Handzahmes Aktionstheater

"2099" am Schauspiel Dortmund Foto: Nick Jaussi

„2099“ am Schauspiel Dortmund Foto: Nick Jaussi

Selten wurde eine Uraufführung im Vorfeld so hitzig debattiert: Aufruf zum Jaguarbabymord, Nagetierdiebstahl, Distanzierung des Theaters von den Künstlern. Am Samstag feierte das Stück 2099 Premiere, welches aus einer Kooperation des Schauspiels Dortmund mit dem Zentrum für Politische Schönheit entstanden ist. Befürchtete Skandale blieben aus, kluge Fragen wurden gestellt. Inszenatorische Einfälle, Lösungen und Antworten waren hingegen Mangelware.

von ANNIKA MEYER

Eins muss man sowohl dem Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) als auch dem Schauspiel Dortmund lassen: Sie beherrschen das Spiel mit den sozialen Medien. Eine Empörungswelle schwappte durch die überregionalen Medien, als verkündet wurde, dass das Dortmunder Jaguarbaby Raja nach der Uraufführung vor den Augen der Öffentlichkeit erschossen werden sollte – um auf den Massenmord und die Zustände in Syrien aufmerksam zu machen. Auch den tatsächlichen Diebstahl zweier Zwergagutis aus dem Dortmunder Zoo wollte das ZPS sich zuschreiben lassen. Das Theater distanzierte sich von den Aktionen, drohte gar, die Premiere abzubrechen, falls  die Tiere auf der Bühne vorgezeigt werden würden. Klar, das alles war fingiert, sein Ziel erreichte das zynische Spiel dennoch: Uns wird vor Augen geführt, wie sehr sich für ein Zootier eingesetzt wird, während viele resigniert zuschauen, wie Millionen von Menschen um ihr Leben kämpfen und ihre Heimat verlieren. Und so finden sich am Samstag vor dem Theater diverse Medienvertreter und gut gekleidete junge Menschen mit berußtem Gesicht (das Merkmal des ZPS) ein.

Ein Blick aus der Zukunft in die Gegenwart und zurück

Es geht gut los – Ensemblemitglied Uwe Schmieder schmettert vom Theatervordach Brecht durchs Megafon auf uns hinunter, der Text über drohende Kriege segelt in vielfacher Ausführung als Flyer durch die Luft. Eindringlich und unangenehm ist das Ganze – danach: ratlose Stille. Jetzt geht es doch noch in den Theatersaal; brav werden die Plätze gesucht, während auf der noch recht kargen Bühne Videos (Video-Art: Jan Voges) gezeigt werden, in denen u. a. der zu beschämender Berühmtheit gelangte Dortmunder „SS-Siggi“ vom ZPS und den Dortmunder Ensemblemitgliedern gesucht wird. Dazu läuft den gesamten Abend ein Newsticker über die als Leinwand fungierende Sperrholzwand (Bühne und Kostüme: Christoph Ernst): „Günther Jauch tot aufgefunden“ steht da neben Nachrichten über die anstehende WM in Russland und ein Attentat auf die US-Präsidentin Hillary Clinton.

Es sind schon einige Minuten vergangen, bis nach einem geradezu klassisch filmischen Vorspann Grotius (Björn Gabriel) im Look des ZPS die Bühne betritt. Ihm folgen nach und nach seine Mitstreiter aus der Zukunft: Zusammen mit Johann (Uwe Schmieder), Hercules (Sebastian Kuschmann) und Morpheus (Christoph Jöde) ist Grotius ins Jahr 2015 gereist, um die Dortmunder Theatergänger zu warnen, vor dem bis dato blutigsten Jahrhundert, vier weiteren Holocausts und unserer Untätigkeit im bequemen Wohlstandssessel, während die halbe Welt ein Pulverfass ist.

