Zwischen Spaß, Tragik und Trivialität

"Unendlicher Spaß" bei den Ruhrfestspielen 2018 Foto: David Baltzer / Agentur Zenit

„Unendlicher Spaß“ bei den Ruhrfestspielen 2018 Foto: David Baltzer / Agentur Zenit

Mit Unendlicher Spaß erschuf David Foster Wallace 1996 wohl den Roman der Postmoderne: ein geniales Konglomerat aus wahnwitziger Zukunftsvision, einem gigantischen Netz aus nach Sinn- und Wahrhaftigkeit suchenden Figuren, ganz vielen Abhängigkeiten und noch viel mehr Fußnoten. Doch kann man das alles angemessen auf die Bühne bringen? Thorsten Lensings Inszenierung beantwortet diese Frage mit einem klaren Jein und präsentierte die Romanadaption mit tollem Starensemble bei den Ruhrfestspielen.

von ANNIKA MEYER

Im Kleinen Theater des Recklinghäuser Festspielhauses wird versucht, die 1079 Seiten (in der deutschen Übersetzung durch Ulrich Blumenbach sind es gar über 1500 Seiten) des Romans in weniger als vier Stunden Spielzeit zu quetschen. Die ersten Szenen scheinen sich dabei noch – bis auf einige Kürzungen – an den ersten Kapiteln des Romans zu orientieren. Das Publikum lernt Hal Incandenza kennen, der als begabter Tennisspieler und noch begabteres Genie die Enfield Tennis Academy besucht, u. a. das Oxford English Dictionary zitieren kann und seine Schuldgefühle bezüglich des Selbstmords seines Vaters durch häufiges Kiffen unterdrückt. Hals Brüder Orin und Mario haben ebenfalls ihr Päckchen zu tragen: Orin hat sich schon vor Jahren von allen Familienmitgliedern außer Hal entfremdet und kompensiert die fehlende Auseinandersetzung damit sowie das Scheitern der Beziehung zu seiner großen Liebe Joelle durch ein intensives Sexleben mit „Subjekten“, wie er die Frauen nennt, mit denen er schläft. Mario scheint als einziger mit sich selbst im Reinen zu sein und über seine Gefühle und Gedanken sprechen zu können. Er ist jedoch stark entstellt, sehr langsam und mit kindlicher Naivität gesegnet.

Neben dem Erzählstrang um die drei Incandenza-Brüder gibt es noch Szenen aus dem Ennet House, in dem Drogen-, Alkohol- und Medikamentenabhängige ihre Sucht durch regelmäßige Gesprächsrunden und Meetings bekämpfen. Hier wird vor allem Don Gately, ein demerolsüchtiger Hüne, der sich sehr intensiv mit seinem Entzug und seinen Emotionen, aber auch seiner Umwelt beschäftigt, präsentiert. Zudem bewohnen u. a. auch Randy Lenz, ein neurotischer Heroinjunkie mit der Tendenz, Tiere zu töten, und Orins Exfreundin Joelle, auch bekannt als Radiomoderatorin Madame Psychosis, das Ennet House. Der dritte Hauptstrang, den Foster Wallace in seinem Roman aufbaut, wird fast gänzlich ignoriert. Es wird zwar u. a. die „Konkavität“ als mysteriöses Grenzgebiet mehrmals genannt, aber es wird nicht erläutert, dass bzw. inwiefern Foster Wallace eine komplett alternative Zukunft – die inzwischen unsere jüngste Vergangenheit wäre – erschaffen hat.

Tiere statt Menschen

So finden sich auf der Besetzungsliste Rollenangaben wie „Katze“ oder „Vogel“ wieder, jedoch z. B. keine Mitglieder der A.F.R. – eine Terrorgruppe in Rollstühlen, die für die Unabhängigkeit Kanadas kämpft – oder Agenten, die nach dem geheimnisvollen Video Unendlicher Spaß suchen, das beim Schauen sofort süchtig und damit lebensunfähig macht und somit als perfekte politische Waffe genutzt werden soll. Dass viele Figuren des Ennet Houses und der Enfield Tennis Academy gestrichen wurden – u. a. Avril Incandenza, die Mutter der drei Brüder –, ist verständlicherweise der drastischen Kürzung geschuldet. Die dritte Haupthandlung jedoch fast gänzlich zu ignorieren und nur wenige Fetzen in Nebensätze einzubauen, ist schade. KennerInnen des Romans wird die Bearbeitung im Gegensatz zu Foster Wallaces Meisterwerk trotz vorhandener Tiefe zu trivial vorkommen, während Unwissende die Erwähnung der Konkavität oder des Videos in einer der letzten Szenen entweder ratlos hinnehmen oder gar nicht für wichtig erachten. Besonders das Video, das im Roman letztlich alle Handlungsstränge vereint und schließlich auch titelgebend für das Buch und das Theaterstück ist, hätte eine größere bzw. überhaupt eine Rolle spielen dürfen. Auch viele Aussagen der Figuren werden durch die Kürzungen drastisch umgedeutet, wenn zum Beispiel Mario, der im Buch ganz nach seinem Vater James kommt und das Filmen als seine Berufung sieht, auf der Bühne plötzlich unerwartet forsch und plump daherkommt, als er den nun überraschenden Wunsch äußert, einen Film über ein Mädchen zu drehen, das er gerade erst kennengelernt hat. Und auch Foster Wallaces Spiel mit Ungereimtheiten und eventuell Übernatürlichem verkommt hier zu simplen Marotten der Figuren: Ist Joelle wirklich entstellt oder (zu) schön? Und können Gegenstände wirklich schweben?

