Die Variation der Liebe und das Paradox des Todes

Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand; Cover: Rowohlt

In Gabriele von Arnims Das Leben ist ein vorübergehender Zustand darf man die Autorin ein kurzes Stück durch die zehn Jahre begleiten, die sie ihren Mann nach zwei schweren Schlaganfällen pflegt und liebt. Es ist ein trauriger, leiser, mutiger und poetischer Weg mit einer exorbitanten Intensität in der Sprache, den man mit der Autorin geht.

von LISA THEISSEN

Der autobiografische, fast essayistische Text ist eine Ode an das Leben und eine schmerzhafte Erinnerung, dass der Tod zum Leben dazugehört. Gabriele von Arnim schreibt über die Pflege ihres Mannes nach dem traumatischen Einschnitt zweier schwerer Schlaganfälle, die ihren Mann aus dem Leben gerissen haben. Ein sportlicher und lebensbejahender Journalist und Redner, der mit halbseitigen Lähmungen und mit der Zerstörung der Artikulationsfähigkeit im Kleinhirn und mit dem daraus folgenden Verlust der Sprache nun nur noch ein Schatten seines vorherigen Ichs ist.

Die Autorin kämpft. Sie kämpft um ihre Liebe, die sie am Morgen dieses alles verändernden Tages ihrem Mann gegenüber eigentlich in einem Telefonat mit ihm für beendet erklärt hatte. Später entscheidet sie sich dann für ihn und findet ihre Liebe zu ihm erneut. Sie kämpft um das Leben und sie tut dies mit einer sprachlichen Wucht, die sich leise und langsam entwickelt und einen noch Tage nach der letzten Seite mit klopfendem Herzen über das Buch nachdenken lässt. „Er war mir lästig. Er hat mein Leben eingeschränkt, und ich konnte mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen.“

Literatur und Liebe lässt Licht ins Dunkel

Gabriele von Arnim verwendet eine mäandernde Literarizität in ihrem Buch, die einen durch die schwierigen Situationen der Krankheit ihres Mannes führt. Es werden fast schon lyrisch klingende Gedanken intertextuell durch regelmäßige Zitate und Bezüge zu Werken von Euripides über Octavio Paz bis Karl Ove Knausgård über das Schwerste im Leben verwoben – den Tod. Die Personifikationen des Todes im Text schaffen eine Distanz, um das Ende des Lebens begreifbar zu machen. Der Tod als „Verlockung“ und „Geliebter, den man trotz der geahnten Gefahr – oder gerade deswegen – freudig begrüßt, ihn begehrlich umschlingt und geschmeidig empfängt“.

Die Autorin findet ihren Halt und ihre Kraft in dieser Sprache und in den Büchern, die sie eines nach dem anderen zitiert. Die Werke anderer weisen ihr die Richtung, wirken wie ein Kompass. Der Leser bekommt ein Päckchen voller Leseansätze und inspirierender Zitate geschnürt. Literatur kann heilsam sein und Perspektive und Hoffnung geben.

Man möchte dieses Buch in einem fort zitieren und kommt nicht nach, sich Notizen zu machen. Auch wünscht man sich für sich selbst und seine Zukunft im Falle der eigenen Krankheit diesen Kreis an Vorlesenden, den sie für ihren Mann jeden Tag in ihre Wohnung kommen lässt. Jahrelang kommen Freunde und Bekannte, die nach einem festen Wochenplan dem Kranken seine Lieblingsbücher oder die Zeitung vorlesen und ihm so eine Qualität des Lebens durch die Literatur geben. Eine literarische Form des Mitgefühls.

Metamorphose des Angehörigen in der Krankheit

„Immer wieder wird er später fragen: Warum hast du mich nicht sterben lassen? Ich hätte es doch gar nicht gemerkt.“ Die Autorin schildert den Grenzgang des Pflegenden. Den schmalen Grat zwischen dem egoistischen Wunsch, den anderen nicht gehen zu lassen und der großzügigen Liebe dem Anderen gegenüber und das eine vom anderen immer wieder aufs Neue zu unterscheiden. Wann handelt man nicht mehr im Sinne der Würde des Gegenübers und verliert sich in dem „Festhalten-Wollen“ an der Liebesbeziehung, die so nicht mehr existiert? „Sie will, dass er lebt“. Von Arnim wechselt mehrfach die Erzählperspektive vom Ich zum Sie, um in der dritten Person die nötige Objektivität zum Geschehen zu finden und diese schlimmen Ereignisse der Schlaganfälle und der miteinhergehenden Krankheitskomplikationen überhaupt schildern zu können – und um möglicherweise auch den Lesenden Zuflucht in dieser distanzierten Perspektive zu bieten. „Bis gestern war sie verzweifelt aus Angst vor dem Tod, und heute ist sie versteinert aus Angst vor dem Leben.“ Das Buch lässt einen am Ende trotz des Todes mit Hoffnung zurück und kommt einem ganz nah. Es berührt einen tief und schenkt „Trost in der Schönheit“ für das eigene Leben und seine Miseren.

Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand

Rowohlt-Verlag, 233 Seiten

Preis: 22,00 Euro

ISBN: 978-3-498-00245-9

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