Gefangen in der Ehehölle

Nassira Belloula: Marias Zitronenbaum; Cover: Verlag Donata Kinzelbach

Die algerische Autorin Nassira Belloula zeigt uns in Marias Zitronenbaum die Leiden einer Landsfrau auf, die als Sechzehnjährige zwangsverheiratet wird. Weil sie sich nicht länger damit abfinden will, nicht einmal einen Schritt vor die Tür ohne Begleitung zu setzen, bricht sie aus ihrem alten Leben aus. Ein feministisches Plädoyer für das Selbstbestimmungsrecht der Frau, das ohne viel Handlung, dafür mit vielen weisen Worten aufwartet.

von THOMAS STÖCK

Selbst ihre Töchter können es nicht fassen. Nach fast dreißig Ehejahren den Vater verlassen! Dabei hat ihre Mutter doch nie auch nur ein Wort der Klage geäußert. Der Blick einer dieser Töchter, die auch die Erzählerstimme ist, fällt auf die Frau, die bisher durch ihre Passivität auffiel:

„Wie kann ich über sie sprechen, ohne das Wesen von unermesslicher Abwesenheit, das sie ist, zu beschwören? Von dieser Vision von ihr, magerer Körper, zerbrechliche Silhouette, fast immer auf Schweigen beschränkt, verloren in diesem geschlossenen Raum, wo nur das Rascheln ihrer Kleider zu hören ist, so lange in diesem Nebelloch gehalten, das sie einhüllt? Sie verkörpert einen schmerzhaften Teil dieser Frauen, die in der Verstümmelung ihrer Seele, in der Verletzung ihres Körpers leben, ohne es je zu wagen, sich aufzulehnen.“

Heruntergehungert hat sich Maria in ihren Ehejahren, um ihrem Ehemann auch ja nicht zu gefallen. Wann immer sie sich ihm hingeben muss, zieht sie sich in sich selbst zurück. Ihre Tochter nimmt sie als „Schatten unseres Vaters“ wahr, nichts Greifbares, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Nicht einmal am Fenster darf Maria sich zeigen, auf die Straße darf sie nie ohne Begleitung gehen.

In westlichen Debatten um das Kopftuch wird es von Befürwortern des Hijabs gern so dargestellt, als sei das Tragen des Kopftuchs eine Möglichkeit der Frau, ihre Religiosität auszudrücken. In vielen muslimischen Ländern – unter anderem eben Algerien – besteht diese Wahlmöglichkeit für viele Frauen nicht. Nicht nur dürfen sie nicht unverhüllt das Haus verlassen, wenn ihre Männer es so wollen, in manchen Fällen dürfen sie fast gar nicht raus. Vor ihrer Zwangsheirat kennt Maria ihren zukünftigen Gatten noch nicht. Über ihr weiteres Schicksal entscheidet ein anderer Mann: ihr Vater. Sie empfindet diese Entscheidung als Verrat, ist ihr Vater doch selbst glücklich mit seiner Ehefrau Rosa verheiratet. All ihre Bitten und ihr Flehen bei der Mutter führen zu nichts, denn sie ist leider nur eine Frau – und damit verfügt sie nicht über die Macht, die Entscheidung ihres Gatten zu ändern.

Sprache der Symbole, Sprache der Sehnsucht

Marias Sehnsüchte, Marias Begierden kann sie nur in ihrer Fantasie artikulieren. Der dynamische Wechsel zwischen Außensicht und Introspektion zeichnet ein umfangreiches Bild einer Frau, die von einer Lebenskatastrophe gezeichnet ist. Diese Katastrophe zeigt sich an vielen Symbolen, die von der großen Bedeutung von Zeichen in der algerischen Gesellschaft zeugen. Die Übersetzung von Tina Aschenbach fängt an vielen Stellen den sprachlichen Gehalt des Originals ein. So gelingt Maria die Flucht aus ihrer Ehehölle dadurch, dass sie sich den Blicken der übrigen Figuren entzieht, beispielsweise dem der Tochter: „Ich durchdringe ihre verworrenen Grenzen, stoße mich an ihren erloschenen Augen und sehe, dass es zu spät ist. Unergründlich.“ Das Motiv des Eherings variiert Belloula auf clevere Weise: Als Maria den Ring abzieht, bleibt eine „in das Fleisch eingedrückte Spur“ zurück, die Konturen des Rings verbleiben sichtbar „als unauslöschliches Zeichen ihrer Versklavung“. Ein Ring sie zu knechten.

