Im Griff der Filmindustrie

F. Scott Fitzgerald - Für Dich würde ich sterben Cover: Hoffmann und Campe

F. Scott Fitzgerald – Für Dich würde ich sterben Cover: Hoffmann und Campe

F. Scott Fitzgerald verbrauchte sich in jeglicher Hinsicht: emotional an der Liebe zu seiner Frau Zelda, schriftstellerisch an seinen erzählerischen Auftragsarbeiten und gesundheitlich an seiner Trunksucht, die in einem tödlichen Herzinfarkt resultierte. Trotz seiner Exzesse hinterließ er fünf Romane und über 160 Erzählungen, ein literarisches Reservoir, das einige der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts enthält. Nun erschienen bei Hoffmann und Campe größtenteils noch unveröffentlichte Erzählungen in dem Band Für dich würde ich sterben, der ein neues Licht auf den Autor der Lost Generation und sein Schaffen Ende der 1930er Jahre wirft. Er zeigt, dass Fitzgerald aus seinem Leben schöpfte wie bisher, und dass er zu wesentlich mehr in der Lage gewesen wäre, als diese Erzählungen es suggerieren mögen.

von JONAS PODLECKI

„Du brauchst nur einen einzigen wahren Satz zu schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du kennst“, ratschlagt Ernest Hemingway in seinen Quasi-Memoiren Paris, ein Fest fürs Leben, um ins Schreiben zu kommen. In Bezug auf seine Person wird dieses Credo seines schriftstellerischen Daseins mittlerweile so inflationär gebraucht, dass es in vielerlei Hinsicht nur mehr als eine Persiflage funktioniert. Jedenfalls fasste Hemingway damals den Entschluss, „über alles, worin ich mich auskannte, eine Geschichte zu schreiben. Darum habe ich mich beim Schreiben immer bemüht, und das war eine gute und harte Schule für mich.“ Hemingway schrieb sich die Wahrhaftigkeit solange aus dem Leibe, bis seine Alkoholsucht und eine bipolare Störung ihn letztendlich zerrissen und nach einer Elektroschocktherapie in den Selbstmord trieben.

Im Grunde trifft dies alles auch auf F. Scott Fitzgerald zu: Er schöpfte in seinen Werken von den Nöten, Ängsten und Tragödien seines persönlichen Lebens, um der Wahrhaftigkeit, die der Literatur Glaubhaftigkeit verleiht, möglichst nahezukommen; er drogisierte sich an den Rand des Todes (ein Selbstmordversuch Fitzgeralds scheiterte, weil er eine Überdosis Morphium wieder erbrach) und zerbrach irgendwann an seinen Sorgen – nur dass ihn sein Alkoholismus und seine privaten Rückschläge weniger verzweifeln ließen als die Ansprüche und Erwartungen von Zeitschriften, die ihn aus finanziellen Gründen zum Verfassen von literarischer Konfektionsware zwangen. Damit erschöpften sie sein Talent und Potenzial, seinen schriftstellerischen Saft, und ließen ihn austrocknen wie einen Brunnen in der Wüste. So heißt es in der Erzählung Seelischer Bankrott (aus dem Erzählungsband Wiedersehen mit Babylon) programmatisch: „Man kann nicht gleichzeitig verschwenden und bewahren. Die Liebe ihres Lebens war vorbeigekommen, doch als sie in ihr leeres Körbchen geblickt hatte, war keine einzige Blume für ihn übrig gewesen, keine einzige.“

Literatur versus Film

Ende der 1930er Jahre befand sich Fitzgerald in einer prekären Lage. Um den Aufenthalt seiner Frau in einer privaten Nervenheilanstalt, die Ausbildung seiner Tochter Scottie und sein eigenes Fortkommen (neben teuren Arztrechnungen) zu finanzieren, musste er in Hollywood für MGM arbeiten und nebenher weiterhin literarisch produktiv sein. Er löste das Problem, indem er filmische Topoi in seine Erzählungen einfließen ließ und seine Filmskizzen erzählerisch aufbesserte. Daher erinnern die Texte in dem Erzählband Für dich würde ich sterben nahezu alle an die Vorarbeiten zu einem Drehbuch, was der literarischen Qualität zwar keinen Abbruch tut, denn der typische Fitzgerald-Sound ist stets vernehmbar, aber wegen des filmisch anmutenden Plots ähneln diese Arbeiten dann doch zu stark klassischen Screwball-Komödien.

