Stoner und das Stück vom Glück

John Williams: Stoner; Cover: dtv

Missouri, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts: Ein junger Farmer verliebt sich in die englische Literatur. Anstatt in der Landwirtschaft sieht William Stoner sein Leben an der Universität. John Williams erzählt in seinem Roman Stoner – erstmals 1965 erschienen – über eine Suche nach Glück, den Sinn des Lebens und die Frage, was man aus dem erschafft, was das Leben einem zuteilt.

Von VIKTORIA GORETZKI

William Stoner wird 1891 auf einer Farm in der Nähe von Boonville, Missouri geboren, einer Stadt, in der sich eigentlich nichts verändert. „[D]och wirkte die Stadt noch ebenso trostlos und baufällig wie zuvor, fast, als wäre sie etwas Provisorisches, das jeden Moment auch wieder aufgegeben werden könnte.“ Stoner wächst bei seinen Eltern und in der Landwirtschaft auf, soll die Farm irgendwann übernehmen. Ein anderes Leben kennt er nicht – bis er von seinem Vater 1910 nach Columbia an die Universität geschickt wird, um Landwirtschaft zu studieren. Also geht Stoner und studiert. Er ist nicht glücklich darüber, aber unzufrieden ist er auch nicht. In seinem zweiten Studienjahr muss er einen Einführungskurs in englischer Literatur besuchen, einen Kurs, in dem er nicht gut zurechtkommt. Aber etwas hat die englische Literatur an sich, etwas, das Stoner fasziniert. Und er beschließt, entgegen der Erwartungen und Pläne seiner Eltern Literatur zu studieren.

Die Ehe – Stunden der Stille

Zur englischen Literatur entwickelt Stoner eine Leidenschaft, die er für keinen anderen Bereich seines Lebens empfindet. Er arbeitet hart dafür, an der Universität bleiben zu können. Um ein guter Lehrer zu werden, widmet er sich mit Eifer seinen Studien und liebt das, was er tut. Wenn er studiert, ist er von einem Glück erfüllt, das er nirgendwo anders findet. Auf einer Feier der Universität lernt er eine junge Frau kennen – die anstrengende Edith Bostwick. „Kaum war es vorbei, spürte er, dass sie einander auf eine Weise fremd waren, die er nicht erwartet hätte; und er wusste, er hatte sich verliebt.“ Stoner und Edith heiraten 1919 und gehen eine sehr fragwürdige Beziehung ein, über die sich nur den Kopf schütteln lässt. „Nach einem Monat wusste er, dass seine Ehe scheitern würde, nach einem Jahr hoffte er nicht mehr darauf, dass es je besser werden würde. Er lernte, mit der Stille zu leben und nicht auf seiner Liebe zu beharren.“ Edith ist unzufrieden mit dem Leben, das Stoner ihr bietet, und sie beginnt einen Kampf gegen ihren Mann. Sie zieht sich zurück, fühlt sich nicht wohl und gibt Stoner das Gefühl, Glück nicht verdient zu haben. Auch die gemeinsame Tochter Grace kann die Beziehung der beiden nicht retten. Während Edith in einem langanhaltenden, depressiven Zustand versinkt, kümmert Stoner sich allein um das Kind. Die Stunden mit ihr im Arbeitszimmer, die Stoner und Grace stillschweigend lesend verbringen, sind die glücklichsten, die er neben seiner Arbeit an der Universität hat. Aber das Glück ist nicht von Dauer und Stoner zieht sich in seine Studien zurück.

Erzählen, ohne viel zu erzählen

Stoners Geschichte spielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich an der Universität von Missouri. Während sein Leben beschrieben wird, fließen immer wieder Bezüge zu damaligen Ereignissen ein, beispielsweise der Erste Weltkrieg, für den sich Stoner nur mäßig interessiert. Ein ganzes Leben wird erzählt, ohne dass es viel Raum einnimmt. Mal werden Jahre in wenigen Sätzen zusammengefasst, mal wird ein bestimmtes Ereignis, ein bestimmtes Gespräch genauer beleuchtet. Es ist wie ein plätschernder Fluss, der mit seichtem Gemurmel seine Geschichte erzählt – und dem Buch einen gewissen Charme verleiht, der sicher nicht jedem gefällt. Der Fokus liegt oft auf dem Drumherum, leuchtet das Setting und die Nebenfiguren ausführlich aus. Es wird viel erzählt, ohne dass wirklich etwas über Stoner erzählt wird. Alle wichtigen Informationen über ihn sind da, aber manchmal sind es nur trockene Fakten, ohne diese durch viel Glanz aufzupolieren. Ereignisse werden schonungslos ehrlich und knapp präsentiert, während Hintergrundinformationen, Personenbeschreibungen oder historische Ereignisse ausschweifend erzählt werden. Und doch: der Stil der Übersetzung ist angenehm und dieser Sog, den ein gutes Buch einfach mit sich bringt, ist da und hält einen fest.