"Unendlicher Spaß" bei den Ruhrfestspielen 2018 Foto: David Baltzer / Agentur Zenit

„Unendlicher Spaß“ bei den Ruhrfestspielen 2018 Foto: David Baltzer / Agentur Zenit

Es gibt nichts, was sie nicht können

Gespielt wird dafür ganz wunderbar. Lensing hat ein hochkarätiges Ensemble mit sehr viel Spiellaune zusammengetrommelt, das in vielen Doppelrollen und sowohl in hochkomisch-absurden als auch in tieftraurigen Situationen durchweg überzeugt. Ursina Lardi sticht vor allem als Hal hervor, dem sie mit weißen Plateauschuhen und Tenniskleidung (Kostüme: Anette Guther) sowie mit jugendlicher Coolness, ungewöhnlicher Abgeklärtheit und gleichzeitiger Verletzlichkeit Leben einhaucht. David Striesow mimt sowohl Randy Lenz als auch Orin herrlich zappelnd und brabbelnd, ohne die Darstellung der jeweils anderen Rolle zu wiederholen, und amüsiert auch als naive U.S.S. Millicent Kent, die mit Piepsstimme, unsicherem Rumgetänzel und alberner Schleife im kaum vorhandenen Haar Mario bezirzt. André Jungs Mario, oft mit Kissen an die karge Mauer gelehnt, die das Bühnenbild ausmacht (Bühne: Gordian Blumenthal und Ramun Capaul), ist zauberhaft unschuldig und quengelig, sanftmütig und offenherzig. Heiko Pinkowski ist der einzige Schauspieler ohne Mehrfachrolle, kann in der komplexen Figur des Don Gately aber eine ebenso große Bandbreite wie seine KollegInnen demonstrieren. Mal frustriert wütend, dann philosophisch grübelnd oder zart mit Joelle anbandelnd, nimmt man Pinkowski jede Nuance Gatelys ab. Als Joelle bzw. als Madame Psychosis bleibt Jasna Fritzi Bauer recht blass und wird der literarischen Vorlage nicht gerecht, was aber eher an der Textfassung (Thorsten Lensing, Mitarbeit durch Thierry Mousset und Dirk Pilz) zu liegen scheint. Sie besticht dafür umso mehr als Cracksüchtige, die in der Selbsthilfegruppe erschreckend gefasst und schmerzvoll ehrlich von ihrer Totgeburt und dem ungesunden Umgang mit dem gesichts- und organlosen Wesen erzählt. Die größten Lacher hat wohl Sebastian Blomberg auf seiner Seite, der als Koversationalist im Gespräch mit Hal eine genauso gute Figur macht wie als genervter Ex-Junkie Roy Tony oder als Vogel, dessen Tollpatschigkeit ihm zum tödlichen Verhängnis wird. Blombergs körperlicher und stimmlicher Facettenreichtum ist eines von vielen darstellerischen Highlights des Abends.

Mehr Katharsis, bitte!

Durch die Kürzungen und die dramaturgischen Einschnitte (Dramaturgie: Thierry Mousset) wird das Publikum zwar gut an die Hand genommen und bleibt nicht so ratlos wie nach der Lektüre, dafür fehlen jedoch die entscheidenden Eindrücke, die man durch den Roman gewinnen konnte. Ja, man muss auch als LeserIn lachen und schmunzeln, man fiebert mit und hat Mitleid mit all den tragischen Figuren, die sich trotzdem nie unterkriegen lassen. Doch man ist vor allem eins: überfordert. Endlose Bandwurmsätze, seitenlange Fußnoten und Ausführungen über den Aufbau chemischer Substanzen, Spielanleitungen zum von Foster Wallace erfundenen Spiel Eschaton und eine ausführliche Filmografie James Incandenzas überwältigen genauso wie die unklaren zeitlichen Einordnungen vieler Szenen, ständig wechselnde Erzählperspektiven und Fachvokabular aus verschiedensten Bereichen. Aber gerade das macht den Roman und das Leseereignis aus – man muss sich durchkämpfen und übersteht die Lektüre bereichert und erschöpft zugleich. Diese geradezu kathartische Wirkung hat Lensings Inszenierung leider nicht. Es wird zwar vor allem in der ersten Hälfte versucht, etwas von Foster Wallaces Sprachgewalt zu übernehmen, vieles verkommt jedoch zu beschmunzelten Klugscheißereien Hals und seiner Gesprächspartner. Man wird durch das Ensemble und gut geschriebene Mono- und Dialoge emotional gefordert, intellektuell überfordert ist man hingegen nie. Ohne großes Hintergrundwissen erlebt man sicherlich einen unterhaltsamen Abend – um dem Roman und David Foster Wallace per se gerecht zu werden, wären aber deutlich mehr Mut zur gezielten Publikumsüberforderung und drei bis vier weitere Spielstunden wünschenswert gewesen.

 

Informationen zur Veranstaltung

 

Nächste Aufführungen:
8. und 9. Juni 2018 (HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste in Dresden)
15., 16. und 17. November 2018 (Les Théâtres de la Ville de Luxembourg)
11., 12. und 13. Januar 2019 (Schauspielhaus Zürich / Box)
7., 8. und 9. März 2019 (Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main)

 

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