Reflex statt Reflexion

Amanda Lasker-Berlin: Iva atmet; Cover: Frankfurter Verlagsanstalt

Als ihr Vater stirbt, taucht eine junge Frau in die Geheimnisse ihrer Familiengeschichte ein, durch die sie in die deutsche Vergangenheit der Völkermorde in der Kolonial- und der NS-Zeit verstrickt ist. Gelingt es der Protagonistin von Iva atmet (2021), sich aus dieser Verstrickung zu befreien? Darauf gibt der Roman von Amanda Lasker-Berlin keine zufriedenstellende Antwort.

von BERNHARD STRICKER

Kurz vor dem Ende des Romans wird Iva sich wünschen, die Badewanne in ihrer Wuppertaler Wohnung, in der sie zu Beginn des Romans untertaucht, nie verlassen zu haben. Dann hätte sie sich nicht der dunklen Vergangenheit ihres Vaters und ihrer Großeltern stellen und sich nicht dem Streit mit ihrem Bruder über die Trennung der Eltern aussetzen müssen. Doch Iva lässt am Anfang des Textes nicht nur die Badewanne, sondern auch ihren Mann Roy und ihren kleinen Sohn Shlomo in Wuppertal zurück und fährt die sechshundert Kilometer quer durch Deutschland nach Dresden, wo ihr Vater, der seit seinem ersten Schlaganfall vor sieben Jahren von einer polnischen Pflegerin versorgt wird, nach einem zweiten Schlaganfall im Krankenhaus liegt. „Das ist gut, oder nicht“, denkt sie unterwegs. „Dass von diesem Menschen nicht mehr übrig ist als ein maroder Körper. Der nicht mehr alleine essen kann und sich nicht alleine waschen. Der vielleicht noch Sprache hat, aber mit dem Mund keine Worte mehr bilden kann.“

Bilder der Vergangenheit

Seit Jahren schon hat Iva mit dem Vater nicht mehr geredet, der nach der Wende ein Richteramt in den neuen Bundesländern erhielt und dafür die Familie von Wuppertal nach Dresden „verpflanzte“. Nicht nur die Familie hat er verpflanzt, sondern auch die zwei Köcherbäume aus dem Vorgarten des Hauses der Großmutter in Wuppertal, Denkmäler ihrer Herkunft aus Deutsch-Südwestafrika. Die Bäume sterben auf der Fahrt, und so bestreicht der Vater sie mit Chemikalien und betoniert sie ein. Das innere Gegenbild zu den toten Köcherbäumen, die Iva bei ihrer Ankunft in Dresden vor dem Haus ihrer Kindheit wiedersieht, stellt die motivartig wiederkehrende Rede vom Laub in Ivas Lunge dar. Das mal auf geordneten Haufen liegende, dann wieder raschelnde Laub zeigt an, wie die Asthmatikerin Iva psychosomatisch sensibel auf Stimmungen und Situationen reagiert. Der Roman entfaltet sich als eine Entwicklung dieses Bildes der toten Köcherbäume und des Lungen-Laubs, von dem Iva sich im Laufe der Begleitung ihres Vaters beim Sterben befreit.

Es handelt sich um Bilder, die prägnant das Hineinragen des Vergangenen in die Gegenwart, das Fortleben von Schuld über Generationen hinweg und die Auswirkungen kollektiver Traumata auf das Seelenleben auch der Nachkommen zur Anschauung bringen. Vergangene Schuld ist nach der Poetik dieses Romanes noch den Körpern nachfolgender Generationen eingeschrieben. Ivas Asthma und die ADHS-Erkrankung ihres Bruders Alexander bilden die gegenwärtigen Symptome von Verbrechen des Vaters und der Großeltern, über welche die Leser*innen nur langsam und bis zuletzt nur schemenhaft Klarheit gewinnen. Dass die Großmutter im Jahr 1904 Zeugin des Völkermords an den Ovaherero wurde, dass der Großvater im Dritten Reich Juden ermordete und dass der Vater ebenfalls einen Mord begangen hat, der zur Trennung von der Mutter führte, so viel wird zwar peu à peu enthüllt. Gleichzeitig bleiben die vage evozierten Gräueltaten aber so diffus, dass sie nur mithilfe einer bei der Leser*innenschaft schon vorausgesetzten Kenntnis der deutschen Gewaltvergangenheit überhaupt entzifferbar sind, deren Tendenz zum Chiffren- und Klischeehaften sie damit eher bestätigen als erschüttern.

Körpergedächtnis: Ausagieren oder Durcharbeiten?

Dass der Roman sich konsequent auf die Beschreibung körperlich-gestischer Verrichtungen und elementarer Wahrnehmungen und Empfindungen der Figuren beschränkt und dabei stets im Präsens erzählt, erscheint zunächst als eine bewusst diskrete Erzählhaltung, mit der das abgründige Innenleben der Figuren mehr an- als ausgedeutet wird. In Bezug auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte der deutschen Gewaltverbrechen gerät die Beschränkung auf die somatischen Auswirkungen traumatischer Erfahrungen jedoch unweigerlich an ihre Grenzen. Der dezidiert nicht-diskursive Charakter des Romans, in dem die Figuren an keiner Stelle eine anspruchsvolle, über einsilbige Dialoge hinausgehende verbale Auseinandersetzung über die geschichtlichen Zusammenhänge führen, in die sie sich als verstrickt erfahren, gibt der Reflexion über Schuld und Verbrechen keinen Raum. Von einem Durcharbeiten der Vergangenheit kann keine Rede sein, vielmehr verbleiben die affektiven und somatischen Reaktionen, mit denen Iva und ihre Geschwister ihre mit der deutschen Vergangenheit belastete Familiengeschichte ausagieren, auf der Ebene des Reflexhaften.

