Ich backe mir einen Roman…

Guillaume Musso: La vie secrète des écrvains; Calmann-Lévy

Angesichts der zahlreichen Lobeshymnen auf La vie secrète des écrivains kann man viel von diesem Roman erwarten – doch dem hohen Anspruch wird er nicht gerecht. Er ist widersprüchlich, sprachlich insbesondere bezogen auf die Thematik nicht ausgeklügelt genug und macht jedes Mitdenken der Leserschaft obsolet. Guillaume Mussos fatalster Fehler: Er hält sich nicht an das Rezept, das er selbst in seinem Roman vorgibt.

von ALINA WOLSKI

1. Ein Auffälliges Cover mit einem aussagekräftigen Titel vermengen.

Die Werke des aus der Nähe von Nizza stammenden Guillaume Musso sind in allen französischen Bahnhofskiosken omnipräsent. Die meist in rot, weiß und schwarz gehaltenen Cover springen direkt ins Auge. Hinzu kommen polarisierende Titel wie La vie est un roman (zu Deutsch: Das Leben ist ein Roman) oder La vie secrète des écrivains (zu Deutsch: Das geheime Leben der Schriftsteller). Gefühlt hat jeder Franzose und jede Französin mindestens einen Roman von Musso im Bücherregal stehen und kann sich selbstverständlich an einem intellektuellen Gespräch zu jedem seiner Werke beteiligen.

2. Dann mit beliebigen Zutaten zu einem homogenen Teig verrühren.

Das Setting von La vie secrète des écrivains ist vielversprechend: eine französische Insel im Mittelmeer, auf der ein berühmter Schriftsteller haust, der bereits vor Jahren aus unglaubwürdigen Gründen behauptete, nie wieder ein Wort zu Papier bringen zu wollen. Hinzu kommt ein junger Mann namens Raphael, der beginnt, als Aushilfe in der lokalen Buchhandlung zu arbeiten, in Wirklichkeit jedoch ein großer Anhänger des nichtschreibenden Autors ist und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass dieser seinen ersten eigenen Roman liest und ihm hilft, diesen zu überarbeiten. Dazu gesellt sich ein mysteriöser Mordfall, woraufhin die gesamte Insel von der Öffentlichkeit abgeriegelt wird. Dieser begrenzte Robinsonaden-gleiche Raum ist ein ausgezeichneter Schauplatz, in dem Musso hätte seine Figuren entwickeln und miteinander interagieren lassen können. Doch jede Handlung gleicht der eines schlechten Tatorts: durchs Fenster einsteigen, unterm Bett verstecken, im letzten Moment doch noch vom Boot springen inklusive. Dabei krankt sie insbesondere daran, dass sprachlich nur oberflächlich oder viel zu pathetisch beschrieben wird.

3. Daraufhin eine Prise Sprache sowie 22 Zitate hinzugeben.

Die Sprache ist ein einziges Manko – und das auf verschiedenen Ebenen. Mussos Prinzip hinter La vie secrète des écrivains besteht nämlich darin, auf verschiedenen Niveaus zu arbeiten. Zunächst beginnt der Roman mit fiktiven Zeitungsartikeln und Interviews seines Helden, des nichtschreibenden Autors Nathan Fawles. Daraufhin entspinnt sich die Geschichte, die wiederum auf unterschiedlichen Erzählebenen basiert. Es werden zusätzliche Erzählstränge eingeflochten und wieder aufgelöst. Dabei allgegenwärtig ist die Frage „Was macht einen guten Roman aus?“, deren Antwort Raphael beständig sucht. Musso nutzt das Mittel der unterschiedlichen Erzählebenen, um eine solche Antwort zu präsentieren. Meist stammt sie aus Nathan Fawles’ Mund. Zusätzlich lässt Musso jedes Kapitel mit einem Zitat eines berühmten Romanschriftstellers beginnen, welches sich wiederum mit dieser Frage beschäftigt. So lautete John Irvings Ausführung folgendermaßen:

Qu’est-ce qu’un bon roman ? – Vous créez des personnages qui suscitent l’amour et la sympathie de vos lecteurs. Puis vous tuez ces personnages. Et vous blessez votre lecteur. Alors, il se souviendra toujours de votre roman. 

Was ist ein guter Roman? – Sie schaffen Charaktere, die Ihren Lesern Liebe und Sympathie entlocken. Dann töten Sie diese Figuren. Und Sie verletzen Ihren Leser. Dann wird er sich immer an Ihren Roman erinnern.

