Eine Reise ins Jenseits

Spiritfarer; Cover: Thunder Lotus Games

In dem Indie-Game Spiritfarer spricht das Team von Thunder Lotus Games das sensible Thema des Todes an. Dabei gelingt es ihnen, die Problematik des Abschiednehmens in ein interaktives Abenteuer zu verwandeln, und gleichzeitig den Spielern und Spielerinnen das Thema des Sterbens sanft näher zu bringen. Zwangsläufig stellt man sich selbst die Frage: Wie gehe ich mit dem Tod eines geliebten Menschen oder Tieres um? Oder wie erkläre ich dieses Thema einem Kind?

von KRISTINA KUBITZA

Die Geschichte von Spiritfarer eröffnet mit der Protagonistin Stella, in deren Haut der Spieler oder die Spielerin schlüpft, und dem „Spiritfarer“, Charon, welcher in der griechischen Mythologie schon die Seelen ins Nachleben befördert. Dieser erklärt Stella, dass sie seine Nachfolgerin werden wird, um die gestrandeten Seelen ebenfalls ins Jenseits zu schiffen. Die Aufgabe ist klar und unterstrichen durch den Umstand, dass innerhalb weniger Minuten bereits der Mentor des Spielers verstirbt – aber auch der von Stella. Hier wird deutlich: Der Tod steht im Vordergrund der Geschichte. Der Schein der bunten und lebhaften Welt – inszeniert durch malerische 2D-Grafiken, die an Gemälde erinnern – ist trügerisch, denn sie verbirgt bisweilen dunkle und auch traurige Lebensgeschichten, welche von den Passagieren an Bord von Stellas Schiff erzählt werden.

Stellas Spiritfarer-Boot; Screenshot: Thunder Lotus Games

Man ist nie wirklich allein

Während manche zufrieden mit ihrem Leben waren, und sich wünschen, zurückkehren zu können, sind andere durch Suizid aus dem Leben geschieden, und können ihren Schmerz noch nicht vollständig verarbeiten – hier kommen wir, die Spieler und Spielerinnen, ins Spiel. Unsere Aufgabe ist es nicht nur, die Seelen von ihren Inseln zum Evergate, dem Tor zum Jenseits, zu befördern, sondern auch sicherzustellen, dass unsere Passagiere mit ihrem Leben abgeschlossen haben und sich wohl fühlen. Dies geschieht durch das Crafting-System des Spiels, denn jeder Bewohner möchte seine eigene Unterkunft, und hat auch Ideen für Herstellungsgebäude, die mit ihrer Geschichte eng verbunden sind. Ein Beispiel dafür ist Stellas Freundin Gwen, welche die erste Passagierin des Bootes ist, und Stella mit verschiedenen Ratschlägen und anderen Hinweisen zur Seite steht. Gwen bringt ihr die Seelen näher, aber auch das Crafting-System an sich, indem sie Stella um eine Unterkunft, später um eine Weberei bittet. Neben der Weberei steht unter anderem auch eine Küche zur Verfügung, denn die Passagiere haben natürlich spezielle Essenswünsche. Hierbei sind sie jedoch nicht nur Element des Gameplays, sondern dienen auch der Progression des Plots, da die Figuren Stella aus ihrem Leben erzählen, während sie zusammen mit ihr in ihren jeweiligen Gebäuden arbeiten.

Gameplay und Plot gehen Hand in Hand

Gwens Weberei; Screenshot: Thunder Lotus Games

In Spiritfarer ist das Gameplay stark mit der Geschichte verbunden, wodurch es ohne Fortschritt der Ausstattung keine Fortsetzung des Plots geben kann. Dies führt dazu, dass wir den Großteil der Zeit mit Nebenaufgaben wie Crafting oder auch Fischen verbringen, ohne eine direkte Weiterentwicklung der Geschichte verfolgen zu können – dies ist per se nicht schlecht, vor allem, weil Mikromanagement auf der Verpackung steht, allerdings wird dieser Vorgang schnell repetitiv und im Verlauf der Geschichte überfordernd. Jeder Passagier bringt sein eigenes Herstellungsgebäude mit, und das will auch jeden Tag benutzt werden. Es scheint, als würde die Geschichte hier verloren gehen, und ist ein Punkt, durch den man sich durchkämpfen muss. Besonders, wenn man das Crafting an sich nicht als Priorität setzt. Wenn man sich durch das repetitive Gameplay gekämpft hat, hat das Spiel allerdings eine berührende Geschichte zu erzählen, denn jeder Passagier auf Stellas Schiff ist auch eine Person aus ihrem eigenen vergangenem Leben. Wir treffen nicht nur auf ihre beste Freundin, ihre Zieheltern, sowie Tante und Onkel, sondern auch ehemalige Patienten, welchen Stella bereits zu Lebzeiten über die Schwelle zum Tod geholfen hat. Dadurch wird das Abschiednehmen schwieriger, denn es sind nicht irgendwelche Seelen, die Stella am Wegesrand aufgegabelt hat, sondern Menschen, die ihr lieb waren. An diesem Punkt spricht das Spiel ein sehr sensibles Thema an: das des Abschieds. Wie verarbeite ich den Tod eines Geliebten? Wie nehme ich Abschied und besonders: Wie bringe ich das Thema vielleicht auch einem jüngeren Publikum bei?

Ein Fünkchen Wahrheit

Das Evergate; Screenshot: Thunder Lotus Games

Der Tod tritt in allen möglichen Varianten auf. Manche Tode sieht man kommen, manche sind plötzlich und ein Abschied mit dem eigenen Leben bleibt einem verwehrt. Das Entwicklerteam von Spiritfarer lehrt den Menschen Abschied zu nehmen; ganz für sich allein, denn der Tod nimmt keine Rücksicht darauf, ob man bereit dazu ist oder nicht. Letztendlich beleuchtet es auch den Umstand des eigenen Todes und das Loslassen vom eigenen Leben. Eine harte Nachricht, jedoch liebevoll in einem abenteuerreichen und bunten Spiel verpackt. So etwa durch die Aufmachung des Spiels – eine scheinbar handgezeichnete Welt, die hier und da Symbole versteckt, wie das Evergate, das zu Ende eines Lebens einen Kreis zeichnet, und den Passagier hindurch lässt – ein abgeschlossenes Leben also. Oder auch der Gedanke daran, dass sie niemals völlig verschwunden sind, und als Erinnerung am Sternenhimmel bleiben. Erinnerungen halten für die Ewigkeit.

Der Himmel nach Giovannis Tod. Jeder Verstorbene wird zu einem Sternenbild und ist so ein Zeichen von Erinnerung.; Screenshot: Thunder Lotus Games

Mit Spiritfarer hat Thunder Lotus Games eine beruhigende, aber auch nachdenkliche Welt erschaffen, die für jeden geeignet ist, der sich mit dem Thema Tod und Loslassen näher beschäftigen möchte. Vielleicht hilft es, einen eigenen Verlust zu verarbeiten, oder ein Kind auf das Thema vorzubereiten, ohne es zu verängstigen. Aber auch ohne solche Gedanken ist Spiritfarer ein bereicherndes Spiel und eines, das es auf dem Markt geben muss. Trotz seiner leichten Schwächen im Gameplay, ist es sehr empfehlenswert und bleibt auf jeden Fall in Erinnerung.

Spiritfarer

Thunder Lotus Games

Erscheinungsdatum: August 2020

Plattformen: PC, Nintendo Switch, Playstation 4, Xbox One, Stadia

Preis bei Steam: 24,99 Euro

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