Leise Töne – Große Wirkung

COVER_Jess Jochimsen_Abschlussball_dtvJess Jochimsen kreiert in Abschlussball die kleine, abgeschottete Welt eines zerbrochenen Mannes im großen München. Die Flucht des Beerdigungstrompeters in die Musik zeichnet der Autor mit melancholisch matten Akkorden und schafft dadurch eine passende, traurige Grundharmonie. Die einfachen, leisen Töne, die im Alltag häufig ungehört bleiben, finden in diesem Roman ihren Platz.

von ALINA WOLSKI

Marten war schon immer anders. In der Schule hält er sich sehr zurück und vermeidet so gut es geht den Kontakt zu seinen Klassenkameraden. Zu dem Gefühl, ein alter Mann zu sein, gesellt sich nach dem Tod seines Großvaters die Angewohnheit, dessen alte Anzüge zu tragen. So wird aus dem innerlich viel zu schnell alternden Jungen auch äußerlich eine seltsame Gestalt. Da er an Asthma leidet, soll Marten ein Blasinstrument erlernen und so der Erkrankung entgegenwirken. Die Wahl seiner Mutter stellvertretend für ihren Sohn fällt auf die Trompete. Doch Marten ist viel mehr an der Pflege des Instruments als am Musizieren interessiert. So verbringt der Schüler die Musikstunden damit, die Trompete zu polieren und der Lebensgeschichte seines Lehrers zu lauschen. Irgendwann verspürt er jedoch das Bedürfnis, selbst zu spielen. Auf diesem Weg entwickelt er sich über einige Jahre hinweg zu einem ausgezeichneten Trompeter. Familiäre Schicksalsschläge, angefangen bei dem Tod des Bruders sowie der Mutter und den Depressionen seines Vaters, lassen ihn hingegen immer mehr vereinsamen und in die Welt der Musik entfliehen. Nach der Schule beginnt Marten eine Ausbildung zum Bibliotheksassistenten in der Bayerischen Staatsbibliothek, wo er sich zwischen den vielen Büchern wohlfühlt, ohne sie jemals aufzuschlagen. Seine Liebe für die Literatur soll erst später entfachen. Als ihm schließlich gekündigt wird, wechselt Marten den Beruf und wird Beerdigungstrompeter. Auf ihn aufmerksam geworden war der Bestatter Berger bereits vor vielen Jahren, als er spontan auf der Beerdigung seiner eigenen Mutter Trompete gespielt hatte, da die dafür eingeplanten Musiker nicht erschienen waren. Durch den neuen Beruf dreht sich ein Großteil von Martens Leben um den Friedhof. Gemeinsam mit den anderen Beerdigungsmusikern versucht er, in seinen Improvisationen am Grab den Tod so gut wie möglich zu beschreiben und die Trauergäste musikalisch an den Abgrund zu führen. Je mehr Tränen desto besser.

Melancholische Musik

Zwischen seiner verdrängten Vergangenheit und der ungewissen Zukunft beginnt sich ein kleines Abenteuer zu entspinnen, welches Abschlussball streckenweise beinahe einen Kriminalcharakter verleiht. Dann wiederum mutet das Werk an, ein alternativer Liebesroman zu sein; später wirkt er wie eine Familientragödie oder ein Ratgeber zur Selbstfindung. Doch was sich wie ein roter Faden durch das Werk zieht, ist die Musik.
Jochimsen gelingt es, die Musik so zu beschreiben, dass der Leser sie, wenn auch nicht hören, so doch fühlen kann. Töne werden mit Farben, Ereignissen und der Anstrengung, sie in die Welt zu setzen, in Verbindung gebracht. Immer wieder taucht die Musik in Martens sich weiter und weiter beschleunigendem Leben auf. Ebenfalls durch die Musik macht Marten neue Bekanntschaften und erlebt persönliche Abenteuer sowie besondere Momente. Mit der Zeit gewinnt er sogar Freude und Gefallen an ihnen, obwohl er zuvor nie der Mensch für Abweichungen von der Norm gewesen war. Über den Umweg der Musik kommt Marten auch zur Literatur. Beim Lesen „liebte er, ohne zu lieben und fieberte mit, ohne selbst Fieber zu haben.“ So entwickelt er sich stückchenweise zu einem anderen Menschen.

Musikalische Sprache, sprachliche Fesseln

Doch diese Entwicklung des Protagonisten wirkt typisch und gestelzt. Der introvertierte Held wird offener und findet am Ende sich selbst. Diesen üblichen vorhersehbaren Handlungsverlauf hätte Abschlussball nicht nötig gehabt. Erneut schildert der Autor auf liebevolle Weise explizit, dass es in Ordnung ist, wenn alles so bleibt, wie es ist. Wenn man nicht der Norm entspricht. Wenn die Geschichte nicht endet. Wenn Geheimnisse geheim bleiben. Und wenn der Leser eines Krimis nie erfährt, wer der Täter ist. Hätte Jochimsen alle diese von ihm selbst aufgestellten Grundsätze eingehalten, wäre ihm eine inhaltliche Meisterkomposition gelungen. Doch der Autor lässt seine Figur einen Wandel durchmachen, seine Geschichte behutsam mit einem Blick in die Zukunft enden; er löst das einzig verbleibende Geheimnis und liefert neben dem „Täter“ auch noch ein „Bekennerschreiben“. Gerade Abschlussball hätte das Potential gehabt, sich von den Fesseln eines stereotypen Handlungsaufbaus zu lösen.
Doch auch so stellt Jochimsen das Unangepasste und Ruhige in den Mittelpunkt seines Romans. Sind es in anderen Büchern häufig die extrovertierten, karriereorientierten Figuren, die die Geschichten beleben, so sind es in Abschlussball die Zurückhaltenden und Nachdenklichen. Diese Perspektive tut nicht nur deshalb gut, weil sie in zeitgenössischen Romanen viel zu selten betrachtet wird, sondern auch aufgrund der Art, wie der Autor den Charakteren das Leben einhaucht. Marten bemerkt jede Kleinigkeit. Das Gewicht eines Steinchens in seiner Hand beschreibt Jochimsen so eindringlich, dass eine umfassende Handlung nicht nötig ist. Die stille, nachdenkliche Friedhofsatmosphäre stellt einen Kontrast zur hektischen Alltagswelt dar. Auch wenn der Handlungsverlauf gegen Ende des Romans stereotyp verläuft, ist Abschlussball gerade aufgrund der angeschlagenen leisen Töne eine angenehme Lektüre. „Alles tönte und alles wurde Klang, alles fügte sich und alles wurde eins. Musik. Die einfachste Sprache der Welt. Der großartige Menschenvereiner.“

Jess Jochimsen: Abschlussball
dtv Literatur, 312 Seiten
Preis: 20 Euro
ISBN: 9783423281164
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