Fantastische Satire eines Misanthropen

Jonathan Swift: Gullivers Reisen. Cover: Manesse

Ein satirisches Werk als Generalabrechnung mit seinen Landsleuten, religiösen Streitereien und der menschlichen Selbstsucht inklusive mangelnder Empathie – harter Tobak für ein Werk, das vielen heutzutage lediglich als Kinderbuch in Erinnerung geblieben ist. Gelungen ist dieses Kunststück Jonathan Swift mit der Kreation von pseudoutopischen und dystopischen Welten, in der er seiner Fantasie – und seiner Wortgewalt – freien Lauf lässt und so Alt und Jung mit seinem Werk Gullivers Reisen seit Jahrhunderten begeistert, welches nun als Jubiläumsausgabe zum 350. Geburtstag Swifts erschienen ist.

von THOMAS STÖCK

Gullivers Reisen zählt zu den Werken der Weltliteratur, die schon zu Zeiten ihrer Publikation ein solches Echo ausgelöst haben, dass es sich über die Landesgrenzen hinweg größter Beliebtheit erfreute. Heutzutage hat Jonathan Swifts Hauptwerk dessen eigenen Ruhm überschritten und vielen Lesern ist diese Erzählung aus Kindertagen in guter Erinnerung geblieben. Aber hinter der Fassade von putzigen Kleinstwüchsigen und den Schrecken einer überdimensionierten Welt voller Gefahren für einen ‚Normal‘-Gewachsenen steckt eine bis ins kleinste Detail hineingearbeitete Kritik an der zeitgenössischen Welt Swifts. Durch den Blick seines Protagonisten Lemuel Gulliver, der selbst vor allerlei Unglück nicht gefeit ist, geraten das englische Königreich und seine Politik fortlaufend in Verruf. Doch der Reihe nach.

Lemuel Gulliver ist ein reiselustiger Wundarzt aus dem britischen Empire, der seine Familie für eine Anstellung auf einem Schiff verlässt. Dieses manövriert geradewegs in einen Sturm und Gulliver überlebt als Einziger das Unglück. Er strandet auf einem kleinen Eiland, völlig entkräftet übermannt ihn der Schlaf. Wieder aufgewacht entdeckt er, dass seine Arme und Beine „fest an den Boden geheftet waren“. Durch Herumblicken bemerkt Gulliver Menschen, die zwölfmal so klein sind wie er selbst. Seine Kooperation mit den Fremdlingen verschafft ihm Vertrauen und Ansehen bei den Eingeborenen der Insel Liliput, sodass er zur Attraktion für die schaulustigen Winzlinge gerät.

Neugierde und Misstrauen

Die beiderseitige Neugierde stillt Gulliver in zahlreichen Konversationen, in denen er das politische System der kleinen Insulaner und dessen Eigenheiten genauestens inspiziert und mit dem seiner Herkunftsnation vergleicht. Die für unsere Zeit kaum mehr verständlichen Bezüge zu Politik, Religion und Alltagsgeschehnissen erklären die reichhaltigen Anmerkungen im Anhang, sodass auch dem heutigen Leser ein Lächeln entlockt wird, wenn sich Rundendler und Spitzendler bekriegen, wer von ihnen das Ei auf der richtigen Seite aufschlägt. Hierbei allegorisiert Swift den Kampf zwischen katholischer und protestantischer Kirche – deren blutiger Kampf im dreißigjährigen Krieg sowie im Bürgerkrieg zwischen Anglikanern und Puritanern in bester Erinnerung war. Das Unverständnis einer äußeren Perspektive auf bestehende Konflikte, die aus dem Nichts geboren scheinen, hat wohl bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Gulliver fristet seine Tage auf der Insel außerdem mit diversen Abenteuern, bei denen er unter anderem einen Häuserbrand durch Urinieren löscht. Hiermit erregt er den Zorn der Königin des Eilands, sodass ihm für besagtes Vergehen mit dem Tode gedroht wird. Das ihm entgegengebrachte Misstrauen, das Gulliver nie auszumerzen imstande ist, zwingt ihn zur Flucht in den Nachbarstaat Blefuscu, aus dem er schließlich die Heimreise antritt. Diesen Reiseablauf unter veränderten Vorzeichen wiederholt Gulliver im Anschluss drei weitere Male, sodass er neben den Liliputanern auch die Riesen von Brobdingnag, die Gelehrten auf der schwebenden Insel Laputa sowie die Bewohner Balnibarbis, Luggnaggs, Glubbdubdribs und Japans kennenlernt und ihm zuletzt vernunftbegabte Pferde mit dem onomatopoetischen Namen Houyhnhnms (laut Anmerkungen „whinnims“ gesprochen) begegnen. Nirgendwo wird Gulliver heimisch, die finale Reise ins Land der Pferde entfremdet ihn gar so mit den „Yahoos“, also den Menschen, dass Gulliver bei seiner Heimkunft seine ehemals geliebte Familie kaum mehr ertragen kann und seine Tage mit der Erinnerung an die klugen Tiere verlebt.

