Von Junkies, Stalkern und Betrügern

cover_waldis_marktplatz-der-heimlichkeiten_piperMarktplatz der Heimlichkeiten ist weniger ein Roman als eine Sammlung von Porträts, die dem Leser wie bei einem Museumsrundgang begegnen. Die Menschen auf den Gemälden sind sehr verschieden, und doch haben alle zwei Dinge gemeinsam: Sie arbeiten für ein großes schweizerisches Medienunternehmen – und sie hüten ein Geheimnis. Niemand führt das Leben, das er vor Kollegen, Vorgesetzten oder Untergebenen präsentiert. Angelika Waldis zeigt Abgründe hinter mühsam errichteten Fassaden und beschreibt ihre Figuren so virtuos, dass der rote Faden der Handlung zwischen den Seiten verloren zu gehen droht.

von ANNA BREIDENBACH Weiterlesen

Kann man die Zeit umkehren?

Jeanette Winterson_Der weite Raum der Zeit von _KnausUnd falls ja, hieße das nicht, dass es in der vermeintlichen Kontinuität des Zeitverlaufs Brüche geben muss, Lücken, Löcher oder offene Räume? Der weite Raum der Zeit, der neue Roman der vielfach preisgekrönten Schriftstellerin Jeanette Winterson, handelt von einem solchen „Zeitloch“. Nicht weniger als 400 Jahre geht die Autorin zurück in die Vergangenheit, um uns eine erklärte „Cover-Version“ von einem der wundervollsten Shakespeare-Stücke, Das Wintermärchen, zu präsentieren.

von BERNHARD STRICKER Weiterlesen

Eisenbahnen und Holocaust

Thomas Josef Wehlim: Eisenbahnzüge Quelle: Edition Rugerup

Lars Müller hat ein Haus am Rhein geerbt. Das Haus seines Onkels ist „ziemlich viel wert“, wie sein Freund Steffen, Immobilienmakler von Beruf, sofort feststellt. Doch hinter der Tür erwartet die beiden eine Überraschung: eine Modellbahnanlage, die sich über das ganze Haus erstreckt und zum Leben keinen Platz lässt.

von PETER GOSSENS

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Der Cockring der Geschichte

Eiríkur Örn Norðdahl - Böse Cover: Tropen bei Klett-CottaDer Holocaust ist immer wieder Thema literarischer Bearbeitungen. Dass er auch die Enkelgeneration nicht kalt lässt und wie ein Sextoy und Island hiermit zusammenhängen, zeigt Böse von Eiríkur Örn Norðdahl.

von GREGOR J. REHMER Weiterlesen

Handtaschen und Holocaust

Bettina Storks - Das Haus am Himmelsrand   Cover: Berlin VerlagDer Klappentext zu Bettina Storksʼ Erstlingsroman Das Haus am Himmelsrand wirbt mit der Geschichte um ein „Geheimnis aus finsteren Zeiten und eine Liebe, die alles wiedergutmachen kann“. Nach der Lektüre des Romans wirkt dieser Teaser wie blanker Hohn. Und das nicht, weil die finsteren Zeiten nicht finster sind, sondern weil sie zu finster sind, um durch die Geschichte der oberflächlichen Lizzy Tanner wiedergutgemacht werden zu können.

von PIA ALEITHE Weiterlesen

„Eine unheimliche Wand, durch welche die Sprache nicht recht dringt“

Anne Weber - Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch   Cover: S. FischerEin „Zeitreisetagebuch“ verspricht der Untertitel von Anne Webers essayistisch-erzählerischem Prosatext Ahnen, in dem die Autorin sich auf die Suche nach den Spuren des Lebens ihres 1924 verstorbenen Urgroßvaters begibt. Doch anders als in H. G. Wells’ The Time-Machine und anderen Klassikern des Zeitreise-Genres wird der Leser hier nicht in die Vergangenheit katapultiert; vielmehr gelingt das Spürbarwerden des Vergangenen nur sehr tastend und unter Wahrung einer unaufhebbaren Distanz.

von BERNHARD STRICKER Weiterlesen

Eine Herzmetapher für den Bauch

Kerstin Preiwuß - Restwärme   Cover: Berlin VerlagEine Frau sitzt im Zug. Man weiß zunächst nicht, wohin sie fährt. Doch die Beschreibungen der kargen Landschaft, die am Zugfenster vorbeifliegt, und die nassen Hosenbeine der Frau, die sich an ihre Fußknöchel schmiegen und sie frösteln, lassen erahnen, dass der Bestimmungsort der Reise kein schöner sein wird. Kerstin Preiwuß erzählt in ihrem Debütroman Restwärme eine über mehrere Generationen reichende Familiengeschichte, die nichts von nostalgischer Wärme hat.

von ESRA CANPALAT Weiterlesen

Ein Regenschirm, den man nicht so leicht vergisst

Will Self_Regenschirm_Cover_Hoffmann und CampeDie Europäische Schlafkrankheit und ihre Symptome erscheinen so grausam wie die Erfindung aus einem Endzeitroman, doch tatsächlich erkrankten während der Pandemie zwischen 1917 und 1927 rund 5 Millionen Menschen daran. Ein Drittel der Erkrankten starb im direkten Zusammenhang mit der Entzündung ihres Gehirns. Bereits 1973 hat Oliver Sacks mit Awakenings ein Buch über diese Kranken und ihren Arzt geschrieben. Wo Sacks den Leser mit Fakten und Fotos absetzt, holt Will Selfs Regenschirm ihn ab – und lässt ihn verstört und nachdenklich zurück.

von ANNA-LENA THIEL

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Wie ein Popsong aus den 90ern

Hischmann_Am Ende schmeißen wir mit Gold   Cover BerlinPeng! Fabian Hischmanns Debütroman Am Ende schmeißen wir mit Gold hat alles, was eine Coming-of-age-Geschichte typischerweise vorweist: einen vom Leben gelangweilten Mittzwanziger, nostalgische Reisen in die Kindheit, Erinnerungen an Teenagereskapaden und ein tragisches Ereignis. Besonders neu klingt das nicht, aber „ganz okay“ würde man wohl im Jugendjargon sagen.

von ESRA CANPALAT

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Fünf Freunde in Japan

Haruki Murakami Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki   Cover: DuMont-BuchverlagDie Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki führen von Japan nach Finnland und wieder zurück. Haruki Murakamis neuer Roman orientiert sich gen Westen. Befremdlich wirkt er trotzdem, da am Ende genauso viele Fragen stehen wie am Anfang. Ohne Zweifel tritt lediglich das große Thema des Textes zutage: die Einsamkeit.

von KARIN BÜRGENER

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