Hauptsache, es knallt

Mozarts "Titus" am Essener Aalto-Theater Foto: Thilo Beu

Mozarts „Titus“ am Essener Aalto-Theater Foto: Thilo Beu

Ausgerechnet am fünften Doch-Nicht-Geburtstag des Berliner Pannen-Flughafens lädt das Essener Aalto-Theater zur letzten Premiere seiner diesjährigen Spielzeit. Regisseur Frédéric Buhr siedelt die antike Geschichte um den milden Kaiser Titus (zufällig?) an einem stylishen Flughafen in unserer Gegenwart an und präsentiert eine bemüht aktuelle Mozart-Interpretation, die seine Holzhammermethode nicht nötig gehabt hätte, um Aktualität widerzuspiegeln.

von STEFAN KLEIN

Kaiser Titus hat es in Mozarts gleichnamiger Oper nicht leicht. Gerade zum römischen Kaiser gekrönt, sucht er sich eine Gattin aus, die als Ausländerin nicht dem Geschmack der Bevölkerung entspricht, und wird Opfer einer gemeinen Verschwörung. Vitellia, Tochter des zugunsten Titusʼ abgesetzten Kaisers, stiftet ihren Geliebten, Titusʼ besten Freund Sesto, an, den Kaiser zu töten. Kaum ist der Plan geschmiedet, besinnt sich Titus in Sachen Brautwahl und sucht doch lieber eine römische Zukünftige. Während die römische Vitellia sich nun plötzlich Hoffnung auf den Thron macht und versucht, ihre Intrige zu stoppen, offenbart Titus seinem Freund Sesto, er wolle dessen Schwester Servilia heiraten. Doch diese hat sich gerade erst Annio, pikanterweise auch ein Freund von Titus, als Ehemann ausgesucht.

Titusʼ titelgebende Milde (im italienischen Original heißt sie La Clemenza di Tito) wird mehr als überstrapaziert. Am Ende wird niemand verurteilt und es scheint, als kämen alle ungeschoren davon. Doch hin- und hergerissen zwischen Verlangen zu Vitellia, Freundschaft zu Titus und familiärer Bande zu seiner Schwester Servilia, zermürbt es Sesto im Laufe der Oper. Er sehnt sich nach dem Tod, den er seines Erachtens verdient hätte, doch er wird von Titus verschont und damit eigentlich bestraft.

Gebetskette und Lametta

Was hat diese Geschichte nun auf einem Flughafen zu suchen? In der Einführung vor der Premiere erzählt Essens Chefdramaturg Christian Schröder, man habe einen Ort in der Gegenwart gesucht, an dem ein Zusammentreffen der herrschenden Oberschicht mit der einfachen Bevölkerung realistisch sei. Geht man nun davon aus, dass die terminliche Überschneidung mit dem Nicht-Eröffnungs-Jubiläum in Berlin reiner Zufall war, dann muss man Regisseur Frédéric Buhr aber in jedem Fall einen Hang zur Effekthascherei unterstellen. Deutlich wird dies in der finalen Szene des ersten Aktes. Hier ist das Mordkomplott auf seinem Höhepunkt und das Libretto sieht die brennende Stadt Rom vor. Buhr entscheidet sich stattdessen für einen als Bombenanschlag inszenierten Angriff auf den Flughafen. Wir leben in einer Zeit, in der wir täglich mit Sorgen über neue Anschläge die Nachrichten verfolgen. Diese Ängste dann auch auf der Bühne zu verhandeln, ist folgerichtig. Doch auf Biegen und Brechen in einem Stück, das dies so nicht hergibt? Bühne und Kostüme (zweckmäßig, aber ansprechend: Thorsten Macht und Regina Weilhart) verdeutlichen, dass die Geschichte in der Gegenwart zu verorten ist. Es braucht also nicht noch diesen traurigen Verweis auf die Aktualität. Hier wird einzig der bemühte Versuch deutlich, mittels Provokation Parallelen zur heutigen Gesellschaft zu ziehen. In diese Kategorie fällt wohl auch die Entscheidung, den Kaiserlichen Berater Publio (ein Hardliner, der als Kontrast zur Milde Titusʼ fungiert) ständig mit einer muslimischen Gebetskette auftreten zu lassen. Nichts sagt er, ohne dabei die Kette betend kreisen zu lassen. Ob man dies fast positiv, als dennoch platte Diversität des Figurenkatalogs, oder deutlich negativ als Stereotyp eines wie auch immer gelagerten Fundamentalisten sieht, muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.

