Frühaufsteher oder Langschläfer?

Erich Kästner: Der Gang vor die Hunde; Cover: Atrium Verlag

Erich Kästners Der Gang vor die Hunde ist ein Paradebeispiel der Gesellschaftskritik verpackt in Ironie. Zuerst erschienen unter dem Titel Fabian. Die Geschichte eines Moralisten wirft der Roman einen kritischen Blick auf die Gesellschaft der 1930er-Jahre und auf Themen, die auch heute noch aktuell sind. Dieses Jahr kam die Verfilmung des Romans in die Kinos, daher lohnt es sich noch einmal mehr, einen Blick auf die Vorlage zu werfen.

von CELINA FARKEN

Der Roman, erstmals erschienen 1931 unter dem Titel Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, sollte ursprünglich den Titel Der Gang vor die Hunde tragen – der wurde allerdings vom Verlag abgelehnt. Man hatte Angst, der Titel würde ein schlechtes Licht auf die Gesellschaft werfen, was der Roman letzten Endes sowieso tut. Auch einige Kapitel fehlen in dieser ersten Fassung. Grund hierfür war wieder die Zensur des Verlags, der mit Konsequenzen seitens der Politik rechnete, ähnlich wie schon beim Titel. Die Version von 2013 ist eine rekonstruierte, ungekürzte Fassung mit dem ursprünglich geplanten Titel und den fehlenden Kapiteln. Auch über einen Anhang, der auf die Unterschiede zwischen den verschiedenen Versionen hinweist, verfügt diese von dem Germanisten Sven Hanuschek herausgegebene Fassung.

Ein Flaneur ohne Ziel

Jakob Fabian ist 32 Jahre alt und arbeitet als Reklamefachmann im Berlin der 1930er-Jahre. Er ist Germanist, beobachtet und urteilt gerne. Zusammen mit seinem Freund Labude stellt er so einiges an, zum Beispiel die Wahrzeichen Berlins absichtlich falsch zu benennen und die Berliner im Bus damit aufzubringen. Dabei trifft er auf zahlreiche Figuren, wie etwa einen obdachlosen Erfinder und unzufriedenen Künstlerinnen. Mit ihm wandern die Leser:innen durch die Stadt, ohne Ziel, denn Fabian hat keines. Er ist damit beschäftigt zu leben. Bis er Konstanze trifft – ab diesem Moment ist er damit beschäftigt zu lieben.

Zwischen Unis und Bordellen

„Die Menschen sehen harmloser aus, als sie sind,“ bemerkt Fabian und bringt damit auf den Punkt, was der Roman macht. Er dient als Zeigefinger, der auf Heuchler, Unmoralische und Betrüger zeigt. Als Beobachter des Ganzen zeigt Fabian die Unterschiede innerhalb der Gesellschaft auf – zwischen Vergnügen und Leistung – und scheint selbst oft zwischen den Stühlen zu stehen. Besonders heftig muss er sich mit dem leistungsgetriebenen Aspekt der Gesellschaft auseinandersetzen, an die er alles zu verlieren scheint. Das Motiv der Leistungsgesellschaft macht den Roman auch heute noch aktuell, denn Leistung zu erbringen und leistungsfähig zu bleiben ist immer noch ein großer Bestandteil unserer Gesellschaft und des eigenen Selbstwerts. Ganz nach dem Motto: Ohne Arbeit bist du nichts und nichts ist ohne Arbeit. Ob sich die Gesellschaft allerdings bessern kann, davon geht Fabian nicht aus, denn dafür bräuchte sie Vernunft. Als Erzähler wirkt Fabian passiv, er sieht nur zu. Wem damit geholfen sei, fragt ihn sein Freund Labude. „Wem ist zu helfen?“, entgegnet Fabian. Wem zu helfen ist, dass müssen die Leser:innen selbst herausfinden, der Roman liefert darauf keine Antwort.

Typisch Kästner

Was den Roman einzigartig und schon ab der ersten Seite unterhaltsam macht, ist die typische Kästner-Ironie, bei der man an der einen oder anderen Stelle schmunzeln muss. „Der Fortschritt der Menschheit ist unverkennbar“, sagt Fabian und meint es kein bisschen. Auch die Leser:innen können dieser Aussage wohl kaum zu stimmen, als sich ein Kellner über einen blinden Gast amüsiert, dessen Begleitung mit einem anderen Gast Zettel austauscht.

Kritik wird nicht direkt geäußert, sondern mithilfe der Ironie Fabians. Die Situationen – seien sie noch so ernst – bleiben amüsant, haben stets eine Pointe. Der Roman bleibt bis zum Schluss ein Witz – ein ziemlich Guter. Maßgeblich trägt Fabians einzigartige Perspektive auf die Dinge dazu bei: „Ihre unsittliche Unterscheidung ist, an meiner Einteilung gemessen, nebensächlich. Die Menschheit zerfällt in Frühaufsteher und Langschläfer. Ich gehöre zu der zweiten Sorte. Guten Morgen, Herr Fischer!“, begrüßt er beispielsweise seinen Arbeitskollegen.

Jeder, der sich selbst nicht zu ernst nimmt, aber sich dennoch gerne mit ernsten Themen auseinandersetzt, wird mit diesem Buch keineswegs vor die Hunde gehen.

Erich Kästner: Der Gang vor die Hunde. Herausgegeben von Sven Hanuschek

Atrium Verlag, 320 Seiten

12,00 Euro (Taschenbuch)

ISBN: 978-3038820017

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