Ein Krug kommt selten allein

Kleist "Der zerbrochne Krug" am Schauspielhaus Bochum Foto: Hans Jürgen Landes

Kleist „Der zerbrochne Krug“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Hans Jürgen Landes

Anselm Weber, Noch-Intendant des Bochumer Schauspielhauses, widmet sich nach etlichen Bühnenklassikern nun Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug. Zwar gerät der Abend zum kurzweilig-komischen (Sprach-)Vergnügen, auf innovative Regieeinfälle wartet man jedoch abermals vergeblich.

von HELGE KREISKÖTHER

Kleist ist bis heute – vielleicht insbesondere heute – eine Herausforderung für alle bemühten Theatermacher. Die verworrenen Handlungen, die ambivalenten Charaktere, die verschachtelten Sprachwitze und mehrdeutigen (biblisch-historischen) Anspielungen in seinen Stücken laufen ins Uferlose, wenn die „richtige“ Herangehensweise an diesen unikalen Dramatiker misslingt. Selbst Goethe landete einen Flopp mit seiner Inszenierung der Uraufführung des Zerbrochnen Krugs im Jahre 1808. Kleist lässt sich eben weder einer Epoche noch einem Genre zuordnen. Von blutdurchtränkter Grausamkeit bis hin zu märchenhafter Einfalt gibt es nichts, was sein Werk nicht thematisiert.
Der zerbrochne Krug ist neben Amphitryon indes eine der wenigen ausgewiesenen Komödien aus Kleists Feder. Im Fokus der Handlung steht mitnichten das titelgebende, kaputtgegangene Gefäß, sondern die Verstrickungen und Streitereien, die es hervorruft. Marthe Rull zieht mit ihrer Tochter Eve im Schlepptau vor Gericht, um Ruprecht anzuklagen. Dieser bestreitet jedoch vehement, ihren Krug zerstört zu haben. Vielmehr beschuldigt er den mutmaßlichen Liebhaber seiner Angebeteten dieser Missetat. Jegliche Aufklärung im Dienste der Wahrheit zu verhindern, scheint unterdessen das Anliegen des Dorfrichters Adam zu sein. Dieser wird während des kompletten Verhandlungstags kritisch beäugt von Gerichtsrat Walther – und verstrickt sich so lang in hanebüchenen Anekdoten und Ausreden, dass letztlich nur noch er oder Beelzebub persönlich als Täter in Frage kommen. Eine „Moral“ lässt sich aus Kleists Krug also sogar verhältnismäßig leicht herausfiltern: Die Justiz, besonders in Form eingesessener Dorfjustiz, ist keineswegs unfehlbar; das Richteramt lädt im Gegenteil dazu ein, seine Macht zu missbrauchen. Wie Eve sich aufopfert (im Irrglauben, ihren Ruprecht somit vor der gefährlichen Einberufung retten zu können), erinnert wiederum ans Käthchen von Heilbronn oder andere heldenhaft-naive Frauenfiguren, die alternativlos für ihre Liebe einstehen.

„Zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füße“ …

… will uns einer der ersten Sätze des Zerbrochnen Krugs glauben machen. Die Instabilität, das Schwanken, Wanken und Stürzen wird als Kleist’sches Leitmotiv somit gleich zu Beginn eingeführt – nämlich durch die Person des verwirrt-verblendeten, kurios selbstgerechten Dorfrichters Adam. Dietmar Bär, der immer wieder als Gast das Bochumer Schauspielensemble bereichert, mimt ebendiesen mit grandioser Lebhaftigkeit. Die Rolle scheint ihm, auch rein vom Äußeren, auf den Leib geschneidert. Gleiches lässt sich vom Schreiber Licht alias Roland Riebeling oder Gerichtsrat Walther alias Marco Massafra sagen. Letzterer zeigt mithilfe ausdrucksstarker Mimik und zunehmend anwachsender Ungeduld die Leuchtkraft seiner nur vermeintlich eindimensionalen Rolle: Ist es doch der Gerichtsrat, der dem Wahnsinn Adams kontinuierlich Einhalt gebietet, die Wahrheit aufdeckt und Eve das Vertrauen in die Obrigkeit zumindest ein Stück weit zurückgibt. Katharina Linder und Matthias Redlhammer agieren als Marthe Rull bzw. Veit Tümpel gewohnt authentisch, ebenso „Youngster“ Nils Kreutinger als einfach-gestrickt-aber-ehrlicher Ruprecht, Xenia Snagowski als tollpatschig-emsige Magd und, noch kurz vor Schluss, Anke Zillich als Klarheit bringende Frau Brigitte. Sarah Grunert dagegen, die jüngst mit dem Bochumer Theaterpreis in der Kategorie „Nachwuchs“ ausgezeichnet wurde, gerät in einigen Szenen emotional etwas außer Kontrolle – weniger wäre bei ihr mehr.

Kleist "Der zerbrochne Krug" am Schauspielhaus Bochum Foto: Hans Jürgen Landes

Kleist „Der zerbrochne Krug“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Hans Jürgen Landes

Bloß einer von 500 Krügen

Anselm Weber bettet sein unterhaltsames Ensemble in die Kulisse eines angedeuteten Gerichtsgebäudes voller Papierknäuel und Holzmöbel (Bühne: Raimund Bauer). Kleists Text lässt er originalgetreu, verhältnismäßig wenig gekürzt vortragen. Und auch Musik (Thomas Osterhoff) wird nur zweimal und äußerst dezent eingesetzt. Konventionelle Unauffälligkeit scheint sich also trotz wiederholter Kritik als Webers Regiekonzept zu behaupten. Böswillig könnte man sagen: So hat man den Krug bereits oft gesehen, so wird man ihn noch oft sehen. Warum Weber allerdings die Auflösung des Stücks (also die Erklärung für den mysteriösen nächtlichen Besuch bei Eve mit der Folge der Krugzerstörung) an den Beginn seiner Inszenierung packt, um ihn dann am Ende des Abends nochmal zu bringen, bleibt schleierhaft. Textnähe tut Kleist zugegebenermaßen gut, doch Stücke, die sich wie Der zerbrochne Krug in aller (Theater-)Munde befinden, sind auf fortwährend neue Regiekonzepte oder zumindest -ansätze angewiesen, um den szenischen Anschluss ans 21. Jahrhundert nicht zu verpassen. Selbst die Kostüme (Teresa Grosser) kommen bäuerlich-unspektakulär daher; eine Augenweide ist dann schon eher der liebevoll angefertigte blau-weiße Krug (verantwortlich für den Malersaal: Gudrun Schönbeck-Wach).
Was Weber mit dem Trauerspiel Kabale und Liebe noch beeindruckend gelang und ihm mit der Tragikomödie Der Besuch der alten Dame schon zu entgleiten drohte, misslingt ihm völlig mit der Posse des Zerbrochnen Krugs. Will sagen: die Rückführung eines zer-inszenierten Klassikers in seine ursprüngliche dramatische Kraft. Das Vermeiden von Ideen macht noch keine Idee. Daher ist der Abend wohl nur für Kleist- oder Schauspielhaus-Liebhaber sehenswert.

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Sonntag, der 20. Dezember
Sonntag, der 3. Januar
Montag, der 4. Januar

 

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