Der Bankrott des Klischees

Jonas Lüscher - Frühling der Barbaren   Cover C.H. BeckJonas Lüscher lässt in seinem Debüt England untergehen und die Gattung der Novelle auferstehen. Traditionell konstruiert, besteht Frühling der Barbaren aus einer Rahmen- und einer Binnenerzählung, geht als Darstellung einer „sich ereigneten unerhörten Begebenheit“ (Goethe) aber nicht über eine stereotype Inszenierung vermeintlicher Ursachen und Folgen eines fiktiven Staatsbankrotts des Vereinigten Königreichs hinaus.

von KATJA PAPIOREK

Zwei Patienten einer psychiatrischen Anstalt spazieren durch den Klinikpark: der namenlose Ich-Erzähler (Diagnose: „ordinäre Depression“) und Preising, der Erbe eines Unternehmens für Telekommunikationstechnologie (Diagnose: noch ohne „richtige psychopathologische Bezeichnung“, aber „behandlungsbedürftig“). Letzterer erzählt gerne Geschichten, die zwar nicht immer wahr sind, dafür aber angeblich eine Moral enthalten. Nun kündigt er eine Geschichte an, „aus der sich etwas lernen lässt. Eine Geschichte voller unglaublicher Wendungen, abenteuerlicher Gefahren und exotischer Versuchungen.“ Doch was folgt, ist eine klischeeüberfrachtete Aneinanderreihung von Begebenheiten, deren Zusammenhang mit dem vermeintlich im Zentrum des Textes stehenden Staatsbankrott Englands und dessen Folgen mehr als fraglich bleibt.

Neutrale Handlungsverweigerung

Da ist Preising, der das geerbte Unternehmen längst nicht mehr leitet, sondern allenfalls noch repräsentiert und sich dadurch auszeichnet, dass er zwar alle Ereignisse beobachtet, aber keinesfalls handelnd eingreift. Er ist folglich Schweizer. Von seinem Prokuristen Prodanovic (aus dem Balkan stammend repräsentiert er seiner Meinung nach die „Verkörperung der Instabilität“) wird er in den Urlaub nach Tunesien geschickt, damit er bei wichtigen unternehmerischen Entscheidungen nicht im Weg steht. Bei dieser Gelegenheit soll Preising dann auch gleich ein paar Besuche bei (potenziellen) Zulieferbetrieben machen. So landet er zunächst im Haus von Moncef Daghfous, der ihm anbietet, die erforderlichen CBC-Schaltungen besonders günstig anzufertigen – der Kinderarbeit sei Dank! Als Preising nicht sofort einwilligt, lässt Daghfous seine sechs Töchter antreten, aus denen der Gast nun frei wählen könne. Doch eine Explosion im Phosphatwerk, bei der Daghfous buchstäblich den Kopf verliert, rettet Preising aus dieser Situation.

Party-People und Finanzkrise

Es folgt ein Treffen mit Daghfous stärkstem Konkurrenten Slim Malouch. Dieser gibt Preising in die Obhut seiner Tochter Saida und lädt ihn zu einem Aufenthalt in einem luxuriösen Ferienresort in der Oase Tschub ein, das sich im Besitz der Familie befindet. Die Anlage ähnelt „dem, was sich der von der Marktforschung errechnete typische Tunesientourist der Premiumklasse unter einer typischen Berbersiedlung vorstellte“ – da überrascht es kaum noch, dass sie den Namen Thousand and One Nights trägt. Hier trifft Preising auf eine etwa 70 Personen umfassende Hochzeitsgesellschaft. Größtenteils Ende zwanzig, Anfang dreißig belagert die Gruppe laut, selbstbewusst, halbnackt und alkoholfreudig Pool, Speisesaal und Spa, scheucht das Personal herum und übergibt sich in den Palmenhain – um direkt danach wieder an die Bar zurückzukehren. Natürlich handelt es sich um Engländer, um „junge Talente des Londoner Finanzplatzes“, die schnell als Verursacher der bevorstehenden Katastrophe ausgemacht werden: „Das wird kein gutes Ende nehmen […]. Diese Kinder… Sie werden uns alle in den Abgrund reißen.“

Kamele und die Weltliteratur

Preising freundet sich mit den Eltern des Bräutigams an – eine Bekanntschaft, die wohl in erster Linie die Anwesenheit des Unternehmers bei der Hochzeit rechtfertigen soll. Es folgt eine Reihe von Schilderungen kleinerer Episoden aus dem (Seelen)Leben der anwesenden Hochzeitsgäste und der Angestellten des Ferienparadieses: Pippa, die Mutter des Bräutigams, die sich von ihrem Sohn entfremdet fühlt und der verstorbenen Tochter nachtrauert; ihr Mann Sanford, ein Soziologieprofessor, der sich mit Vorliebe auf gefährliche Abenteuer einlässt; der verdorbene Magen der Brautmutter; Preisings und Sanfords Flucht vor dem Bademeister Rachid, der wegen eines traumatischen Ereignisses in seiner Vergangenheit das Wasser scheut; ein Kamelführer in Manchester United – Trikot, der sich an Schalentieren überfrisst und deshalb die Katastrophe verschläft.

Auch Verweise auf die Größen der Weltliteratur dürfen nicht fehlen. So war die verstorbene Schwester des Bräutigams eine Verehrerin W.G. Sebalds, Preising versucht, Saida in ein Gespräch über Nabokovs Schmetterlinge zu verwickeln und geht Entscheidungen beim Ankleiden aus dem Weg, indem er „im Kopf die Anzahl der Circonflexe in der Originalfassung von Prousts Madeleinesequenz zu ermitteln“ versucht. Da sind durchaus einige amüsante Einfälle dabei, aber insgesamt sind das zu viele Details, zu viele kleinere Geschichten, die den Vorlauf zu der eigentlichen unerhörten Begebenheit unnötig verlängern, ohne wirklich mit ihr in Verbindung zu stehen. Völlig unmotiviert erscheinen deshalb auch die immer wieder einfließenden Bemerkungen zum bevorstehenden Staatsbankrott.

Was fehlt noch zu einer Geschichte, die in einem Wüstenstaat angesiedelt ist? Richtig: Kamele! Die werden von Touristen rücksichtslos über den Haufen gefahren, ersetzen die Hochzeitskutsche, gelten gefüllt als kulinarische Köstlichkeit, schwitzen stoisch vor sich hin und steigen gar zum Leitmotiv der Geschichte auf. Jedenfalls behauptet das Preising.

Während Preising schlief, ging England unter.“ – Da sind aber zwei Drittel des Textes bereits um. Dass die Geschichte dann doch endlich etwas Fahrt aufnimmt, kann kaum über die vorangegangene Langeweile hinwegtäuschen. Die Engländer sind ruiniert, die Hochzeitsgesellschaft kann weder ihre Rechnung begleichen, noch das Land verlassen. In Tunesien bricht gar der zweite arabische Frühling aus. Preising ist als Schweizer nicht direkt betroffen. Er bleibt in seiner neutralen Beobachterrolle. Und die Moral von der Geschichte? Preising zufolge ist das die falsche Frage. Ganz nett. Aber nett ist bekanntlich nicht die kleine Schwester des Deutschen Buchpreises.

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren
C.H. Beck, 125 Seiten
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 978-3-406-64694-2
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Ein Gedanke zu „Der Bankrott des Klischees

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