Darstellungen dieser oder ähnlicher Art finden sich zuhauf, sodass La vie secrète des écrivains beinahe an ein Backrezept für den idealen Roman erinnert. So schön, so gut. Doch sollte sich der Autor eines solchen Romans dann zumindest auch an die von ihm selbst auferlegten, aus dem Munde seines Protagonisten stammenden Grundsätze zum Schreiben eines Romans halten. Musso lässt Nathan Fawles zu Beginn argumentieren, dass es nicht um die Sprache gehen sollte, sondern stattdessen um den Inhalt. Daher solle die Sprache möglichst klar und einfach gehalten sein, um nicht von der Handlung abzulenken, die wiederum ein Mosaik bilden sollte, in dem der Leser mitdenken kann. Doch jedes Wort, das die Figuren auf der Insel Beaumont von sich geben, wirkt pathetisch und künstlich – wie die erste Probe des Schultheaterstücks, bei dem die laienhaften Schauspieler jedes Wort ganz ohne Verständnis aus dem Skript mit gekünstelter Stimme ablesen. Die Sprache bildet keine Einheit, sondern stört beim Lesen. Die einseitigen Handlungsbeschreibungen führen dazu, dass man beständig Bilder eines mit wenigen finanziellen Mitteln gedrehten Standard-Kriminalfilms mit nur zwei wechselnden Kameraeinstellungen im Kopf rauf- und runterspult. Zum Schluss überschlägt sich das alles auch noch. Man denke an die meisten Endszenen in James-Bond-Filmen, in denen der Held kurz davor ist, umgebracht zu werden, der potenzielle Täter jedoch ein weit ausuferndes Geständnis abgibt, wodurch der Held schließlich gerettet wird. Ein Satz bringt diese pathetische, dramatisch überladene und unoriginelle sprachliche Ausgestaltung – gewissermaßen als Regelbeispiel – in diesem Roman stellvertretend auf den Punkt:

Parce que tu es en très grand danger, Raphael ! On n’est pas dans un roman, là, fiston. Ce ne sont pas des paroles en l’air. Apolline et Karim sont morts et leurs assassins sont toujours en liberté. Pour une raison que j’ignore encore, l’affaire Verneuil revient sur le devant de la scène. Et il ne peut rien sortir de bon d’une telle tragédie.

Weil du in sehr großer Gefahr bist, Raphael! Das ist kein Roman, mein Sohn. Das ist kein leeres Gerede. Apolline und Karim sind tot und ihre Mörder sind noch auf freiem Fuß. Aus irgendeinem Grund ist die Verneuil-Affäre wieder im Rampenlicht. Und aus einer solchen Tragödie kann nichts Gutes entstehen.

4. Einen Löffel Spannung unterrühren und den Roman in den Ofen geben (Achtung Spoileralarm!).

Mussos Romane sind für ihre überraschenden Auflösungen bekannt. Insbesondere Central Park konnte damit überzeugen. Doch in La vie secrète des écrivains verstößt Musso gegen das wichtigste ungeschriebene Gesetz beim Schreiben eines Thrillers: Die Leserschaft sollte die Möglichkeit haben, den wahren Handlungsverlauf durch Überlegen und Kombinieren selbst zu entschlüsseln. Das ist bei diesem Werk jedoch vollkommen unmöglich. Während zuvor die Handlungsstränge langsam erarbeitet wurden, kommt das Ende vollkommen überraschend und in gar keiner Weise absehbar. Musso lässt Nathan Fawles einen Monolog über den Bosnienkrieg halten – der bis dahin mit keinem Wort erwähnt oder sonstigem Hinweis angedeutet wurde! Nach knapp 300 Seiten sanfter Lektüre ohne jeglichen Bildungsauftrag (von den Kapiteleingangszitaten abgesehen) wirkt dieser Exkurs vollkommen unpassend und künstlich angefügt. Um diese Lösung zu erreichen, hätte Musso kleine Andeutungen in seinem Werk verstecken können. Doch den Balkan nutzt Musso auch nur, um dem Geschehen Dramatik zu verleihen und schließlich zwei weitere lose Enden auf ziemlich unglaubwürdige Weise zu verbinden. Es wirkt vollkommen unangemessen, dem Bosnienkrieg – wenn Musso diesen schon unbedingt in seinen Roman einfließen lassen musste – nur wenige Seiten zu widmen. Anders löst das beispielsweise die Schriftstellerin Juli Zeh in ihrem Debütroman Adler und Engel, in dem der Bosnienkrieg eine zentrale Rolle spielt.

5. Den Roman nun entnehmen und vor der Lektüre abkühlen lassen.

Darüber hinaus findet in La vie secrète des écrivains jedes Mitraten, Mitüberlegen und Aufstellen von Theorien ein frustrierendes Ende. Ohne entsprechende versteckte Hinweise errät man diese Lösung ohnehin nicht. Damit verpufft durch das Abweichen vom Rezept für einen guten Roman auch jeglicher Lesespaß, den man an einem spannenden Thriller haben kann. La vie secrète des écrivains lässt Musso so nicht nur im Ofen anbrennen, sondern macht nach der Wahl von Titel, Cover sowie der Zutaten so ziemlich alles falsch, was man nur falsch machen kann.

Guillaume Musso: La vie secrète des écrivains

Calmann-Lévy, 384 Seiten

Preis: 8,40 Euro

ISBN: 978-2-253-23763-1

Guillaume Musso: Ein Wort, um dich zu retten

Pendo, 336 Seiten

Preis: 16,99 Euro

ISBN: 978-3866124837

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