Ein neues Dorf für die Weltliteratur

Bela B Felsenheimer: Scharnow Cover: Wilhelm Heyne Verlag

Bela B Felsenheimer: Scharnow Cover: Wilhelm Heyne Verlag

Bela B Felsenheimers Scharnow ist ein Romandebüt, das es in sich hat: Reichlich konfus, voller comicartiger Effekte, Lyrismen, Thriller- und Science-fiction-Anklänge zeichnet der Ärzte-Drummer das sprachliche Panorama einer fiktiven Kleinstadt in Brandenburg, deren Bewohner sich einem Strudel rätselhafter Ereignisse ausgesetzt sehen. Leser, die bereit sind, ihren hermeneutischen Scharfsinn zu vernachlässigen und sich auf einen unterhaltsamen Trip zu begeben, werden begeistert sein.

von HELGE KREISKÖTHER

In erster Linie ist Dirk Felsenheimer alias Bela B Schlagzeuger, Gitarrist und Sänger. Als solcher gehört er zur allseits bekannten, 1982 gegründeten Punkrockband Die Ärzte, die ihre Fans 2019 vor allem mit Auftritten bei Rock am Ring und dem Nova Rock Festival in Österreich beglücken wird. Darüber hinaus tritt er seit den frühen 2000er Jahren aber auch als Schauspieler, Synchronsprecher und Zeichner in Erscheinung. Und auch die Literatur gehört offensichtlich zu den langjährigen Leidenschaften des charismatischen, 1962 geborenen Künstlers, denn nach einigen Hörbuchrollen, Kurzgeschichten und Lesungen (z. B. 2018 die Laugh Letters gemeinsam mit Katharina Thalbach und Micky Beisenherz bei der lit.RUHR) präsentiert Bela B nun seinen ersten, 400 Seiten starken Roman.

Scharnow ist, wie der Autor verrät, seinen eigenen Jugendjahren in Berlin-Spandau gewidmet. So verwundert es nicht, dass der titelgebende 4.200-Seelen-Ort mitten im brandenburgischen Niemandsland, gute einhundert Kilometer westlich von Berlin, angesiedelt ist (eine eigenhändige Zeichnung mit allen Schauplätzen und Wohnorten der Protagonisten liegt bei). Eingebettet zwischen dem von homosexuellen Eichhörnchen bevölkerten Scharnower Forst und dem deutlich mondäneren, durch weniger Rechtsradikale geprägten Sahsenheim, dient er als Ausgangs- und Knotenpunkt verschiedenster (teils glaubwürdiger, teils surrealer) Vorfälle, die schlussendlich alle in Beziehung zueinander stehen. Sein Lektor habe nach der Fertigstellung des Romans so manche Passage mit „What the Fuck“ kommentiert, erzählte Bela B im ZDF-Kulturmagazin Aspekte. Gleichwohl habe er darauf bestanden, dass alles genauso drinbleibt, wie er es sich ausgedacht hat – ein Segen für diejenigen, die vielleicht befürchtet haben, mit Jonas Jonassons Hundertjährigem habe die Gegenwartsliteratur den Zenit ihres Einfallsreichtums erreicht.

Von Flugkünstlern, Weltenlenkern und überforderten Provinzbullen

Inhaltsangaben bzw. -umschreibungen laufen im Falle von Scharnow nahezu unvermeidlich ins Leere. Vielmehr kann man sich über die zahlreichen, mal mehr, mal weniger liebenswürdigen Figuren, die diesen Roman wie im Wimmelbilderbuch durchwuseln – Bela B führt sie in Dostojewskij’scher Manier in einem vorangestellten (wohl absichtlich begrenzt informativen) Personenverzeichnis in alphabetischer Reihenfolge auf –, dem „Plot“ annähern. Zentral ist etwa Trotsky (man denke an Leo Trotzki), der unter dem Chatnamen „HeidEgg“ (Martin Heidegger lässt grüßen) verschwörungstheoretisch ambitionierte Hobbyschützen zur Tötung vermeintlich telepathiefähiger Haustiere beauftragt, dann jedoch mit der Diagnose Leukämie konfrontiert wird und kurzerhand vom Boden abhebt, um als zerstörungswütige „Fledermaus“ die Polizei in Atem zu halten – wider allem Anschein ein gutherziger Mensch. Weiterhin der junge Hamid Yussuf Kaoum, der aus Syrien geflüchtet ist und als Praktikant im Billkauf Zeuge eines Überfalls wird, den die spärlich bewaffneten, stark betrunkenen und zu allem Überfluss nackten, ebenso ehrgeizigen wie desaströs planlosen Mitglieder des „Pakts der Glücklichen“ begehen, um ihre Alkohol- und Chipsvorräte aufzufüllen. Welch Glück für ihn – und welch Gelegenheit für den mitunter eindrucksvoll zartfühlenden Autor –, dass er hierbei dem 17-jährigen, dunkel geschminkten Mangamädchen Nami, das in Scharnow eigentlich nur sein geliebtes „Omili“ besuchen wollte, näherkommt…

Als „Leitmotive“ fungieren darüber hinaus ein furchteinflößendes und wortwörtlich sehr geschwätziges Buch mit dem Titel Horror Vacui, das zwar keiner so recht besitzen möchte, das aber dennoch jeden in seinen Bann zieht, Rex Gildos größter Hit Fiesta Mexicana – Hossa!, ekelhafte Splatterfilme (angemessen wertgeschätzt nur auf VHS) und die Pornoindustrie in all ihren sympathischen Erscheinungsformen.

