Kleists schwarz-weiße Welt

Heinrich von Kleist: Die Verlobung in St. Domingo; Cover: epubli

In Die Verlobung in St. Domingo treffen die rassistischen Vorurteile des beginnenden 19. Jahrhunderts auf historische Realitäten. Schwarze Menschen sind per se böse, weiße Menschen sind per se gut – und Hauttönen dazwischen sieht man nicht immer an, auf wessen Seite sie stehen. Wenn Geschichten Geschichte beeinflussen.

von THOMAS STÖCK

Vor kurzem rezensierte ich Sudhir Hazareesinghs Biografie über Toussaint Louverture (Black Spartacus) und war erstaunt über den Unabhängigkeitskampf der Haitianer, der im westlichen kollektiven Gedächtnis nach wie vor kaum verhaftet ist. Vor allen Dingen stellte sich mir die Frage, wie Europäer um 1800 auf die erfolgreichen Kämpfer blickten. Immerhin rangen verschiedene Mächte um die Deutungshoheit des politischen Diskurses, der von einer totalen Befreiung aller Menschen (inklusive Schwarzen, Kreolen und Frauen) bis hin zu diktatorischen Vollmachten für vermeintlich große Führer, Nationalismus und Rassismus reichte. Ein zugegebenermaßen willkürlich gewähltes Beispiel habe ich in Heinrich von Kleists Die Verlobung in St. Domingo angetroffen.

Die Selbstgerechtigkeit der Weißen

Kleist ist uns heute als Verfasser diverser Novellen (Michael Kohlhaas und Die Marquise von O…), Trauer- sowie Lustspielen (Der zerbrochne Krug, Amphitryon und Penthesilea)bekannt, doch auch zu den Geschehnissen in der französischen Kolonie St. Domingue hinterließ der „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit“ 1811 eine Erzählung, die es trotz ihrer Kürze in sich hat. Auf einer ehemaligen Zuckerrohrplantage auf St. Domingo (obwohl im französischen Teil beheimatet, nutzt Kleist den Namen der spanischen Kolonie für die gesamte Insel) hat sich der Schwarze Congo Hoango eingenistet. Der Erzähler erwähnt seine grausamen Taten gegenüber den Weißen. So hat Congo Hoango unter anderem seinen ehemaligen Herrn erschossen – obwohl dieser ihm doch die Freiheit und eine Reihe anderer Wohltaten zukommen ließ. Hierbei handelt es sich um eine weitverbreitete, heute möchte man sagen Verschwörungstheorie, derer sich die weißen Sklavenhalter und -befürworter gern bedienten. „Die meisten Sklaven wurden doch immer gut behandelt.“ Und nun dankten sie den Weißen die angeblich so gute Behandlung nicht nur mit Undank, sondern mit gewaltsamem Aufstand.

Congo Hoango ist das personifizierte Böse, der sich auch noch am Kampf gegen das französische Mutterland als Soldat beteiligt. Kleist erwähnt hierbei nicht den Umstand, dass die Schwarzen nicht nur für den Erhalt der Ordnung auf der Insel kämpfen, sondern auch für den Erhalt ihrer Freiheit. Denn hätte Napoleon die Insel unterworfen, wäre die schwarze Bevölkerung – wie in anderen französischen Kolonien – wieder versklavt worden. Congo Hoango ist deshalb jedoch nicht zu Hause, als ein Weißer an seine Tür klopft und um Unterschlupf bittet. Dieser Weiße entpuppt sich als der Schweizer Gustav von der Ried. Als Schweizer hat Gustav an der Seite der französischen Truppen gekämpft, aber eigentlich will er das nicht. Hintergrund des bewaffneten Konflikts ist nämlich, dass Napoleon die Ordnung der Insel unter Toussaint Louverture und später unter Jean-Jacques Dessalines stürzen will. Gustav wird – ebenfalls durch französische Besatzung – zur Teilnahme an den Kampfhandlungen gezwungen, getötet hat er niemanden. Er wiederum ist also die fleischgewordene Unschuld.

Gesichter in Licht und Schatten

Anders verhält es sich mit den zwei weiteren zentralen Figuren: den beiden Kreolinnen (bzw. in der Geschichte als Mulattinnen bzw. Mestizinnen bezeichneten) Babekan und Toni. Die verschlagene Babekan täuscht dem gutgläubigen Gustav vor, sie würde ihn beschützen. Tatsächlich möchte sie ihn jedoch an ihren schwarzen Herrn Congo Hoango ausliefern, der den Befehl erteilt hat, alle Weißen auf der Stelle zu töten bzw. ihm auszuliefern, damit er diesen grausamen Akt durchführen kann. Toni jedoch, Babekans in Europa geborene Tochter, empfindet die Behandlung unschuldiger Weißer, zu denen sie auch Gustav zählt, als grausam. Toni zählt weitere europäische „unschuldige“ Opfer Congo Hoangos auf. Sie beschließt, sich auf die Seite von Gustav zu schlagen und beginnt dafür ihrerseits mit einem Schauspiel, mit dessen Hilfe sie ihre Mutter täuscht. So gewinnt sie Gustavs Gunst, der sich mit ihr verlobt.

Einen Wendepunkt stellt Congo Hoangos verfrühte Rückkehr dar. Toni gelingt durch eine neuerliche List, alle Anwesenden zu täuschen, indem sie ihren Verlobten Gustav fesselt. Babekan hat ihre Tochter nämlich schon im Verdacht gehabt, dem Weißen heimlich helfen zu wollen. So gelingt es Toni sogar, Gustavs Exekution hinauszuzögern und dessen Gefolge zu Hilfe holen. Es kommt zu einer Schießerei, bei der einige Männer der „Negertrupps“ von Congo Hoango ums Leben kommen, die Weißen aber natürlich allenfalls kleinere Blessuren davontragen.

Eine unglückliche Pointe

Die letzte ironische Wendung in St. Domingo nimmt ihren Lauf, als Gustav Toni wiedererblickt. Da er sie des Verrats schuldig glaubt, richtet er sie kurzerhand hin, ohne sie noch einmal zu Wort kommen zu lassen. Als ihn sein Gefolge über den Irrtum aufklärt, richtet er sich selbst und so sind am Ende alle Beteiligten unglücklich: Congo Hoango, weil er die Weißen ziehen lassen muss, Gustavs Gefolge, weil sie ihren ach so edlen Knaben mit dessen holdem Weib verloren haben. Und die Liebenden, weil sie eben Liebende sind und Liebende in tragischen Erzählungen sterben. Für Kleist ist die Begegnung französischer und haitianischer Kräfte ein Rassenkampf, bei dem die unschuldigen Weißen das Opfer der grausamen Schwarzen wurden, die den ehemaligen Sklavenhaltern deren Wohltaten mit Zeter und Mordio danken. Zum Glück hat unsere heutige Welt mehr Farbenpracht als Kleist schwarz-weißes St. Domingo.

Heinrich von Kleist: Erzählungen. Studienausgabe
Reclam Verlag, 378 Seiten
Preis: 11,00 Euro
ISBN: 978-3-15-019060-9

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