Der Rockstar der Renaissance

William Shakespeare (1564 – 1616) im berühmten Chandos portrait von John Taylor (1585 – 1651); Public Domain

Vor 406 Jahren verließen zwei der wichtigsten Autoren der Spätrenaissance die Weltbühne. Deren Werke nehmen auch heute noch eminente Plätze in so ziemlich jedem Kanon der Weltliteratur ein. Nach den damals geltenden Zeitrechnungen fällt der Todestag jeweils auf den 23. April 1616. Die Rede ist von Miguel de Cervantes und William Shakespeare. Gilt der erste durch seinen Don Quijote als Begründer des modernen Romans, revolutionierte sein jüngerer Zeitgenosse das Theater. Letzterem ist dieses Autorenporträt gewidmet.

von STEFAN JAKOB

Shakespeare hinterließ eine Fülle an Werken, seien es Komödien, Tragödien, Historienstücke oder Gedichte (darunter etwa seine weltberühmten und stilprägenden Sonette). Bekannt ist er uns vor allem durch seine vielfältigen Theaterstücke. Diese sind uns jedoch vor allem über die posthum veröffentlichen Sammlungen seiner Kollegen aus der Schauspieltruppe The King’s Men erhalten. Aufgrund der kollaborativen Schreibpraxis, dem fehlenden Urheberrecht und weil einige Texte wohl aus dem Gedächtnis niedergeschrieben wurden, können wir heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, welche Texte oder Passagen wohl im Wortlaut von William Shakespeare persönlich stammen. Aber klar ist, dass das Werk, das wir mit Shakespeare verbinden, mit einem Geist beseelt ist, der in seiner Weitsicht wie emotionaler Tiefe wahrhaft atemberaubend ist.

„All the world’s a stage”

In den Außenbezirken Londons stand das Globe Theatre. Hier feierte Shakespeare viele der größten Erfolge seiner Laufbahn. Das Theater hatte im elisabethanischen England als Kunstform noch keine hohe Anerkennung erlangt – entlang der Themse muss die Schauspieltruppe mit Pubs und Bordellen konkurrieren. Wenn nicht gerade Schauspieler auf der Bühne stehen, kann man nebenan beobachten, wie angebundene Bären von Hunden attackiert werden. Stehen Schauspieler auf der Bühne (Frauen ist diese Tätigkeit untersagt, weshalb weibliche Rollen von Knaben dargestellt werden), müssen sie sich die Aufmerksamkeit eines trunkenen Publikums erkämpfen. In diesem Umfeld macht sich ab den 1590er Jahren ein Stückeschreiber einen Namen, der bis an die wohlwollenden Ohren von Königinnen und Königen dringen soll.

Zu Lebzeiten vor allem eine lokale Berühmtheit und unter dem Patronat des englischen Königshauses stehend, zeigt William Shakespeare doch ein kosmopolitisches Weltbild und eine humanistische Bildung. Viele Stücke sind außerhalb von Großbritannien angesiedelt, etwa in Italien oder in Dänemark, aber auch in der klassischen Antike.  Die Figuren zeichnen sich zumeist durch ihre Mehrdimensionalität aus, die Vertretern unterschiedlicher sozialer Klassen und Lebenswege eine individuelle Stimme verleiht. Jede:r von ihnen wird von zutiefst menschlichen Handlungsimpulsen angetrieben, die dem Publikum oftmals in weltberühmten Monologen vermittelt werden. Heutzutage wird Shakespeare in jedem Land der Welt gelesen, reinterpretiert und in jeder denkbaren Kunstrichtung neu-inszeniert.

Denkmäler menschlicher Leidenschaften

Shakespeare hat sich literarische Monumente geschrieben, die gealtert sind und doch überdauern. Das liegt auch an den Themen, die Grundfragen des Menschseins behandeln. So würden die meisten Menschen der westlichen Welt heute nicht mehr seine Meinung über die Demokratie teilen, die wiederholt an der Formbarkeit eines naiven Wahlvolkes scheitert. Dafür ist die mitschwingende Warnung vor Populismus und Demagogie in Stücken wie Julius Caesar oder Coriolanus zeitlos. Das mörderische Ehepaar Macbeth versucht mit einem Schicksal zu kämpfen, das ihre Ambitionen anpeitscht und doch zu frustrieren droht. Romeo and Juliet geben dagegen ihrer jugendlichen Liebe den Vorzug vor einer repressiven gesellschaftlichen Spaltung. Selbst in komischen Stücken wie A Midsummer Night’s Dream oder All’s Well That Ends Well erkennen wir Fragen der Identitätsfindung, die uns auch heute noch ansprechen. Das zeigt sich auch in der nicht enden wollenden Flut an Neuverfilmungen oder Reinterpretationen der Shakespeareschen Stoffe.

Meine Empfehlungen:

Shakespeare, William: The Arden Shakespeare Third Series Complete Works

Bloomsbury, 1504 Seiten

Preis: 25,90 Euro

ISBN: 978-1474296366

Garber, Marjorie: Shakespeare After All

Anchor Books, 1008 Seiten

Preis: 22,88 Euro

ISBN: 978-0385722148

Winterson, Jeanette: The Gap of Time. The Winter’s Tale Retold

Vintage, 320 Seiten

Preis: 12,16 Euro

ISBN: 9780099598190

Ein Gedanke zu „Der Rockstar der Renaissance

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