„Was ist bloß in diesem Kuhkaff hier los?“

Diese Frage stellen sich viele Romanfiguren – zumal der ausschlaggebende, absurd-ereignisreiche Tag des Überfalls, an dessen Ende sich die beiden minderbemittelten Weinbarth-Brüder als Reservepolizisten auch noch vor dem entscheidenden Zugriff gegenseitig den Kopf wegpusten, ein harmloser Mittwoch ist. Die Lektüre wird demnach, wie man sich leicht vorstellen mag, niemals langweilig. Besonders erfreulich ist darüber hinaus aber, dass Bela B mit Scharnow mehr als bloßes „Entertainment“ oder ein oberflächliches Buch für Cinephile vorlegt. Gerahmt durch einen Prolog und einen Epilog, unterteilt in die Abschnitte „Scharnow – Tag X“, „Scharnow – Erster Tag danach“, „Scharnow – Zweiter und dritter Tag danach“, „Scharnow – 14 Tage später“, und unterbrochen durch die Zwischenspiele „Der Junge“ und „Der telepathische Zirkus“, entfaltet der Roman auch für anspruchsvollere Leser einen nicht zu verleugnenden Sog. Dafür zeichnen Zeitsprünge (etwa in die DDR), Episoden zwischen „Seelenwanderung“, (Hunde-)Jenseits und Wiedergeburt, vor allem aber die kunstvolle Verwebung der individuellen Figurenschicksale verantwortlich. Gewisse Protagonisten tauchen im Fortlauf der Handlung immer wieder auf, entblößen mitunter erst spät ihre wahren Identitäten und lassen geradezu beiläufig – wehe dem, der bei der Lektüre zu wenig Konzentration aufbringt – ihre Beziehungen zu den Nachbarn, Kollegen, Gesinnungsgenossen oder Auftraggebern erkennen.

Nachvollziehbarerweise geht an der einen oder anderen Stelle die Fantasie mit Bela B durch. Ob es die UFOs oder das sprechende Nashorn gegen Ende wirklich gebraucht hätte, ist eine Geschmacksfrage. Allerdings werden die meisten Figuren, wie schon angedeutet, so warmherzig mit Leben gefüllt, dass Geschmacks-, geschweige denn Genre- oder Wahrscheinlichkeitsfragen zu vernachlässigen sind. Wer nimmt etwa nicht Anteil am Schicksal der Supermarktkassiererin Sylvia Pathé, die sich, von einem paranoiden Düngemittel-Milliardär im Stich gelassen, trotz Bäuchlein und Zellulitis auf den Pornodarsteller Dave alias Peter einlässt, bevor dieser ebenso von übereifrigen Zeitgenossen abgeknallt wird wie ihre Hündin Cloudy und ihr Kater – ja, er heißt ebenso – Dave? Und wer freut sich nicht für den Oscar Wilde zitierenden Pseudo-Gangster Pit, dass er als Patty endlich zu seiner wahren sexuellen Identität findet?

Scharnow vermeidet keineswegs Bezüge zu tagespolitischen Debatten (Flüchtlingskrise, Neonazitum, Verschwörungstheorien, Transsexualität u. a.), doch werden diese nicht klischeehaft literarisiert, sondern mit einer großen Portion Humor en passant in die fiktiven Begebenheiten integriert. Felsenheimers Erstling ist folglich ein mit Lebensfreude gefüllter Roman, der nicht platt oder mit unsinnigen Verweisen auf übergroße Vorbilder daherkommt, sondern dank der Erfindungs-, Fabulier- und Vergleichslust seines Autors („Trotzdem nagte das Misstrauen an ihm wie ein Eichhörnchen an einem verblichenen Kuhschädel“) durchaus eine Lücke in der jüngeren deutschsprachigen Literaturszene schließt. Zwar sollte ehrlicherweise eingeräumt werden, dass Scharnow bei Weitem nicht so erfolgreich – und bei Filmregisseuren bereits heißbegehrt – wäre, wenn der Autor nicht Bela B hieße, doch dürfen wir umso mehr auf weitere Prosaprojekte des Punkrockers gespannt sein.

 

Bela B Felsenheimer: Scharnow
Wilhelm Heyne Verlag, 416 Seiten
Preis: 20,00€
ISBN: 978-3-453-27136-4

 

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