Eisenbahnen und Holocaust

Thomas Josef Wehlim: Eisenbahnzüge Quelle: Edition Rugerup

Lars Müller hat ein Haus am Rhein geerbt. Das Haus seines Onkels ist „ziemlich viel wert“, wie sein Freund Steffen, Immobilienmakler von Beruf, sofort feststellt. Doch hinter der Tür erwartet die beiden eine Überraschung: eine Modellbahnanlage, die sich über das ganze Haus erstreckt und zum Leben keinen Platz lässt.

von PETER GOSSENS

Die entscheidende Rolle des Eisenbahntransportwesens für den Fortgang des Zweiten Weltkrieges, besonders aber für die Deportationen der europäischen Juden in die Vernichtungslager, ist schon seit langem bekannt. Nicht zuletzt Claude Lanzmann hat mit seinem Film Shoah eindrücklich auf die Bedeutung eines reibungslosen Schienentransportes für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik hingewiesen. Die Laderampe von Auschwitz wurde täglich von mehreren Zügen angefahren, auf deren Passagiere einzig noch der Tod wartete. Nur durch die Einbindung der Deportationszüge in einen funktionierenden Fahrplan, durch den systematischen Ausbau und Erhalt der technischen Infrastruktur des Eisenbahnnetzes war ein solcher Massenmord am östlichen Rand Europas überhaupt möglich. Die organisatorische wie materielle Kraftanstrengung, mit der die Verantwortlichen des Dritten Reiches ihr Ziel der „Endlösung“ umsetzten, steht besonders in der Endphase des Zweiten Weltkrieges in keinem Verhältnis zu ihrem militärischen Engagement.

Transformationen

Im neuen Roman Eisenbahnzüge von Thomas Josef Wehlim wird nun die Eisenbahn zur zentralen Metapher, um das System des Mordens zu beschreiben. Er verbindet mehrere Erzählperspektiven ausgesprochen kunstvoll miteinander und weist so auf die Komplexität des Zusammenhangs von Tätern und Opfern, aber auch auf die Schwierigkeiten der nachgelagerten Erinnerung in der zweiten und dritten Generation hin. Die drei Kapitel Eisenbahn I-III erzählen historisch zurückgehend zunächst die Geschichte von Lars Müller, der das Haus seines Onkels erbt, das von einer sich über mehrere Etagen erstreckenden Modellbahnanlage ausgefüllt ist. Die Anlage arbeitet selbständig und ist nicht auszuschalten, ein digitales System führt die Züge immer wieder zu einem zentralen Ort in der oberen Etage: Dem Auschwitz-Zimmer, einem detailgetreuen Nachbau des Konzentrationslagers, an dessen Rampe die Fahrt der Züge unweigerlich endete und in den Tod führte. Das Testament, das Lars’ Onkel hinterlassen hat, wiegt schwer, denn es gestattet weder einen Abbau noch ein Ausschalten der Anlage. Zudem überprüft ein „Vollstrecker“ regelmäßig, ob Lars den Auflagen des Testamentes genügt. Lars nimmt das Erbe dennoch an und beginnt, sich intensiv mit den Funktionen des Systems der Modelleisenbahn und damit auch dem System der nationalsozialistischen Judenvernichtung zu beschäftigen. In welcher Weise ist seine Familie, sind seine Vorfahren in diese Verbrechen eingebunden? „War dein Onkel irgendwie Nazi-Opfer oder gar was Schlimmeres?“, fragt sein Freund Steffen schon zu Beginn. Durch die intensive Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften der Vergangenheit transformiert Lars Müller selbst zunehmend in die Rolle eines Opfers: Er will zum Judentum konvertieren, nicht aus religiösen Gründen, sondern vor allem, um zu erfahren, woher Hitler „all seinen Hass nahm […] [seinen] Vernichtungswillen“; er tritt in der Kleidung eines KZ-Häftlings vor Gericht auf, und wird wegen „Verhöhnung der Opfer“ verurteilt, obwohl er meint, dass der auf diese Weise das „Andenken an die Opfer aufrecht“ erhält; und schließlich lebt er in seinem Haus das Leben eines Häftlings, wird, nach seinem physischen Zusammenbruch, halb verhungert in ein Krankenhaus gebracht, in dem er schließlich als die Reinkarnation eines sechsjährigen Mädchens erwacht, das in Auschwitz umgebracht wurde: „Mein Name ist Éva Weissmann. Schreibweise Doppel-S, nicht ß. Ich wurde am 19. November 1937 in Debrecen, Ungarn, geboren und im Alter von sechs Jahren mit meiner Mutter in Auschwitz im Sommer 1944 ermordet. Nun bin ich, im Körper eines Mannes, zurückgekehrt.“

