesentliche sich überhaupt mittels der Sprache ausdrücken lässt, verbindet ihn mit Zeitgenossen wie Hofmannsthal oder Wittgenstein. Darum machen Schestows Texte uns insgesamt weniger mit einer gänzlich neuen Art des Philosophierens bekannt, als dass sie uns Einblick in ein Leben und Denken – denn diese beiden gehören für ihn zusammen – gewähren, deren Einfluss auf nachfolgende Philosophengenerationen nicht unterschätzt werden darf. Schließlich verkehrte Schestow, nachdem er aus dem postrevolutionären Russland geflohen war und sich in Paris niedergelassen hatte, in den Pariser Intellektuellenzirkeln, zu denen auch Georges Bataille, Jean Wahl, Gabriel Marcel und viele andere gehörten und über die er persönlich mit Husserl und Heidegger Bekanntschaft machte.

Kein Nunc dimittis

Vielleicht gehören diejenigen Textpassagen Schestows zu den faszinierendsten, in denen der Einfall des Lebens in die Theorie nicht nur erörtert wird, sondern auch in den persönlichen Zügen der Aufzeichnungen hervortritt. Das ist am deutlichsten der Fall im Gedankentagebuch, das seine Aufzeichnungen auf der Flucht aus Russland nach der Oktoberrevolution versammelt. Dort heißt es z. B.: „Eingetrudelt. Hatte mir gedacht, dass wenn ich’s bis Genf schaffe, werde ich sagen können: nun hast du deinen Knecht freigegeben. Dem ist nicht so. Erneut all die kleinen Sorgen, Tausende von kleinen Sorgen und keinerlei Möglichkeit, über etwas nachzudenken.“ Hier leistet das Leben den synthetisierenden Bemühungen des Denkens nicht nur durch seine Heterogenität und Widersprüchlichkeit Widerstand, sondern auch indem es gar nicht erst Zeit zum Nachdenken und Schreiben aufkommen lässt, und damit wird spürbar, wie Schestow sich die Niederschrift seiner Gedanken gegen seine Umwelt abringen musste. Seine Texte aus ihrer Zeit heraus zu verstehen wird dem Leser erleichtert durch eine dem Band beigefügte Chronologie, die zahlreichen Anmerkungen zum Text und das ausführliche Nachwort des bekannten Schweizer Schriftstellers und Slawisten Felix Philipp Ingold, der auch die Auswahl und Übersetzung der Texte besorgt hat. Neben der Apotheose der Grundlosigkeit macht der Verlag Matthes & Seitz sich mit drei weiteren Büchern um Lew Schestow verdient: Siege und Niederlagen (2013, Auswahl und Übersetzung ebenfalls von Felix Philipp Ingold) enthält Aufsätze Schestows zur Literatur, in älteren Übersetzungen liegen außerdem die Bände Athen und Jerusalem (1994) und Tolstoi und Nietzsche (1994) vor. Gerade die Apotheose der Grundlosigkeit dürfte sich aber wegen ihres aphoristischen Charakters am besten zur Einführung in das bewegliche Denken Schestows eignen.

Lew Schestow: Apotheose der Grundlosigkeit und andere Texte
Matthes & Seitz Verlag, 359 Seiten
Preis: 39,90 Euro
ISBN: 978-3-88221-391-1

 

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