Barocker Brudermord

Alto-Theater Essen

Dietrich W. Hilsdorf, in NRW und vor allem in Essen längst eine Opernregielegende, kehrt mit einem Barockwerk ans Aalto-Theater zurück: Il primo omicidio Der erste Mord von Alessandro Scarlatti. Für diesen Abend rund um Kain und Abel hat sich das Warten allemal gelohnt: Hilsdorfs farbenreiche Bühnenästhetik passt zum Stoff, während die Essener Philharmoniker, obgleich sie nicht auf historischen Instrumenten spielen, die sinnliche, gleichermaßen lyrische und schroffe Musik unter der Leitung von Rubén Dubrovsky zum Leuchten bringen.

 

von HELGE KREISKÖTHER

Alessandro Scarlatti (1660-1725) war nicht nur der Vater des wahrscheinlich berühmteren Domenico Scarlatti, mit dessen über 550 Sonaten sich Cembalisten und Pianisten bis heute leidenschaftlich auseinandersetzen, sondern auch selbst ein fleißiger Komponist der sogenannten Neapolitanischen Schule. Er hinterließ der Nachwelt neben Instrumentalmusik vor allem eine Menge Opern – nach jüngeren Schätzungen etwa 115. Im Falle von Cain overo Il primo omicidio (Kain oder Der erste Mord) handelt es sich jedoch streng genommen um ein Oratorium, also um ein nicht-szenisches, geistliches Vokalwerk, das sich aufgrund seiner Dramatik aber dennoch für eine Inszenierung anbietet (ähnlich wie Händels Messiah oder Haydns Schöpfung).

 

Die auf Januar 1707 datierte barocke Partitur stammt aus einer Zeit, in der Scarlatti sein Kapellmeisteramt in Neapel bereits niedergelegt hatte, um sich in Rom vertraglich zu verpflichten. Dort waren Oratorien, von denen er immerhin drei Dutzend komponierte, eine willkommene Gelegenheit, um trotz des jahrelangen päpstlichen Opernverbots musikalische Geschichten auf die Bühne zu bringen. Da Scarlatti es mit Verträgen allerdings nicht so genau nahm, entstand Il primo omicidio dann gar nicht in Rom, sondern auf selbstverordneter „Dienstreise“ in einer anderen aufstrebenden Opernhochburg: Venedig. Wie chaotisch die Entstehungsumstände auch immer gewesen sein mögen: Dieses zweiteilige Oratorium für sechs Solostimmen – Cain, Abel, Eva, Adamo, Dio (die Stimme Gottes) und Lucifero (die Stimme des Teufels) – ragt aufgrund seiner musikalischen Qualität aus den unzähligen italienischen Stücken dieser Epoche heraus. Den ersten Mord der Menschheit nachzeichnend, übertrifft der Stimmenmeister Scarlatti sich hier selbst mit einem Expressionismus avant la lettre.

 

Die Schönheit des Verfalls

Die Essener Version von Kain und Abel wirkt wie ein Gemälde zeitloser Schönheit. Mithilfe von Bühnen- und Kostümbild (Dieter Richter und Nicola Reichert) schafft Hilsdorf auf der Bühne des Aalto-Theaters ästhetischen Rahmen, der rokokohafte Sinnlichkeit mit dekadentem Ruinenambiente verbindet. So tragen die Figuren – mit Ausnahme von Gott, der wie Luzifer nicht nur hör-, sondern auch sichtbar gemacht wird – Perücken und Gewänder des 18. Jahrhunderts, sind aber von Nebelschwaden und bröckelnden tapezierten Wänden umgeben, an denen offensichtlich schon der Zahn der Zeit genagt hat. Schauplatz ist demnach den ganzen Abend über ein großes Schloss- oder Palastzimmer mit einer Tafel in der Mitte und einem ovalen Seitenfenster, das aber trotz Leiter keinen Kontakt zur Außenwelt gestattet. Hierher passt das Werk mit seinem reflexiv-verdichteten Text wunderbar; Kulissenwechsel wären fehl am Platz.