Das wäre vollkommen konsequent, wenn damit die tragische Unausweichlichkeit einer Heimsuchung durch die schuldhafte Vergangenheit angedeutet werden sollte. Tatsächlich suggeriert der Roman jedoch, dass Iva sich am Ende durch den Tod des Vaters, der nicht noch einmal aus dem Koma erwacht und damit nicht mehr Rede und Antwort stehen kann, mit der Familienvergangenheit ausgesöhnt und ihren Frieden gefunden habe. Dass es dazu keinerlei klärender und versöhnungsstiftender Gespräche mit dem Vater oder den Geschwistern bedarf, zeigt, wie weitgehend hier die Dimension der Versprachlichung von Erfahrung reduziert wird und die Bewusstwerdung, welche die Voraussetzung einer Emanzipation von der belastenden Vergangenheit wäre, blockiert bleibt. Die Szene, in der Iva das Laub aus ihrer Lunge zusammen mit einer beträchtlichen Menge Wodka buchstäblich auskotzt, soll zwar als kathartisches Moment die Entwicklung der Figur demonstrieren, psychologisch nachvollziehbar aber wird diese Entwicklung nicht. Bis zum Ende bleibt Erinnerung etwas, das der Protagonistin widerfährt, ihr zustößt, nicht aber etwas, zu dem sie sich bewusst verhielte und um dessen Integration in ihr Leben sie sich bemüht zeigen würde. Dass die Anästhesistin Iva am Ende des Romans keinen Schmerz mehr spürt, ist darum kein glaubwürdiges Anzeichen einer wirklichen Heilung der Wunden der Vergangenheit.

„Buchstaben sortieren“: Die unendliche Arbeit der Erinnerung

Problematisch ist, dass die Suggestion einer „bildhaft“ anschaulichen und körperlich erfahrbaren Gegebenheit des Vergangenen verschleiert, inwiefern die Vergangenheit eben gerade nicht präsentisch gegeben ist. Als etwas der unmittelbaren Anschauung Entzogenes erfordert sie zu ihrer Vergegenwärtigung zumeist vielmehr eine komplexe und mühevolle Erinnerungsarbeit, etwa in Form einer wissenschaftlichen Kontextualisierung historischer Spuren und Dokumente. Wenn Ivas Schwester in einer geradezu böswillig naiven Weise auf ihrem YouTube-Kanal ihre Rückkehr nach Namibia inszeniert und dabei verkündet, dass sie zu ihren Wurzeln zurückgefunden habe auch ohne in mühevoller Recherche in den Archiven nach Spuren der Farm ihrer Großeltern zu suchen, so stellt der Roman diese Geschichtsvergessenheit zwar in kritischer Absicht aus, er entkommt ihr jedoch selbst nicht völlig. Das liegt daran, dass die biologische Metaphorik einer „Vererbung“ von Schuld, die in der Beschränkung dieses Romans auf Körperlichkeit und Sinneserfahrung eine Ausgestaltung erfährt, der Schwierigkeit historischen Verstehens und historiographischer Rekonstruktion inadäquat ist. Ebenso wenig wie die Vergangenheit von sich aus gegeben ist kann man sie hinter sich lassen, ohne dabei den langwierigen und schmerzhaften Weg einer sprachlichen und damit erst bewusstseinsbildenden Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen zu beschreiten.

Zwei Momente des Romans lassen diese reale Abgründigkeit der Geschichte gleichwohl erahnen. So gibt es Passagen im Roman, in denen die Leser*innen mit einer Erzählhaltung der ironischen Distanz ein Wissen über die Vergangenheit der Figuren vermittelt bekommen, das diesen selbst undurchsichtig bleiben muss. Dass Ivas Vater als zweijähriges Kind im Rahmen der NS-Kinderraubzüge seiner polnischen Mutter entrissen und nach Deutschland verschleppt wurde, ist ironisch nicht nur, weil er an seinem Lebensende von einer polnischen Pflegerin bemuttert wird, sondern mehr noch, weil er von seiner Herkunft selber nie erfahren hat. Es gibt somit einen realen Verlust, eine Unwiederbringlichkeit geschichtlicher Ereignisse, mit der auch die Chancen auf eine bewusstseinsverändernde Erfahrung für immer dahin sind. Jemand, der diese Verluste nicht einfach hinnehmen will, ist Rüdiger, der Vater von Ivas Ehemann Roy. Er schreibt unermüdlich an einem Buch über die Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten, für das er Photographien der Opfer von Ivas Großvater in der NS-Zeit aufbewahrt. Opfern wie jenem im KZ ermordeten Shlomo, dem Ivas und Roys Sohn seinen Namen verdankt. „Buchstaben sortieren“ nennt Roy diese Beschäftigung seines Vaters mit einer kabbalistisch anmutenden Bezeichnung. Offen bleibt, ob die Tatsache, dass Rüdiger über seinem Werk erkrankt und sein Leben in einer psychiatrischen Anstalt fristet, als Anzeichen verstanden werden darf, wie vergeblich die Hoffnung ist, mit der Vergangenheit und ihrer sprachlichen Vergegenwärtigung endgültig abschließen zu können.

Amanda Lasker-Berlin: Iva atmet
Frankfurter Verlagsanstalt, 320 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN 9783627002855

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