„Desaströse Selbstfokussierung“ oder der Selfie-Narziss

Ramona Raabe: Das pathologische Leiden der Bella Jolie, Cover: Dittrich

Selfies sind im 21. Jahrhundert zum Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden. In ihrem ersten Buch widmet sich die junge Autorin Ramona Raabe eben diesem Phänomen. Die thematisch längst überfällige Novelle Das pathologische Leiden der Bella Jolie über die Sucht nach der Selbstabbildung, das Einfangen des gegenwärtigen Moments und die Suche nach dem Ich besticht besonders durch den außergewöhnlichen, innovativen Aufbau.

von ALINA WOLSKI

Sie nennt sich Bella Jolie. Regelmäßig lädt sie ihre Fotos auf der Internetplattform „Instagreet“ hoch, wo ihr tausende Fans folgen. Zugleich ist Bella Jolie – eigentlich Janina Ast – eine der ersten an Autokatromanie (autos = selbst; katoptron = Spiegel), umgangssprachlich „Selfie-Sucht“, Erkrankten. Erst 2024 sollte diese pathologische Impulsstörung durch die Medizin als solche anerkannt werden. Doch zu diesem Zeitpunkt wird Bella Jolie bereits fünf Jahre tot sein. Ursache: eben diese Sucht.

Die Novelle steigt im Jahr 2048 ein, da der Altersheimbewohner Paul Wachter durch einen „Bella Jolie“-Bilderband blättert und sich mit dem bereits in ferner Vergangenheit befindlichen Fall auseinandersetzt. Inhaltlich geschieht nicht sonderlich viel mehr auf den 160 Seiten. Zwischendurch ärgert sich der Rentner über seine Pflegerin, dann unternimmt er seinen ersten Ausflug seit Jahren bei Regen, schließlich blättert er weiter. Dabei liegt der Fokus im ersten Teil auf den abgedruckten Äußerungen der Bezugspersonen der Verstorbenen, während im zweiten Teil der Novelle die Dokumentation der Sitzungen der Erkrankten mit einem Pseudo-Psychologen abgebildet wird. Soweit der Inhalt. Das einzig Lebhafte – die eher weniger als mehr spektakulären Erlebnisse des Rentners Paul Wachter – sind dabei in ihrer Funktion als roter Faden unabdingbar. Denn diese halten die Geschehnisse zusammen.

Ein zum Scheitern verurteiltes Spiel

Dabei gelingt es der Autorin, in der Figur des Paul Wachter einen tiefgründigen Charakter zu schaffen, der in jeder Hinsicht einen Kontrast zu Bella Jolie darstellt. Er ließ bei seinem Einzug im Altenheim alle Spiegel abhängen und macht keine Fotos von sich, um sein eigenes Gesicht nicht betrachten zu müssen. Dabei bildet er den Kontrapunkt zu Bella Jolies ständig unter Spannung stehender Persönlichkeit, die darauf bedacht ist, das Hier und Jetzt, den aktuellen Moment einzufangen, bevor dieser die Möglichkeit wahrnehmen kann zu verfliegen; denn „jede Sekunde [ist] eine verstorbene Chance, dem Ich ein Betrachten zu zeigen“. Offensichtlich ein zum Scheitern verurteiltes Spiel.

Doch das Spiel geht weiter. Bella Jolie wirkt im Verlauf des Romans immer weniger oberflächlich, als sie zu Anfang scheint. Hinter ihrem Verhalten beginnt sich eine tiefere Philosophie abzubilden. Zugleich versteht sie es, Menschen zu manipulieren. Ihren Psychologen ohne Hochschulabschluss wickelt sie genauso um den Finger wie einen Großteil ihres sozialen Umfeldes. Ebenso wie Narziss sein Spiegelbild im sich bewegenden Wasser verzerrt wahrnimmt, kann sich der Leser aufgrund der fiktiven Autorschaft der unterschiedlichen Dokumente bis zum Schluss über die Person und ihre Intention nicht im Klaren sein. Immer wieder verschwimmt das Bild, das er sich von der Protagonistin gebildet hat – bis zuallerletzt die alles entscheidenden Informationen angeschwemmt kommen und das hektische, unklare Wasser zur Ruhe bringen.

Ein Bild der Zeit

Diese Ruhe schwingt beständig in Das pathologische Leiden der Bella Jolie mit. Auch wenn einige Aussagen der Personen aus dem direkten Umfeld der Verstorbenen anders anmuten, so dient dies nur der Verdeutlichung des personenspezifischen Duktus. Im Grunde bleibt die Novelle eine nachdenkliche, teils besorgniserregende, teils unterhaltsame Gesellschaftsstudie rund um den Aspekt der Selfie-Fotografie. Leider wird diese Atmosphäre an einigen Stellen durch die Überlast an Sentimentalität beschädigt. Formulierungen wie „Jetzt, da sein Leben bald vorbei sein wird, weiß er, dass er es gelebt hat. Er weiß um seine Versäumnisse, aber noch mehr um den Reichtum, den es birgt. Die alten Ängste bedrohen ihn nicht mehr. Das Ich, das gelebt werden wollte, hat gelebt“ hätte die Novelle nicht nötig gehabt. Immer wieder wird der ansonsten sehr angenehme Lesefluss dadurch gestört, dass die Autorin dem Leser die Tatsachen präzise vor die Augen schiebt, statt ihm einen Interpretationsspielraum zu ermöglichen.

Mit diesen kleineren Unstimmigkeiten lässt sich angesichts der längst überflüssigen Bearbeitung des Themas Selfie-Sucht allerdings leben. Denn Ramona Raabe gelingt es, Unterhaltungswert und Gesellschaftsanalyse sowie -kritik gut abzuwägen. Ihre Dystopie wirkt erschreckend nah und allzu realistisch; es ist das richtige Sujet zur passenden Zeit. Die Symbiose aus aktuellem Inhalt und anspruchsvoll-innovativem Aufbau macht Das pathologische Leiden der Bella Jolie zu einem originellen und literarisch neuartigen Werk, das sicherlich auch 2048 noch als Bild der Gesellschaft in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts angeführt werden könnte.

Ramona Raabe: Das pathologische Leiden der Bella Jolie
Dittrich Verlag: 160 Seiten
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-947373-01-7

 

 

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