 

Dabei sind alle Protagonisten auch farblich sinnreich gekennzeichnet: Kain trägt Rot, Abel Beige, das Elternpaar Lila (hinterher dunkelgraue Trauer), Gott kommt in Gold und Luzifer in weißgrauer Travestie, wie eine selbstgewisse Madame Pompadour daher. Die Essener Philharmoniker, durch einen Steg in Haupt- und Continuogruppe aufgeteilt, spielen in einem erhöhten Orchestergraben und werden somit beinah zu wortwörtlichen Mitspielern auf der Bühne. Durch lebhafte, an keiner Stelle alberne Bewegungen der Sänger, die den Affektreichtum der Arien unterstreichen, und bewusste Überschreitungen des Bühnenraums – der reumütige Abel spaziert etwa mit einem Fake-Adler erhaben das Parkett hinauf – gelingt es Hilsdorf außerdem, die Distanz zu diesem 300 Jahre (im Grunde ja tausende Jahre) alten Stoff aufzubrechen. Auf Stevie Wonders The first Garden (nomen est omen) ganz zu Beginn hätte man wiederum verzichten können – mehr als einen kurzen überraschenden Kontrast zu Scarlattis introduzione bewirkt dieser Einfall nicht.

 

Il primo omicidio – Alto-Theater

Musikalisches Wagnis – geglückt

Rubén Dubrovsky, Gründer des seit 1999 bestehenden Bach Consort Wien, scheint die richtige Wahl für die musikalische Leitung dieses Barockprojekts gewesen zu sein. Zwar wählt er mitunter etwas zurückhaltende Tempi, seine Erfahrung in puncto historischer Aufführungspraxis zahlt sich jedoch aus: Wie transparent und stilsicher die Essener Philharmoniker klingen, ist beglückend. Die zwei Sängerinnen und vier Sängern – Kain wird von der Altistin Bettina Ranch, Abel vom Countertenor Philipp Mathmann gesungen – präsentieren sich allesamt souverän. Bezüglich Timbre, barocker Artikulation und virtuoser Treffsicherheit lassen sich feine qualitative Unterschiede indessen nicht verleugnen: Mathmann, der wahrscheinlich noch eine große Karriere vor sich hat, erreicht etwa beeindruckende engelsgleiche Höhen, klingt aber streckenweise zu angestrengt und „gepresst“; Ranch sticht dagegen weniger hevor, fügt sich besser in den Scarlatti-Sound ein. Tamara Banješević (Eva) und Dmitry Ivanchey (Adam) lassen erahnen, dass sie eher im Mozart- und Verdi-Repertoire zuhause sind, doch gestalten sie ihre Partien, gerade zum Ende hin, mit glaubwürdiger Emotionalität.

Unerreicht bleiben die stilsicheren Stimmen von Baurzhan Anderzhanov (Luzifer) und Xavier Sabata (Gott): Der unwiderstehlich anschmiegsame, Händel-erprobte Countertenor des letzteren lohnt bereits den Besuch einer Vorstellung.

Im November 2019 war das bis dato eher selten aufgeführte Werk Scarlattis schon bei den „Berliner Barocktagen“ in der Staatsoper unter den Linden in einer atmosphärischen Inszenierung von Romeo Castellucci (Dirigent: René Jacobs) zu erleben. Hilsdorfs Zugriff ist weniger cineastisch, aber genauso eindrücklich. Dezente Bühnengesten und -aktionen, kunsthistorische und religiöse Verweise sowie eine Fokussierung auf die facettenreiche Musik machen Il primo omicidio bzw. Kain und Abel zu einer herausragenden Musiktheaterproduktion. Und der Premierenapplaus lässt erneut die Frage aufblitzen: Warum tun sich manche Häuser immer noch so schwer mit barocken Bühnenwerken?

 

Informationen zur Inszenierung https://www.theater-essen.de/spielplan/a-z/kain-und-abel/


Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, der 30. Januar
Donnerstag, der 20. Februar
Samstag, der 29. Februar

 

 

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