Frontverschiebungen

Das zweite Eisenbahn-Kapitel trägt den Untertitel „Schienenjunge“ und erzählt die Geschichte von Lars’ Großvater Friedrich Monnerjahn, der in einer Eisenbahnbaukompagnie hinter der russischen Front stationiert ist, und für die Instandhaltung der Gleise zu sorgen hat. Die Gewalt und das Grauen des Krieges, seine Liebesbeziehung zum dem jüdischen Jungen Vakho – dem Schienenjungen − stehen im Kontrast zum Leben seiner Familie in der Heimat, der Geburt seines Sohnes Helmut, dem Tod seines Vaters. Die Einsätze der Eisenbahnbaukompagnie, die zunächst sicher hinter der Front arbeitet, werden immer gefährlicher. Die Soldaten geraten unter Beschuss, können sich nur mit Hilfe von faschistischen Freicorps vor den sowjetischen Partisanen schützen. Schließlich bilden sie die Nachhut, nur noch eingesetzt, um die Infrastruktur vor den herankommenden russischen Soldaten zu zerstören. Ein letzter Einsatz bringt Monnerjahn dann in direkten Kontakt zu den Mordfabriken des Lagers Auschwitz.

Die rückwärtige Ansicht des Tores von Auschwitz, das durch die Photographie Stanislav Muchas eine ikonische Berühmtheit bekommen hat, wird hier aus der Vorderperspektive wiedergegeben und macht die Endgültigkeit des Weges und die logistische Organisation des Lagers um so deutlicher: „Es begann zu dämmern. Sie erreichten ein längliches Gebäude mit einem Turmaufsatz in der Mitte. Unter dem Turm führte ein Eisenbahnstrang hindurch. Dort warteten zwei Güterzüge auf dem Gleis. […] ‚Wo ist die defekte Weiche?‘ fragte Friedrich. ‚Das ist doch eingleisig hier.‘ ‚Hinter dem Gebäude ist eine Entladerampe mit Weichen.‘, sagte Brenner. ‚Eine von denen ist defekt.‘ Sie fuhren durch ein Seitentor. Es muss einen Ort geben, an dem das Töten keinen Sinn macht.“

Der dritte Eisenbahn-Teil ist als „Rücklauf“ erzählt, beginnend mit der Tod des „Heizers“, der den leblosen Körper der Éva Weissmann in das Feuer des Krematoriums gab, über Évas Ankunft in Auschwitz, den Umzug ins Ghetto, dem Leben vor dem Krieg, ihrer Geburt bis hin zu ihrer Zeugung. „Ich liebe dich. So ist es gut“ sind die letzten beiden Sätze dieses Kapitels, das in eine Zeit vor der Massenvernichtung zurückführt, eine Zeit, in der nicht Hass und Vernichtungswillen, sondern Liebe und Hoffnung auf die Zukunft das Leben der Menschen bestimmten.

Nebenzüge

Durchbrochen ist die Abfolge der drei Eisenbahnkapitel durch zwei Nebenzüge sowie einen Prolog und einen Epilog, die den nationalsozialistischen Kontext und sein Scheitern zeigen. Der Prolog entwirft einen rhetorisch brillant gestalteten Blick auf Adolf Hitler bei einer frühen Rede: Ausgehend von seinem Pasewalk-Erlebnis tritt hier der Hass des zukünftigen Diktators als Stimme, als Klang auf, der sich in die Herzen der Menschen frisst. Der erste Nebenzug zeigt zunächst den jungen Adolf Hitler 1906 auf der Wanderschaft mit seinem Freund August Kubizek und das Entstehen seines antisemitisch durchsetzten Hasses auf die Kunst der Moderne. Nicht van Gogh, Cézanne und Corinth, sondern Feuerbach, Markart und Menzel sind es, die Hitler als „wahre Kunst“ als Bilderzug „zu den einfachen Leuten“ bringen will. Darauf folgt ein „Geisterzug“, mit dem der deutsche Botschafter Friedrich-Werner von der Schulenburg nach dem Angriff Deutschlands auf Russland zum Austausch an die türkische Grenze gebracht wird. Gewalt wird hier mit Gegengewalt beantwortet, wobei deutlich wird, dass die Erfahrungen des Botschaftspersonals in keiner Weise mit den Verbrechen vergleichbar sind, die die Wehrmacht an der russischen Bevölkerung verübte.