Besonderen Stellenwert nehmen in dieser Erzählung auch die Namen der Figuren ein. Maria erhält ihren Namen erst spät, nach einem Drittel der Erzählung, als sie sich endlich ein Stück weit befreien kann. Vorher wird sie mit den Rollen benannt, die sie zwangsweise einnimmt: Mutter, Ehefrau, Tochter. Auch die Erzählerin trägt lange Zeit keinen Namen – weil auch dieser ein Symbol ist, das ich an dieser Stelle nicht verraten möchte. Marias Vater sowie ihr Ehemann tragen den ganzen Roman über keinen Namen. Beide Figuren sind bewusst blass gehalten, denn es geht Belloula nicht um das Einzelschicksal einer unglücklichen Frau, sondern um die algerische Frau per se, die von Männern in ihrer Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit latent bedroht wird. Beide Männer handeln nicht aus besonderen Beweggründen heraus. Und der Ehemann zeigt in seiner Beziehung zu den eigenen Töchtern gar, dass er Frauen auch sehr wohl als emanzipierte Menschen anerkennen kann. Der einzige Mann, der sich in dieser Erzählung einen Namen verdient, ist – logischerweise, ist man verleitet zu sagen – Marias Jugendliebe Ali. Er ist es, an den sie sich hoffnungsvoll klammert, um ihr jugendliches Ich zurückzugewinnen: „das braune Mädchen mit den feurigen Augen, mit gebogenen Wimpern wie bei einer Gazelle“.

Gefangene Sprache

Noch keine Erwähnung fand bisher der eigentliche Auslöser für Marias Entscheidung, sich endlich von ihrem Ehemann loszusagen. Dieser führt uns auf das Feld der Religion. Eines, das sich für Belloula als Minenfeld entpuppt, durch das sie geschickt hindurchmanövrieren muss. Ausgangspunkt ihrer Flucht ist eine Art umgekehrtes religiöses Erweckungserlebnis: Sie sieht eine Sendung eines Fernsehimams, der in Aussicht stellt, dass Ehefrauen mit ihren Gatten und Houris, also den 72 Jungfrauen, gemeinsam eine Ewigkeit im Paradies verbringen „dürfen“. Eine Hiobsbotschaft für Maria, hängt sie doch während ihrer gesamten Ehe ihrer Jugendliebe nach. Ehebruch ist in Algerien unter Strafe gestellt. Einen Geliebten in die Geschichte einzuführen bedarf also einer platonischen Liebesbeziehung. Auch außerehelicher Sex in Jugendjahren ist untersagt. Die geschickte Herangehensweise der Autorin sieht deshalb vor, dass Maria ihrer Jugendliebe Ali geistig treu ist – immerhin war er schon vor ihrem Ehemann da. Gleiches gilt für Ali, der für Maria sogar körperlich enthaltsam lebt. Den ehelichen Pflichten kommt sie im Übrigen immer nur so weit nach, wie sie muss: „Die Wahrheit ist, dass er immer nur das besessen hat, was sie ihm zugestanden hat. Aber wie kann er sich diesen intimsten Teil aneignen, den sie ihm immer verwehrt hat?“ Auch kann sich Maria nicht einfach scheiden lassen – eine solche Entscheidung darf nur der Mann treffen. Und deshalb versucht sie ihn durch ihren Mangel an Gehorsam zu einer solchen Entscheidung zu nötigen.

An diesen Textstellen wird deutlich, dass Belloulas Sprache genau wie ihre Protagonistin eine Gefangene ist. Doch beide wissen sich zu helfen und kämpfen gegen diese Fesseln an. Wichtigstes Symbol dieses Kampfes ist der titelgebende Zitronenbaum. Maria pflanzt bereits während ihrer Ehe diesen Baum in den nicht einsehbaren Hof ihres Hauses (andernfalls würde sie gegen eine religiös motivierte Vorgabe ihres Mannes verstoßen). Für sie wird der Baum ein Geheimnisträger, dem sie sich anvertrauen kann. Die innere Migration wird auch durch diese Pflanze möglich. Und er bestärkt Maria letztendlich in einer längst überfälligen Entscheidung. Die Hoffnung keimt zuletzt.

Nassira Belloula: Marias Zitronenbaum. Aus dem Französischen von Tina Aschenbach
Verlag Donata Kinzelbach, 160 Seiten
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-94249047-4

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s