Als finalen Paukenschlag (und das ist leider wörtlich zu nehmen) entscheidet sich Buhr in einem eigentlich schön inszenierten Finale für ein großes Ärgernis, das die Zuschauer kopfschüttelnd den Saal verlassen lässt. Der (wie immer großartige) Opernchor des Aalto, hier das römische Volk verkörpernd, verlässt die Bühne und verteilt sich im Zuschauerraum. Das Saallicht wird hochgefahren und das Publikum lauscht, quasi ebenfalls als Teil des römischen Volkes, einer mitreißenden Rede des Kaisers Titus. Leider endet sie darin, dass von links und rechts mit einem lauten Knall goldenes Glitter-Lametta in das Publikum geschossen wird. Es muss noch Produktionsbudget übrig gewesen sein. Anders lässt sich dieses kitschige Ende nicht erklären. Sieht man von den beschriebenen fragwürdigen Entscheidungen der Regie ab, bleibt nicht viel mehr als uninspiriertes Hin- und Herschieben der verschiedenen Figurenkonstellationen.

Mozarts "Titus" am Essener Aalto-Theater Foto: Thilo Beu

Mozarts „Titus“ am Essener Aalto-Theater Foto: Thilo Beu

Es hätte so schön werden können

Das ist auf vielen Ebenen schade. Frédéric Buhr, der mit Titus seine erste eigene Regiearbeit am Aalto abliefert, hatte alles zur Verfügung, was eine gelungene Aufführung gebraucht hätte. Neben seiner eigenen Erfahrung als Regieassistent und Leiter der szenischen Einstudierung des Hauses standen ihm die wie immer herrlich spielfreudigen Essener Philharmoniker (Leitung: Tomáš Netopil), der stimmgewaltige Opernchor und vor allem ein Solistenensemble zur Verfügung, das seinesgleichen sucht.

Hier ist allen voran Publikumsliebling Bettina Ranch zu nennen. Die Sopranistin zieht gesanglich, vor allem aber darstellerisch alle Register und weiß mit nuanciertem Spiel die tragische Figur des Sesto zur eigentlichen Hauptpartie zu machen. Ranch versteht es, die im Titus spannenden Themen (Freundschaft, Schuld, Menschlichkeit) zu bündeln und durch ihre Figur sprechen zu lassen. Gesanglich darf Jessica Muirhead als Vitellia am meisten glänzen. Mozart gönnt der Antagonistin die schönsten Koloraturen und die mitreißendsten Arien, die Muirhead perfekt wiederzugeben weiß. Dmitry Ivanchey gibt einen sehr charismatischen Tito und Baurzhan Anderzhanov weiß gesanglich als Publio zu überzeugen. Auch Christina Clark als Servilia und Liliana de Sousa als Annio machen ihre Sache mehr als ordentlich und zeigen dem Publikum glaubwürdige Interpretationen ihrer Partien.

Das Essener Aalto-Theater startete fulminant mit Bellinis Norma in eine eigentlich recht erfolgreiche Spielzeit, die mit Wagners Lohengrin ein weiteres Highlight zu bieten hatte. Auch Verdis Rigoletto und Meyerbeers Le Prophète konnten Zuschauer und Kritik größtenteils überzeugen. Titus kann da beim besten Willen nicht mithalten. Als hätte man es geahnt, hat man sich auch in der kommenden Spielzeit gegen eine Wiederaufnahme entschieden (anders als bei Norma, Rigoletto und Lohengrin).

Frédéric Buhr schafft es, Mozarts Titus einerseits gnadenlos zu überinszenieren, gleichzeitig aber die wichtigen Themen zu vergessen. Er kann sich zum Glück dennoch auf seine erstklassigen Musiker auf der Bühne und im Orchestergraben verlassen. So wird die letzte Premiere der diesjährigen Spielzeit in Essen zwar nicht sehens-, aber in jedem Fall hörenswert.

 

Informationen zur Inszenierung
 
 
Nächste Vorstellungen:
 
Mittwoch, der 07. Juni 2017
Freitag, der 09. Juni 2017
Sonntag, der 11. Juni 2017

 

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