Vom Leben und Sterben eines stolzen Mannes

Shakespeares "Coriolan" am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sandra Then

Shakespeares „Coriolan“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sandra Then

Auf der CENTRAL-Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses inszeniert Tilmann Köhler, nachdem im Februar bereits Hamlet Premiere feierte, ein weiteres Shakespeare-Stück: den eher selten gespielten Coriolan. Während die grelle, slapstickverliebte Herangehensweise manches Mal an den Nerven zerrt, begeistert der Abend vor allem mit einem überragenden André Kaczmarczyk in der Titelrolle.

von HELGE KREISKÖTHER

Coriolan (im englischen Original Coriolanus) ist die letzte und heute zugleich unpopulärste Tragödie des großen William Shakespeare, uraufgeführt zwischen 1605 und 1608. Nach ihr verfasste der Barde aus Stratford-upon-Avon nur noch die als „Romanzen“ oder „problem plays“ klassifizierten Stücke Das Wintermärchen (The Winter’s Tale) und Der Sturm (The Tempest). Dass Coriolan zu Unrecht hinter diesen oder anderen shakespeareschen „Politthrillern“ wie Julius Cäsar, Macbeth und Co. zurücksteht und nicht zu knapp dramatisches Potenzial mit sich bringt, belegt indessen der Umstand, dass die Amerikaner nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Aufführungen dieses Werkes in Deutschland untersagten – aus Angst vor einer diktatorischen Ansteckungsgefahr. Möglicherweise haben sie dabei auch Beethovens düstere Coriolan-Ouvertüre im Sinn gehabt, die bis heute wohl berühmteste Adaption des Stoffes.

Hauptfigur der 1781 zum ersten Mal in Deutschland gespielten Tragödie ist der Feldherr Caius Martius, der nach verschiedenen antiken Quellen tatsächlich um 500 v. Chr. gelebt und gekämpft haben soll. Als standesbewusster Patrizier verachtet er nichts so sehr wie die Plebs, das in seinen Augen feige, selbstsüchtige und allzu leicht manipulierbare Volk. Nachdem ihm die Bezwingung der Volsker (so der wahrhaft „volksnahe“ Name eines gegen Rom kämpfenden italischen Stammes) sowie die Eroberung der Stadt Corioli bereits den Ehrennamen „Coriolanus“ eingetragen haben, ist er jedoch ausgerechnet auf die Stimmen der unadeligen Volksvertreter angewiesen, um zum Konsul ernannt zu werden. Die arglistigen Tribunen Sicinius Velutus und Junius Brutus machen sich dies zunutze, indem sie die Bürger gegen Coriolanus aufhetzen und ihn sogar aus Rom verbannen lassen. Folglich schmiedet er – ausgerechnet mit seinem einstigen Erzfeind Aufidius – grausame Rachepläne, von denen ihn letztlich nur die Mutter Volumnia und die Gemahlin Virgilia abbringen können. Zu einem Happy End kommt es natürlich trotzdem nicht. Machtgier obsiegt.

Shakespeares "Coriolan" am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sandra Then

Shakespeares „Coriolan“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Foto: Sandra Then

Im Zirkus gelandet

Tilmann Köhler und seine Kostümbildnerin Susanne Uhl wagen in Düsseldorf einen bunten, um nicht zu sagen: knallbunten Zugriff auf dieses in seiner Komplexität kaum zu unterschätzende Spätwerk Shakespeares. Das ist durchaus erfrischend, setzt aber zumindest zu Beginn ein gewisses „Warmwerden“ mit der unerwartet poppigen Kulisse voraus. Zwar ist die Spielfläche selbst durch schlichte Wände in Holzplattenoptik umrahmt (Bühne: Karoly Risz), doch alle Darsteller erscheinen von Beginn an als clowneske Karikaturen des römischen Staatsapparates – eindrucksvoll schrill geschminkt (Leiter der Maske: Andreas Polich), nicht gerade leise und gerne mal auf der Stelle herumhopsend. Die Befürchtung, schon wieder einen veralberten, vollkommen seiner zeitlosen Tragik beraubten Shakespeare ertragen zu müssen, bestätigt sich jedoch erfreulicherweise nicht. Hat man sich einmal an die rotnasigen Maskeraden, das hohe Spieltempo und jedwede Sketcheinlage gewöhnt – eher Circus Maximus als Kapitol –, erkennt man sogar zunehmend verblüffende, absolut stimmige Regieeinfälle.