Stoner – der Schmied seines Glücks

William Stoner erblüht in der Literatur und seiner Arbeit an der Universität. Beruflich ist er glücklich – privat jedoch nicht. Ediths anstrengendes Verhalten und die Kälte, mit der er in seiner Ehe ummantelt wird, nimmt er einfach so hin, ohne daran etwas ändern zu wollen. Als er auch beruflich nach einer Auseinandersetzung mit dem Fachbereichsleiter eingeschränkt wird, nimmt er auch dies ohne viel Aufsehens an. Stoner ist ein unbeteiligter Mann, der das Leben einfach so annimmt, wie es kommt. Aber warum? Weil er es nicht anders von seinen Eltern kennt? Weil er nicht selbstbewusst genug ist? Weil er nicht für sich einstehen kann?

Erst durch eine Affäre mit einer jungen Doktorandin, die ebenfalls abrupt von seinem Kollegen durchkreuzt wird, erfährt Stoner zum Beispiel, was Liebe wirklich ist: „In seinem dreiundvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: nämlich, dass jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen.“ Stoner ist ein sehr passiver Charakter, der einfach nicht für sich einsteht. Er möchte nur eins: glücklich sein. Und wann immer ihn eine Welle Glück überkommt, wird ihm dieses von jemand anderem weggenommen und er tut nichts dafür, um es zurückzuerlangen. Lediglich einmal steht er auf und kämpft, um sich von den beruflichen Einschränkungen, die ihm auferlegt wurden, zu befreien. Aber privat? „So fand er es möglich zu leben und auch, glücklich zu sein, jedenfalls dann und wann.“

Das Ende eines Lebens

Stoners Leben zieht an ihm vorbei, die einzige Erfüllung, die ihm bleibt, ist sein Leben an der Universität und seine Liebe zur Literatur. Am Ende, wie auf der ersten Seite bereits gesagt, stirbt Stoner 1956, ohne wirklich komplett glücklich gewesen zu sein und ein erfülltes Leben gehabt zu haben. Er hat das Gefühl, im Leben gescheitert zu sein, aber er war immer er selbst und hat sich nicht verändern lassen und das akzeptiert er – so, wie er vieles in seinem Leben akzeptiert hat.
Stoner stirbt und ihm ist klar, dass nichts von ihm übrigbleibt, an das sich erinnert wird, was erschreckend ist, denn sowohl der Charakter Stoner als auch das Buch, das Stoners Geschichte erzählt und erstmals 1965 veröffentlicht wurde, gerieten lang in Vergessenheit. Erst durch die Neuauflage 2006 von Edwin Frank erlangte Stoner größere Bekanntheit, mittlerweile befindet sich das Buch in der zehnten Auflage.

Obwohl von vornherein klar ist, wie Stoner endet, ist das Buch sehr ergreifend und sein Ende entlässt den Leser mit vielen Fragen über den Sinn des Lebens. Was bleibt von mir? Was liebe ich und kann ich es für den Rest meines Lebens machen? Schaffe ich es, das loszulassen, das mich unglücklich macht? Ein ganzes Leben in einem Buch und doch sind die Seiten nicht genug, um es gänzlich einzufangen. Stoner ist erschreckend ehrlich und trotz seines passiven Charakters, trotz Ediths anstrengenden Verhaltens und trotz der Frage, warum Stoner nicht endlich für sich einsteht, ist Stoner ein lesenswertes Buch über Glück, das man sich selbst erschafft, über Liebe, die man findet und über den tiefen Sinn des eigenen Lebens, den man für sich entdecken kann.

John Williams: Stoner. Übersetzt von Bernhard Robben
dtv, 349 Seiten
Preis: 10,90 Euro
ISBN: 978-3-423-14395-0

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