"2099" am Schauspiel Dortmund Foto: Nick Jaussi

„2099“ am Schauspiel Dortmund Foto: Nick Jaussi

Handke trifft auf das ZPS

Science-Fiction-Elemente sucht man bei dieser fiktiven Zeitreise – Gott sei Dank – vergebens, stattdessen wird erstmal viel geredet und philosophiert. Wie hätte man den ersten Holocaust verhindern können? Wie hätten wir den Theaterzuschauer des Jahres 1915 vor den katastrophalen Ereignissen der folgenden Jahrzehnte warnen können? Johann redet sich verzweifelt in Ekstase, die anderen sind da schon abgeklärter hinsichtlich des Publikums, das trotz warnendem Hakenkreuz und Hitlergruß untätig bleibt. Und so wird uns nun wieder und wieder aufgezeigt, was wir alles nicht (mehr) sind: unbequem, revolutionär, aufrührerisch. Wir leben in einem Zeitalter der Ehrvergessenheit, sind zu faul geworden, für die richtige Sache einzustehen, und glauben ohnehin nicht daran, groß etwas an der politischen und humanen Lage der Welt ändern zu können. Viele Vorwürfe treffen ins Schwarze – wer guckt nicht lieber entspannt daheim Serien und nimmt höchstens an einer Online-Petition teil, als sich ehrenamtlich zu betätigen oder ernsthaft politisch aktiv zu werden? Einige Anschuldigungen und Gesten überschreiten ihre Zeigefingermoral jedoch, wenn zum Beispiel Kleidung, angeblich von einer Flüchtlingsspende am Dortmunder Hauptbahnhof, ins Publikum geworfen wird: „Wir brauchen keine Almosen.“ Generell erinnert hier viel an Peter Handkes Publikumsbeschimpfung: Es wird versucht, mit den Zuschauern zu interagieren (einmal klappt es tatsächlich, als eine Dame aus der zweiten Reihe auf die Bühne kommt und feierlich einen Eid auf die Verteidigung des Humanismus schwört), es wird viel gesprochen, kaum gespielt, und der Zuschauer sieht sich in seiner Rolle als zukünftiger Sündenbock gefangen.

Nach knapp einer Stunde dann etwas Neues: Die Bühne dreht sich und offenbart zwei Stockwerke inklusive Treppe und mit Folie verhülltem Wohnraum. Jetzt ist was los, die Zeitreisenden rennen und reden, Videos von Kriegsopfern und verzweifelten Hobby-Reportern untermalen ihre Argumente. Da wird von zukünftigen Massenvernichtungen gesprochen (der fünfte Holocaust durch den Chinesen Hao Kim Helian wird 330 Millionen Tote fordern), von klug erkannten und erschreckenden Parallelen zu kaum erst vergangenen und heutigen Zuständen in Bosnien, Ruanda und Syrien. Von wirklicher Betroffenheit ist leider nichts zu spüren. Zu lang musste man sich die eigenen Verfehlungen vorhalten lassen, als dass jetzt noch ein Ruck durch den Theatersaal gegangen wäre.

Und nun?

Das ist schade – viele Fragen und Aussagen zu unserem gegenwärtigen Leben sind grausam pointiert, trotzdem stumpft man nach fast zweistündiger Beschallung zusehends ab, da hilft es auch nicht, vor unseren Augen eine Fassbombe zu bauen. Das Zentrum für Politische Schönheit, welches sich dem „aggressiven Humanismus“ verschrieben hat und mit kreativen und wirkungsvollen Aktionen wie der Kindertransporthilfe des Bundes (2014)oder Die Toten kommen (2015)verstärkt versucht, die Gesellschaft wachzurütteln, zeigt sich auf der Theaterbühne leider wenig kreativ. Ein gutes Dortmunder Ensemble, das meist intelligent abgewogene Texte vorträgt – gespickt mit einer perfiden Mischung aus Zitaten von u. a. W.H. Auden, Winston Churchill und Albert Speer –, macht leider noch keinen guten (Polit-)Theaterabend. Zu wenig wird der Bühnenraum genutzt, zu sparsam werden wirklich Lösungsansätze präsentiert. Wir erleben eher handzahmes Aktionstheater ohne viel Aktion, dafür mit wichtigen, aber zu häufig mit dem moralischen Zeigefinger präsentierte Worte und Warnungen. Zu guter Letzt wird sich sogar brav, dem theatralen Rahmen, aber auch Peter Handkes Publikumsbeschimpfung angemessen, verbeugt und das Publikum beklatscht und feiert euphorisch sein angeprangertes eigenes Nichtstun. Vom Marsch in den Zoo ist nichts zu sehen, auch die auf der Bühne noch angekündigten Nazis, die uns „aggressive Humanisten“ zum Dialog treffen wollten, sind nicht erschienen. Und so trinkt man zum Abschluss noch einen Weißwein und debattiert über die Zukunft der Menschheit. Vielleicht kann daraus ja doch noch die eine oder andere gute Idee wachsen.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, der 01. Oktober
Sonntag, der 18. Oktober
Sonntag, der 25. Oktober

 

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