Persische Politromanze

Verdis "Nabucco" an der Oper Dortmund Foto: Thomas Jauk, Stage Picture

Verdis „Nabucco“ an der Oper Dortmund Foto: Thomas Jauk, Stage Picture

Mit Verdis Nabucco verabschiedet sich Opernintendant Jens-Daniel Herzog nach sieben Spielzeiten fulminant vom Dortmunder Publikum. Der Abend überzeugt nicht nur musikalisch. Herzog verlegt die sprunghafte Opernhandlung aus dem Babylon und Jerusalem des 6. Jahrhunderts v. Chr. klug in die Islamische Revolution um 1980 – und erntet für seine Regie völlig zu Unrecht so manche Buhrufe von den Premierengängern.

von ANNIKA MEYER

Die Oper Nabucco, die den Freiheitskampf des jüdischen Volkes gegen die tyrannische Fremdherrschaft des babylonischen Königs Nebukadnezar II. thematisiert, brachte Giuseppe Verdi 1842 den ersehnten Durchbruch als Bühnenkomponist, lässt aber aus musikalischer und dramaturgischer Sicht noch ein wenig von Verdis Genialität seiner „Trilogia popolare“ oder gar seines Spätwerks vermissen. Die Handlung springt zwischen den Juden in Jerusalem und dem babylonischen Palast hin und her, die reine Musik scheint zum Teil ruppig und hektisch und bildet einen starken Kontrast zu den pompösen Chorpartien, die diese Oper in einigen Teilen dominant durchziehen.

Regisseur Jens-Daniel Herzog zeigt den Kampf um Macht und Freiheit sowohl ganzer religiöser und politischer Gruppierungen als auch von Einzelpersonen nicht mehr im historischen bzw. biblischen Setting: Stattdessen sehen wir schon während der Ouvertüre, wie der König Nabucco als Staatschef vom Schreibtisch aus statt auf dem Thron regiert, seine Töchter Abigaille und Fenena um das Herz des Juden Ismaele konkurrieren und jüdische Vertreter bei einem Empfang am persisch anmutenden Hof erst von Nabucco und seiner Armee begrüßt und anschließend eingesperrt werden. Sowohl das detailverliebte Bühnenbild (Mathis Neidhardt), das durch die Drehbühne die verschiedenen Handlungsorte wunderbar nebeneinanderstellt und bespielen lässt, als auch die Kostüme (Sibylle Gädeke) und Frisuren in Siebzigerjahre-Optik bestätigen, dass hier die Geiselnahme in der US-Botschaft Teherans 1979 als Setting genutzt wird.

Zwischen Politik, Glaube und Liebe

Und dieses Konzept funktioniert: Auch wenn die Handlung weiterhin sprunghaft bleibt zwischen den gefangenen Juden um den Hohepriester Zaccaria und nur scheinbar religiösen Machtkämpfen der aufständischen Babylonier um Abigaille, die – als Sklaventochter von ihrem vermeintlichen Vater Nabucco und von Ismaele als Frau verschmäht – ihren Vater absetzen und sich an dessen Lieblingstochter und Ismaeles Geliebten Fenena rächen will, so gibt doch wenigstens die suggerierte Einheit des Ortes nicht nur Struktur, sondern ermöglicht auch den nötigen „Fluss“ , den die Oper braucht, um den Faden nicht zu verlieren. Auch die „Makel“ Verdis bzw. seines Librettisten Temistocle Solera werden zum Teil korrigiert: Die Handlung wird politisiert und dadurch drastischer, was glücklicherweise von den Liebesplänkeleien um Ismaele und Fenena, die den Konflikt banalisieren, ablenkt und die Frage nach der Legitimität des Machterhalts und -erwerbs betont. Viele Parallelen können zwischen der biblischen Geschichte aus der vorchristlichen Zeit und dem sogar bereits verfilmten Ereignis von 1979 gezogen werden, auch wenn die Oper in Dortmund, anders als bei Verdi und in Teheran, blutig endet. Denn Verdis Finale will auf ein Happy End hinaus, das weder im Handlungsverlauf einleuchtend noch der Drastik der Geschehnisse ansprechend ist. Bei Herzog tötet eine Maschinengewehrsalve alle Juden – die Versöhnung der Völker und die Rettung Fenenas bleiben eine Traumvision des sterbenden und erniedrigten Nabuccos, der hier – wunderbar inszeniert – im Rollstuhl am Bühnenrand sitzt.

Verdis „Nabucco“ an der Oper Dortmund Foto: Thomas Jauk, Stage Picture

Göttliche Stimmen und himmlisches Dirigat

Auch wenn dem Premierenpublikum die Regie teilweise nicht zugesagt haben mag, so herrscht beim starken Schlussapplaus doch Einigkeit über die musikalische Qualität des Abends vor. Die Dortmunder Philharmoniker unter Dirigent Motonori Kobayashi bringen eine beeindruckende Komplexität in Verdis Frühwerk zum Ausdruck und überzeugen vor allem in den langsamen und ruhigen Passagen, bestechen aber z. B. auch mit „zynischer“ Beschwingtheit, als der verwirrte Nabucco das Todesurteil für die Juden und damit für seine konvertierte Tochter Fenena unterschreibt. Almerija Delic als Fenena und Thomas Paul als Ismaele können nicht nur gesanglich, sondern vor allem auch spielerisch glänzen. Der Chor und Extrachor des Dortmunder Theaters (Leitung: Manuel Pujol) sind stimmlich ebenso eine Wucht wie Sangmin Lee in der Titelrolle, der sowohl den Tyrannen als auch den liebenden Vater überzeugend wiedergibt. Überstrahlt werden sie wohl nur von Gastsopranistin Gabrielle Mouhlen, die der Rolle der Abigaille stimmlich und darstellerisch eine eindrucksvolle Bandbreite und Komplexität verleiht und auf die man sich ab der nächsten Spielzeit als festes Ensemblemitglied des Essener Aalto-Theaters freuen kann. Und so bleibt am Ende zwar kein selig-beschwingtes Freudengefühl ob der Versöhnung zerstrittener Völker, aber die Gewissheit, eine rundum gelungene Abschiedsinszenierung des scheidenden Intendanten erlebt zu haben.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Freitag, den 16. März 2018
Donnerstag, den 22. März 2018
Sonntag, den 25. März 2018

 

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