Musik der Geschichte / Geschichte der Musik

"The Rest is Noise" in Dortmund im Rahmen der Ruhrtriennale Foto: Christoph Sebastian

„The Rest is Noise“ in Dortmund im Rahmen der Ruhrtriennale Foto: Christoph Sebastian

Auch wenn die eigentliche Spielzeit der aktuellen Ruhrtriennale schon vergangen ist, lockt ihr Programm weiterhin ins Theater: Im Rahmen des Kunstfestivals kooperieren erstmalig sechs Theaterhäuser des Ruhrgebiets, um Alex Rossʼ The Rest is Noise zum Besten zu geben. Nach Stationen in Essen und Moers im letzten Jahr fand der dritte Teil der Lesereihe nun im Schauspiel Dortmund statt und überzeugte mit hervorragenden Musikern und einem gut aufgelegten Ensemble.

von ANNIKA MEYER

In seinem 2007 erschienenen Buch The Rest is Noise beschreibt Alex Ross das 20. Jahrhundert durch dessen Musik. Richard Strauss, Gustav Mahler, John Cage u. a. bringen uns die Etappen eines turbulenten Jahrhunderts näher, das geprägt war von politischen Umstürzen, sozialen Bewegungen und der Globalisierung. In Dortmund geht es nun um die 1930er und 40er Jahre, um die Musik von Dmitri Schostakowitsch unter Stalin und um das Leben der Exilkomponisten in den USA Franklin D. Roosevelts. Friederike Tiefenbacher führt als Alex Ross durch die Lesung, ihre Kollegen stellen historische Persönlichkeiten aus Politik und Kunst dar. Im ersten Teil erleben wir die Diktatur Stalins, vor allem durch die Worte Schostakowitschs (Frank Genser), der als Komponist unter Stalins Launen arbeiten musste und von ermordeten Zeitgenossen wie Wsewolod Meyerhold, seinen Arbeits- und Denkprozessen oder den Proben zur Leningrader Sinfonie während des Krieges berichtet. Eine klassische szenische Lesung, könnte man meinen, wären da nicht die hervorragenden Streicher der Bochumer Symphoniker, die mit gelungenen Übergängen (Regie: Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons, Dramaturgie: Michael Eickhoff und Jeroen Versteele) einzelne Passagen aus Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 c-moll virtuos präsentieren und damit nicht nur Worte für die damalige Zeit sprechen lassen. Mit Stalins Tod endet die erste Hälfte des Abends thematisch. Sachiko Haras aufwühlende Interpretation von Sofia Gubaidulinas Chaconne (1963) am Flügel schlägt zuletzt eine Brücke zwischen der Musik der alten Sowjetunion bis in die heutige Zeit.

Tom und Jerry mit 12-Ton-Musik

Die zweite Hälfte kommt lockerer und pointierter daher: Die Fokussierung auf eine Person, die noch den ersten Teil strukturierte, wird nun abgelöst durch einen polyperspektiven Zugang, was mehr Tempo in die Lesung bringt. Hanns Eisler (Andreas Beck) berichtet von seiner Flucht nach Mexiko, der Unterstützung von Eleanor Roosevelt (Julia Schubert) und seiner Kritik an der amerikanischen (Kultur-)Politik („moderne Komponisten sind Luxuswerkzeuge des kapitalistischen Systems“), Aaron Copland (Bettina Lieder) spricht von seiner Annäherung an den Kommunismus und lässt das Ensemble herrlich ruppig Into the Streets May First (von Copland und Alfred Hayes) vortragen und Andreas Beck beschreibt als Arnold Schoenberg sein Leben in Hollywood. Spätestens hier wird es wirklich unterhaltsam – da es durch den Krieg keine Kunstförderungen des Federal Art Project mehr gab, suchten die Komponisten Arbeit in Hollywood und fanden sie, dank des Übergangs zum Tonfilm, ohne Probleme. Nun hören wir viele Schlagabtausche über unterschiedliche Arbeitsprozesse, Kommentare über den Wert von Musik im Film (Aaron Copland: „Musik ist wie eine kleine Flamme, die man unter die Leinwand stellt, um sie warmzuhalten“) und Debatten u. a. von Walt Disney (Carlos Lobo) und Igor Strawinsky (Julia Schubert), die sich bei ihrer Arbeit am Film Fantasia in die Haare kriegten. Wir erfahren, wie Arnold Schoenbergs 12-Ton-Musik Scott Bradleys (Uwe Schmieder) Untermalung von Tom and Jerry beeinflusste und erleben auch die direkte Umsetzung auf der Leinwand.

"The Rest is Noise" in Dortmund im Rahmen der Ruhrtriennale Foto: Christoph Sebastian

„The Rest is Noise“ in Dortmund im Rahmen der Ruhrtriennale Foto: Christoph Sebastian

Charlie Chaplin, der Komponist

Viele weitere kleine Anekdoten werden an diesem Abend durch Briefe, Zitate und Zeitungsartikel zum Besten gegeben. Dabei ist auffällig, dass die Erzählungen trotz des musikalisch komplizierten Hintergrunds und der historischen Fakten stets zugänglich sind – hier ist also ein großes Lob an den Dortmunder Dramaturgen Michael Eickhoff und den Ruhrtriennale-Dramaturgen Jeroen Versteele auszusprechen, zumal an Rossʼ Buch die oft zu blumige und daher manchmal nicht fassbare Sprache kritisiert wurde:

„[…] je mehr man in die Gedanken- und Ausdruckswelt von Alex Ross eintaucht, desto deutlicher wird erkennbar, wie sehr sich dieser kluge Kopf von seiner überquellenden Phantasie, seinem Hang zu schmückenden Beiwörtern und seiner gelegentlichen Scheu vor präzisen Aussagen zu einer üppigen Sprache gedrängt fühlt, die den Sachverhalt nur allzu gern zugunsten einer hübschen Pirouette beugt.“ (Wolfgang Sandner in der FAZ)

Bevor der Abend mit einem Ausschnitt aus Charlie Chaplins Modern Times endet, berichtet Bettina Lieder, diesmal als Ray Rasch, von Charlie Chaplin als Komponist, der keine Noten lesen konnte und seinen Kollegen stattdessen die Melodien vorsummte. Das letzte Zitat hat jedoch dessen Kollege Russ Garcia (Uwe Schmieder), der bei den Academy Awards versehentlich übergangen wurde, aber als alter Mann nicht nachtragend ist: „Mit 92 bin ich eher auf die Zukunft konzentriert.“ Mit diesen Worten darf man sich schon auf die nächste Etappe in Oberhausen freuen, in der es um die Musik von u. a. Olivier Messiaen, Pierre Boulez und John Cage geht.

 

Informationen zur The Rest is Noise-Reihe
 
Weitere Lesungen:
04. Februar: Theater Oberhausen
17. März: Theater an der Ruhr
07. April: Schauspielhaus Bochum

 

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