Beispielsweise die Erzählung Wirbelsturm in stillen Gefilden. Eine unbeholfene, hübsche Krankenschwesterschülerin mit dem Namen (wie sollte es anders sein) Trouble sorgt im Krankenhaus für derartige Unruhe, dass sowohl sie als auch der Arzt Dr. Craig entlassen werden. Als ihr Patient Mr. Johnston daraufhin flieht, verfolgen ihn beide, machen ihn ausfindig und geraten auf dem Rückweg in einen Verkehrsunfall, bei dem ein Schulbus mitsamt seinen Insassen umkippt, ohne dass jemand größeren Schaden erleidet. Natürlich verlieben sich Trouble und Dr. Craig im Laufe der Geschichte ineinander und beschließen am Ende zu heiraten. Im Treatment Gracie auf See hingegen versucht ein Werbefachmann eine als unverheiratbar geltende Frau, die sich im Verborgenen um ein Findelkind kümmert, an den Mann zu bringen, ohne dass man ihre (un)freiwillige „Mutterschaft“ bemerkt. Schließlich heiratet er selbst sein „Werbeobjekt“ – trotz ihrer Tollpatschigkeit. So ungefähr klingt der Plot vieler der in diesem Band versammelten Erzählungen, während die Figuren von folgendem Schlag sind: „denn im Moment gehöre ich zu diesen furchtbaren Leuten, denen es an nichts fehlt.“

Dies alles mag noch verkraftbar sein, unschön wird es jedoch, wenn der Hollywood-Kitsch überhandnimmt: „Der See war ein Mädchen, zum Leben erweckt in tiefem Erröten als Erwiderung auf die männliche Pracht der Blue Ridge Mountains.“ Oder wenn ein ehemaliger Verehrer einer Frau in einem wichtigen Augenblick im Zug plötzlich neben ihr sitzt. Oder wenn eine mittellose Tramperin überraschenderweise auf ebenjene Frau trifft, die einen kostbaren Klunker ihres Vaters trägt, und der Scheck, den die Tramperin bei sich hat, ist zufälligerweise auf ebenjene Frau ausgestellt. Die Zufälle wirken zu oft an den Haaren herbeigezogen, die Figuren sind keine Charaktere, sondern einseitige Typen, die einen besonderen Menschenschlag darstellen sollen. Für einen Schriftsteller wie Fitzgerald ist das ein bisschen wenig.

Eine unbekannte Seite

Während das Liebesmotiv seit Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn seine Erzählungen und Romane charakterisiert, sind Themen wie der Amerikanische Bürgerkrieg, Selbstmord, Krankheit und das Unterwegssein (als Tramp oder Spion) etwas gänzlich Neues in Fitzgeralds Werk, und man sieht, dass der Autor von ihm noch unbeschrittenes Terrain betrat und mit neuen Topoi experimentierte. Hätte man ihm mehr künstlerische Freiheit geboten, wer weiß, was er nach all seinen Rückschlägen noch geschaffen hätte. Sein letzter, unvollständig gebliebener Roman Die Liebe des letzten Tycoon deutet jedenfalls darauf hin, dass Fitzgerald noch einiges in petto hatte.

Die Übersetzer schaffen es, den unbekümmerten, rhythmisch locker dahinfließenden Ton, mit dem Fitzgerald gemeinhin identifiziert wird, gut ins Deutsche zu übertragen, die Herausgeberin hängt zudem einen Anmerkungsteil an, der den historischen und biografischen Kontext sowie die Entstehungsgeschichte erläutert. Doch die meisten Erzählungen sind meilenweit entfernt vom Besten, was Fitzgerald je veröffentlicht hat, und eignen sich daher eher für Fans des Autors, die eine noch unbekannte Seite entdecken wollen. Man bekommt zwar keinen Fitzgerald auf der Höhe seines Schaffens, dafür aber einen, den nur wenige kennen. 77 Jahre nach seinem Tod ist dies vielleicht das Beste, was dem typischen Fitzgerald-Leser begegnen kann.

 

F. Scott Fitzgerald: Für dich würde ich sterben
Hoffmann und Campe, 496 Seiten
Preis: 25 Euro
ISBN: 9783455000078

 

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