Mit seiner vielseitigen Sprache bietet Coriolan – gut eingefangen durch die an Schlegel/Tieck orientierte, aber sehr zeitnahe Übersetzung von Rainer Iwersen, Gründungsmitglied der bremer shakespeare company – durchaus auch Raum für demonstrative „Albernheiten“. Die krankhafte Verachtung, welche die Titelfigur gegen den Pöbel hegt, die dummdreisten Auseinandersetzungen zwischen den Tribunen Sicinius Velutus und Junius Brutus (virtuos verkörpert von Florian Lange und Sebastian Tessenow), die Wankelmütigkeit der Plebejer, aber auch der übermäßige Stolz siegreicher Schlachter: Diese Elemente werden gerade dadurch ernst genommen, dass man sie hier nicht zu ernst nimmt. Und wenn der tollpatschige Diener des Aufidius (ebenso brillant wie in der anspruchsvollen Rolle des Coriolanus-Vertrauten Cominius: Glenn Goltz) mit einem Quietschehammer auf eine Plüschrobbe einschlägt, handelt es sich um herrliche Situationskomik. Stiller und durchaus bewegend wird es dagegen, wenn Coriolanus alias André Kaczmarczyk spürbar mit sich und seinen Zornesausbrüchen ringt, sein offensichtlich verletzliches Inneres nach außen kehrt oder wenn er auf seine Mutter (eine Spur zu drastisch: Markus Danzeisen) trifft – allem Anschein nach die einzige Person auf der Welt, der er sich nicht zu widersetzen vermag. Das Tragische zu verbannen, will der Inszenierung glücklicherweise also keineswegs gelingen.

Wie war das noch mit dem Populismus?

Tatsächlich werden in der dreistündigen Düsseldorfer Aufführung sämtliche Rollen – mit Ausnahme von Coriolans Sohn, den die minderjährigen Darstellerinnen Jarla Schwehn und Emilia Sievers mit Leben füllen – von Männern besetzt. Ein allemal interessanter Ansatz, wenn man bedenkt, dass es doch allein die beiden Frauen im Stück sind, die Caius Martius emotional in der Hand haben und so die Stadt Rom vor ihrer Vernichtung bewahren. Darüber hinaus sind aber auch die (politischen) Gegenwartsbezüge Tilmann Köhlers (Dramaturgie: Janine Ortiz) zu loben, die weder mit der Brechstange daherkommen noch zu gering ausfallen. Vermeintliche Volksverräter, -vertreter und Demagogen unserer Tage kommen einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man sieht, wie auch in Rom alias Düsseldorf billigste politische Stimmungsmache an der Tagesordnung ist. Winkt der arrogante Coriolanus etwa, obwohl sich anzubiedern ihm widerstrebt, mit den McDonald’s-Fähnchen, verteilt er Lutschbonbons und hohle Versprechungen, nur um sich Stimmen zu sichern, so zerfließen die Grenzen zwischen antiker Römischer Republik und moderner globalisierter Demokratie. Welches Stück über Machtgewinn, -verlust und -missbrauch wäre einen Monat vor der Europawahl also angebrachter als die 400 Jahre alte Tragedy of Coriolanus?

 

Informationen zur Inszenierung

Nächste Vorstellungen:
Samstag, der 27. April
Samstag, der 11. Mai
Donnerstag, 23. Mai

 

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