Der zweite Nebenzug zeigt zunächst Hermann Göring in der Badewanne seines privaten Eisenbahnwaggons und die befremdliche Oberflächlichkeit seiner Weltwahrnehmung. Der zweite Teil dieses Nebenzugs schildert die Verlegung einer SS-Division von Frankreich an die russische Front und ihren blutigen Vernichtungszug durch die russische Steppe 1943, „beladen mit dem Hass aller Welt, und niemals dem Russen, dem Juden weichend, jetzt nicht auch nicht in zehntausend Jahren“.

Der Epilog schließlich ist dem letzten Eisenbahn-Kapitel und der rückläufig erzählten Geschichte von Éva Weissmann nachgeschaltet. Er setzt mit dem Freitod von Hitler und Eva Braun im Berliner Führerbunker ein, um dann, in einem letzten Absatz, wieder auf Lars Müller zu treffen, der nach vielen Jahren in das nun fast leer geräumte und zerstörte Haus zurückkehrt. Bis zu diesem Punkt gelingt es Thomas Josef Wehlim überzeugend, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus, das Entstehen der Schuld, die Grundlagen des nationalsozialistischen Hasses und die Geschichte der unschuldigen Opfer in einer ausgesprochen komplex strukturierten, dabei zugleich hervorragenden und fesselnden Weise zu erzählen. Sein parataktischer Stil erinnert dabei an die Versuche des Nouveau roman, durch eine kurze metaphernarme Sprache, Präzision und Objektivität in den Erzählprozess zu bringen, und damit zugleich den Lese- wie den Erzählfluss in Bewegung zu halten. Wie andere Texte der sogenannten Dritten Generation sucht und findet auch Wehlim überzeugend neue Möglichkeiten und Wege, um die Erinnerung an die Schuld der Täter und die Leiden der Opfer darzustellen. Er steht damit in nichts vergleichbaren Texten etwa von Marcel Beyer nach, und er entgeht durch seine reduzierte Sprache wohltuend dem ausufernden Erzählstil z.B. eines Jonathan Littell.

Lediglich das letzte Kapitel, die letzte halbe Seite des Textes, ja der letzte Satz stört das Gesamtgefüge erheblich. Dabei hätte es mehrere überzeugende Stellen für einen Schluss gegeben, der dem Textganzen entsprochen hätte: So ist z.B. mit dem (oben zitierten) letzten Satz des dritten Eisenbahn-Kapitels ein wichtiger Punkt markiert, der im besten Sinne als „widerständig“ zu bezeichnen ist. Auch die Darstellung von Hitlers Tod korrespondiert als Rahmung sicherlich gut mit der Erzählung über seine politischen Anfänge zu Beginn. Doch Wehlim versucht abschließend, die Fäden des Textes zusammenzuführen … und scheitert: Wenn schon, dann wäre hier ein letzter, ausführlicherer Teil sinnvoll gewesen, der den Umgang mit der Schuld in der Nachkriegszeit, den Tod der Mutter, das Entstehen des Eisenbahnprojektes ‒ kurz: die Geschichte des Hauses geschildert hätte. Aber das im letzten Satz aufscheinende Bekenntnis zu obskuren Hitlerbüchern im Stile von François Saintonge oder Timur Vermes hat dieser lesenswerte, wunderbare Text nicht verdient.

Thomas Josef Wehlim: Eisenbahnzüge
Edition Rugerup, 224 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN 978-3-942955-50-8

 

 

 

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Ein Gedanke zu „Eisenbahnen und Holocaust

  1. „in der Verkleinerung erscheint die Totalität des Objektes weniger furchterregend; aufgrund der Tatsache, daß sie quantitativ vermindert ist, erscheint sie uns qualitativ vereinfacht […] diese quantitative Umsetzung steigert und vervielfältigt unsere Macht über das Abbild des Gegenstands; durch das Abbild kann die Sache erfaßt, in der Hand gewogen, mit einem einzigen Blick festgehalten werden“. (Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1973, S. 37)

    „Die üblichen Spielsachen sind im wesentlichen ein Mikrokosmos; es sind sämtlich verkleinerte Reproduktionen von Dingen aus der Erwachsenenwelt. […] Freilich kann das Kind gegenüber diesem Universum originalgetreuer und komplizierter Objekte nur als Eigentümer auftreten; es erfindet die Welt nicht, es benutzt sie; man bereitet es auf Handgriffe vor, mit denen sich keine Abenteuer, kein Staunen, keine Freude verbindet.“ (Roland Barthes: Mythen des Alltags. Vollständige Ausgabe. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Berlin: Suhrkamp 2010, S. 75).

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