Weiße Westen, Persil sei Dank

"Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

„Darum lasst uns hier eine Stadt gründen. Und sie nennen Mahagonny. Das heißt: Netzstadt.“ Während die neu gegründete Stadt Mahagonny mitten im amerikanischen Nirgendwo ihr Netz auswirft und immer neue Bewohner einfängt, kann Jan Peters Inszenierung von Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen nur wenige Premierenbesucher fesseln. Weit entfernt von frenetischem Applaus, klatscht das Publikum eher höflich. Etwas euphorischer hätte es jedoch reagieren dürfen, zeigt das MiR doch ein mutiges Stück, in einer Inszenierung, die gern noch etwas mutiger hätte sein dürfen. 

von STEFAN KLEIN

Witwe Begbick (Almuth Herbst), Fatty (Petra Schmidt) und Dreieinigkeitsmoses (Urban Malmberg) werden steckbrieflich gesucht. Als ihre Flucht auf Grund einer Reifenpanne inmitten der amerikanischen Einöde abrupt endet, beschließen sie, eine Stadt zu gründen. Mahagonny soll ein Paradies vor allem für Männer sein, die das nötige Kleingeld in der Tasche haben. Es geht ums Vergnügen: Der Alkohol ist günstig und Prostitution gehört zum guten Ton. Dem können auch vier Holzfäller aus Alaska nicht widerstehen. Paul Ackermann (Martin Homrich), Jakob Schmidt (Tobias Glagau), Sparbüchsenheinrich (Petro Ostapenko) und Alaskawolfjoe (Joachim G. Maaß) begeben sich mitten in den paradiesisch anmutenden Sog der neuen Stadt.

Schnell langweilt sich Paul Ackermann, findet er im vermeintlichen Paradies doch mehr Verbote, als bei der Prämisse der Stadt zu erwarten war. Angesichts eines bevorstehenden Wirbelsturms, der Kurs auf Mahagonny nimmt, rebelliert Ackermann und ruft ein neues Gesetz aus: Du darfst! Das eh schon ausufernde Leben der Bewohner Mahagonnys wird noch wilder, womit der im Titel genannte Fall der Netzstadt nicht mehr zu stoppen ist.

Erstaunlich wenig Blut, erstaunlich viele Würstchen

Während Bertolt Brechts Libretto keine Auskunft über den Grund der Verfolgung der drei Stadtgründer gibt, macht Regisseur Jan Peter keinen Hehl um seine Interpretation des Verfolgungsgrunds. Witwe Begbick, gekleidet wie Calamity Jane mit einer Wehrmachtsmütze, Dreieinigkeitsmoses, ein stereotyper SS-General mit Adiletten und Tennissocken, und Fatty, das Abziehbild einer Heimatfilm-Mutter mit geflochtenem und aufgetürmtem blondem Haar, sind flüchtige Nazis, die versuchen, in der Ferne ihre Weste reinzuwaschen. Peter stellt gemeinsam mit Kostümbildnerin Anna Maria Münzner und Bühnenbildnerin Kathrin-Susann Brose sicher, dass auch wirklich jeder im Publikum verstanden hat, dass es sich um NS-Verbrecher handelt, die dort auf der Bühne agieren. Dies mag auf den ersten Blick plakativ und sogar plump anmuten, ist letztlich jedoch nur konsequent und verdeutlicht gelungen die Groteske der Figuren und der gesamten Situation. Aus der Wild-West-Idee des Ursprungstextes macht das Gelsenkirchener Regieteam so ein entlarvendes Bild des oftmals verlogenen Nachkriegsdeutschlands.

Um das „Deutschsein“ der Gaunerstadt Mahagonny noch mehr in den Vordergrund zu stellen, waschen die Flüchtigen ihre Wäsche mit Persil strahlend weiß, essen zu jeder Gelegenheit Würstchen und ein Trachten tragendes Schwarzwälder Folkloreduo untermalt eine Szene mit Zither und Akkordeon. Und wieder: Es scheint plakativ und unnötig, erweist sich jedoch in seiner Konsequenz als sehr guter Einfall.

Etwas mehr Drastik hätte man sich bei der Explizität der Szenen gewünscht. Mehr als eine Person segnet im Laufe der Oper das Zeitliche. Während die Todesursachen alle durchaus kreativ sind, wirken die Ausführungen ein wenig zu brav. Fatty nutzt zwar jede Gelegenheit, um genüsslich etwas Blut zu trinken, Körperteile werden jedoch relativ blutarm hinter einem Sichtschutz abgetrennt.

Eine der komischsten Szenen ist dennoch eine Todesszene. Jakob Schmidt überfrisst sich an vom Himmel herabfallenden Würstchen. Mehr von dieser an Roald Dahl erinnernden Absurdität hätte der Inszenierung gut getan.

"Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ am Musiktheater im Revier Foto: Karl und Monika Forster

Motivierte Stimmen vor unmotiviertem Orchester

Es bereitet große Freude, Almuth Herbst in ihrem Wild-West-Outfit als Witwe Begbick über die Bühne springen zu sehen. Und auch Petra Schmidt hat sichtlich Spaß daran, ihrer Interpretation von Fatty eine gewisse Diabolik zu geben. Stimmlich lässt sich über keinen der Solisten etwas Negatives sagen, sogar die deutsche Übertitelung hätte man sich sparen können.

Publikumslieblinge des Premierenabends sind eindeutig Anke Sieloff und Martin Homrich als Jenny Hill und Paul Ackermann. Die Prostituierte und der Holzfäller bilden auch das Paar mit der größten emotionalen Tiefe, sodass sie eine Verbindung zum Publikum herstellen können. Hilfreich ist sicher auch, dass Anke Sieloff mit Moon of Alabama einen wahren Schlager singt, dessen Melodie sich fast als einzige des Abends gefällig in die Ohren legt. Der musikalische Leiter Thomas Rimes schafft es leider nicht, die Neue Philharmonie Westfalen aus ihrer Reserve zu locken, und so klingen vor allem die jazzig gedachten Stücke in Weills Partitur, als würden sie mit angezogener Handbremse gespielt.

Je nach Geschmack kann der Inszenierungsstil zu plakativ oder zu wenig gewagt wirken. Der Grundcharakter des Abends ist aber stimmig, und so bietet das Musiktheater im Revier denen, die nicht vor sperriger Musik zurückschrecken, dennoch einen unterhaltsamen Abend.

 

Informationen zur Inszenierung
 
 
Nächste Vorstellungen:
 
Samstag, der 2. Februar
Donnerstag, der 14. Februar
Freitag, der 22. Februar

 

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