Über die Spielarten des Lebens

Valeria Parrella: Versprechen kann ich nichts; Cover: Hanser Verlag

Wie würden Sie Ihre Jugend beschreiben? Vielleicht mit dem Gefühl von grenzenloser Freiheit und großem Tatendrang? Mit ihrem zweiten Roman Versprechen kann ich nichts nimmt die italienische Autorin und Dolmetscherin Valeria Parrella den Leser mit hinter die vergitterten Fenster eines Jugendgefängnisses in Neapel und eröffnet tiefe Einblicke in eine paradoxe Gesellschaft und die Mutterliebe zu einem fremden Kind.

von THEOPHIL LAPPE

Zugegeben, aller Anfang ist schwer. Doch es wird belohnt werden, wer sich erstmal damit arrangiert hat, dass der Roman zwischen einem Pro- und einem Epilog lediglich ein einziges Kapitel mit dem Titel „Almarina“ aufweist. Die Einteilung in Kapitel mag zwar ein sehr beliebtes Mittel zur Strukturierung des Romans sein, doch Parrella zeigt, dass große Literatur nur den eigenen Regeln zu folgen hat. Zwischen zwei Szenen fällt der Leser dann plötzlich aus dem Text heraus, einen Absatz hinunter und landet ein paar Zeilen orientierungslos stolpernd in einer anderen Umgebung. Dass die namentliche Nennung der Sprechenden schlicht fehlt und Personenbeschreibungen nur knapp oder ganz ausfallen, erschwert das Zurechtfinden zwar zusätzlich, doch so treten Parrellas Figuren höflich hinter die oft philosophischen Aussagen zurück und ihr Erzählstil gewinnt die Unmittelbarkeit eines Bewusstseinsstroms á la Joyce.

Wer ist hier der Gefangene?

Die Protagonistin und Lehrerin Elisabetta Maiorano nimmt als Ich-Erzählerin den Leser an die Hand und zeigt den Schulalltag auf Nisida, dem schwimmenden Jugendgefängnis in der Bucht von Neapel. Wer jetzt an die typischen Gefangenendramen wie Der Graf von Monte Christo, Papillon oder Sleepers denkt, wird enttäuscht werden. Vielmehr zeichnet Parella die Heterotopie des Gefängnisses weitgehend als unfreiwilligen Zufluchtsort und als Weg in ein besseres Leben für kaputte Produkte einer kaputten Gesellschaft. „Während ich auf die Panzerglasscheiben zugehe, spüre ich, dass ich mich endlich losmachen werde von diesem zermürbenden Leben, das mir zugefallen ist. […] Wie jeder, der nach Nisida kommt, bin ich wieder frei, wieder Kind.“ Elisabettas Schüler wurden in eine Spirale der Gewalt hineingeboren. So sitzt in ihrem Klassenzimmer zwischen jungen Mitgliedern der lokalen Mafia auch Almarina, die vor ihrem übergriffigen und gewalttätigen Vater aus Rumänien geflohen ist und in Italien wegen eines Diebstahls verhaftet wurde. Die verwitwete Elisabetta fühlt sich direkt zu Almarina hingezogen, die Begegnung soll für beide einen Wendepunkt bedeuten.

Versprechen kann ich nichts erzählt exemplarisch, dass jeder von uns auf die eine oder andere Weise unfrei und sogar gefangen ist. Dafür braucht es keine Gefängnismauern. Es ist der Zufall der Geburt, der uns bestimmte Lebenswege vorgibt und andere vorenthält. Aber auch Schicksalsschläge können einen Menschen in seiner Lebensführung einschränken. Die Protagonistin ist nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes über Jahre hinweg in tiefer Trauer. Als kurzfristiges und bedenkliches Bewältigungsinstrument konsumiert Elisabetta Alkohol und Schlaftabletten. Zwischen durchwachten Nächten, Gedanken-kreisen-Lassen und vermeintlich erlösender Betäubung klammert sich die Lehrerin an die Vergangenheit und ein Hätte-sein-Können. Paradoxerweise erfährt sie hinter den Gefängnismauern eine unerwartete Freiheit. Im starren System des strengen Gefängnisalltags hat sie ihren festen Platz, sie funktioniert und nimmt ihr gegenwärtiges Leben bewusster wahr.

Die nüchterne Insassenakte als Pop-up-Buch

Besonders bildgewaltig erzählt Parrella den Blick in Almarinas Akte. Diffuse Fetzen einer Szene erzeugen ein verschwommenes Bild, doch gerade die Kombination aus scheinbar zufälligen Details und den erzählerischen Lücken macht diese großartige Stelle zu einer Speerspitze des ganzen Romans. „Aus Almarinas Akte erheben sich Berge mit sanft lautenden Endungen, Postâvarul, Peleaga: Es ist Sommer, man arbeitet auf den Feldern, unsere Zehenkuppen stürzen entlang eines Wildbaches ins Tal.“ Almarinas Erfahrungen und ihr Trauma werden jedoch nicht explizit geschildert. Das wäre auch überhaupt nicht möglich, denn die Welt der Bürokratie ist im Roman ebenfalls eine Heterotopie und lässt den Blick auf die Wirklichkeit nur verzerrt zu. So kommt der Leser aber auch nicht in Versuchung, sich ein abschließendes Urteil bilden zu können. Er kann die Leerstellen mit eigenen Erfahrungen und Empathie füllen. Die Vergangenheit bleibt stets etwas näherungsweise Rekonstruiertes, der Weg in ein neues, besseres Leben ist alles andere als klar. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch der Titel des Romans seine Bedeutung. In Versprechen kann ich nichts wird das Leben als etwas Unkalkulierbares skizziert, zwar besitzt das Individuum Einflussmöglichkeiten, doch hat man niemals die absolute Gewissheit. Gerade das macht jedoch erst den Reiz des Lebens aus.

Parrellas Erzählstil vermag genau das einzufangen. Der Bewusstseinsstrom, das Erzählen scheinbar ohne roten Faden, Rückblicke, Zeitsprünge und Überblendungen, all das spiegelt die Spielarten des Lebens treffend wieder. Insgesamt erscheint der Roman so als ein authentischer Einblick in das Leben der Anderen. Der Leser kommt ganz automatisch in ein Sich-Vergleichen und wird von der Betrachtung der Analogien und Unterschiede in seiner eigenen Lebensführung bereichert.

Valeria Parrella: Versprechen kann ich nichts. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Carl Hanser Verlag, 137 Seiten
Preis: 19,00 Euro
ISBN: 978-3-446-26919-4

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