Adaption der Zeitgenossen, Wegweiser für die Nachfahren

Swift bedient sich bei seiner Erzählung am Vorbild der Robinsonade, die sich, durch Daniel Defoe begründet, im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute und mit der Entdeckung neuer Welten schier unglaubliche Geschichten aufbot, in die sich Swifts fantastische Wesen wunderbar einreihen. Gleichermaßen einflussreich ist Thomas Morus, auf dessen Utopia Swift sogar anspielt. Zwischen Utopie und Dystopie bewegen sich auch die Inselwelten, die allesamt ihre eigenen Schwächen haben – auch die Houyhnhnms sind keineswegs so unfehlbar, wie Gulliver sie darstellt. Ihre Gesellschaft verharrt in einem Zustand von „prähistorischer Primitivität“ und der „Ablehnung zivilisatorischen Fortschritts“; hinzu kommt die Naivität der Pferdewesen, die nicht nachvollziehen können, wozu Waffen benötigt werden und wie Kriege entstehen können – die Houyhnhnms bewegen sich offensichtlich fernab der Realität, wie eben auch Gulliver selbst.

Insbesondere für seine Zeitgenossen musste Swift verdeutlichen, dass die Idealgesellschaft der Houyhnhnms nicht seinen eigenen Vorstellungen entspricht. Dies betont Swift durch vermeintliche Authentizitätsnachweise, die den fiktiven Charakter von Gullivers Reisen herausstellen und durch den Anmerkungsapparat in den Blickpunkt gerückt werden. So zitiert Gulliver im letzten Kapitel seiner Erzählung aus der Aeneis. Die Stelle übersetzt sich ins Deutsche wie folgt: „Wenn das Glück auch elend den Sinon gemacht hat, / Soll ihn das Böse jedoch nicht unwahr und lügnerisch machen.“ Welch hochtrabende Worte, die den Leser von der Aufrichtigkeit des Erzählers überzeugen könnten – wäre da nicht die Tatsache, dass Sinon mit dieser Lüge die Trojaner dazu bringt, das hölzerne Pferd in ihre Stadt zu ziehen. Swift stellt seine Figur mit Sinon auf eine Stufe, wodurch er Distanz zwischen sich und dem weltabgewandten Menschenfeind Lemuel Gulliver schafft.

In Gullivers Reisen münden jedoch nicht nur die literarischen Strömungen vergangener Tage, das Werk selbst ist reichhaltiger Quell für Künstler bis in die heutige Zeit hinein. So erinnert die Episode, in der Gulliver von einem riesigen Affen entführt und auf ein Gebäude verschleppt wird, stark an King Kong, dessen filmisches Debüt vielleicht von Swifts Erzählung inspiriert wurde. Gleichermaßen ikonisch erfolgt die Beschreibung riesenhafter Läuse aus Brobdingnag, deren ekelerregende Körper genauso gut Vorlage eines Drehbuchs sein könnten. Die Fantasien Swifts begeistern auch Jahrhunderte nach ihrem ersten Erscheinen und ergänzen sein Werk um moderne Interpretationen, sodass die Lektüre seines Werks gar an Tiefgang hinzugewinnt.

Die Kunst satirischer Bloßstellung

Swifts Meisterschaft gründet gleichermaßen auf den Pfeilern seines Erfindungsreichtums wie seiner Eloquenz, mit der seine bitterbösen Kommentare ausgestattet sind. So lässt er die in der Wissenschaft bewanderten Einwohner Balnibarbis das Herantragen von bürgerlichen Begehren an Politiker folgendermaßen empfehlen: „[D]erselbe Dozent [machte] den Vorschlag, dass jeder, der bei einem Premierminister vorstellig werde, sein Anliegen mit äußerster Kürze und in den einfachsten Worten vorbringen und den besagten Minister alsdann, um der Vergesslichkeit vorzubeugen, zum Abschied an der Nase ziehen“ und Schlimmeres mit ihm tun sollte. Über die Herausforderungen, einen so herausragenden Originaltext zu übersetzen, gibt Übersetzerin Christa Schuenke anschließend an die Erzählung Auskunft: „[D]iese Neuübersetzung [ist] ein vom Literaturdeutsch des 18. Jahrhunderts inspirierter Versuch, den historischen Sprachstand aufscheinen zu lassen“, eine Kunstsprache also. Durch sie gelingt der Spagat einer historisierenden Übersetzung, bei der die rhythmisch angeordneten Worte keine Stolpersteine bilden, sondern einen Satzfluss generieren, der heutigen Lesern leicht von den Lippen geht. Komplettiert wird das Werk durch ein Nachwort Dieter Mehls, der den genialen Satiriker und sein Werk porträtiert und so den Geist des Werks final konzentriert. Zum 350. Geburtstag Swifts ist somit eine Ausgabe erschienen, die das Erbe eines Misanthropen mit Hang zur Nächstenliebe zum Lesevergnügen werden lässt.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen. Aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke. Nachwort von Dieter Mehl
Manesse Verlag, 704 Seiten
Preis: 28,00 Euro
ISBN: 978-3-7175-2078-8

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s